Mütter auf die Eins! Warum Sorgearbeit endlich politisch zählen muss

“Mamaaaaaaaaaa,……” Hört ihr auch, oder? Egal ob beim Frühstück, bei den Hausaufgaben, im Garten oder am Abend. Zwischen Liebe für dieses Wort und einem Augenrollen können manchmal bei mir Sekunden liegen. Damit bin ich nicht alleine.  Es gibt Dinge, die funktionieren in unserer Gesellschaft nur, weil Menschen sie jeden Tag tun. Oft ganz selbstverständlich. Oft nebenbei. Und meistens, ohne dass jemand groß darüber spricht.

Kinder versorgen. Für sie da sein, wenn sie krank sind. Termine organisieren, trösten, begleiten, zuhören. Den Alltag am Laufen halten. Sich um andere kümmern, auch dann, wenn man selbst eigentlich eine Pause bräuchte. Das ist Sorgearbeit. Und sie hält unsere Gesellschaft zusammen.

Als Mam weiß ich, wie viel Kraft darin steckt. Als Mutter mit Behinderung weiß ich auch, dass diese Kraft nicht unendlich ist. Dass ein ganz normaler Familienalltag manchmal schon eine Menge Energie kostet. Und dass die eigene Gesundheit dabei viel zu schnell in den Hintergrund rückt.

Genau deshalb ist mir das Care-Manifest des Müttergenesungswerks  so wichtig.

Mit seiner Kampagne „Mütter auf die Eins!“  macht das Müttergenesungswerk auf die Situation von Menschen aufmerksam, die Sorgearbeit leisten. Sieben konkrete Forderungen sollen dafür sorgen, dass Sorgearbeit gesellschaftlich anerkannt wird und die Gesundheit derjenigen geschützt wird, die tagtäglich für andere da sind.

Und ich finde: Es ist höchste Zeit dafür.

Wenn die Kraft nicht mehr reicht

Wir sprechen viel darüber, wie Familien Beruf und Kinder miteinander vereinbaren sollen. Darüber, wie Eltern den Alltag organisieren können. Darüber, wie Kinder gut aufwachsen und Angehörige versorgt werden. Aber wie oft fragen wir eigentlich, wie es den Menschen geht, die all das leisten?

  • Wer fragt die Mutter, die seit Tagen kaum geschlafen hat, weil ihr Kind krank ist?
  • Wer fragt den Vater, der neben seiner Arbeit einen pflegebedürftigen Angehörigen versorgt?
  • Wer fragt die Mutter mit chronischer Erkrankung, die jeden Tag neu abwägen muss, wofür ihre Kraft reicht und was heute liegen bleiben muss?
  • Und wer sorgt dafür, dass diese Menschen selbst gesund bleiben können?

Sorgearbeit ist keine unerschöpfliche Ressource. Sie kostet Zeit, Energie und manchmal die eigene Gesundheit. Und sie hört nicht auf, nur weil die eigenen Kräfte erschöpft sind.

Das Müttergenesungswerk macht in seinem Care-Manifest  deutlich, dass Sorgearbeitende verlässliche gesundheitliche Versorgung und gesellschaftliche Unterstützung brauchen.

Ein krankes Kind bleibt krank – auch nach dem zwölften Geburtstag

Die aktuelle Debatte um die Kinderkrankentage zeigt für mich sehr deutlich, wie wenig die Realität von Familien manchmal mit politischen Regelungen zusammenpasst.

Am 23. September 2026 erklärte Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann, dass die während der Corona-Pandemie ausgeweiteten Sonderregelungen wieder zurückgenommen werden sollten. Damit steht die Verlängerung der derzeit geltenden Kinderkrankentage über das Jahr 2026 hinaus infrage.

Für gesetzlich versicherte Eltern gelten 2026 grundsätzlich 15 Kinderkrankentage pro Kind und Elternteil, für Alleinerziehende 30 Tage. Die reguläre gesetzliche Regelung sieht grundsätzlich zehn Tage pro Kind und Elternteil vor.

Aber was bedeutet das eigentlich für Familien?

Ein Kind wird nicht plötzlich selbstständig, nur weil es zwölf Jahre alt wird. Ein Jugendlicher kann krank sein, Unterstützung brauchen und vielleicht nicht allein zu Hause bleiben. Betreuung endet nicht automatisch an einer Altersgrenze. Und Krankheit lässt sich nicht nach einem Kalender planen.

Ich wünsche mir eine Politik, die diese Lebensrealitäten ernst nimmt. Die nicht nur fragt, wie viele Tage eine Leistung kostet, sondern auch, was passiert, wenn sie fehlt.

Denn wenn Sorgearbeit nicht mehr geleistet werden kann, verschwindet sie nicht einfach. Sie bleibt an den Familien hängen.

Gesundheit ist keine Privatsache

Das Müttergenesungswerk fordert mit seinem Care-Manifest  konkrete politische Maßnahmen, um die gesundheitliche Versorgung von Sorgearbeit Leistenden zu stärken. Dazu gehören mehr Anerkennung, Prävention und verlässliche Unterstützung.

Das ist für mich ein ganz zentraler Punkt.

Wir dürfen nicht erst dann über Entlastung sprechen, wenn Menschen längst erschöpft sind. Wir müssen Sorgearbeit so gestalten, dass sie nicht dauerhaft auf Kosten der eigenen Gesundheit geht. Dazu gehören erreichbare Beratungsangebote, Vorsorge und Rehabilitation, verlässliche Unterstützung im Alltag und politische Entscheidungen, die Familien nicht zusätzlich unter Druck setzen.

Und dazu gehört auch, Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung mitzudenken. Denn Sorgearbeit sieht nicht in jeder Familie gleich aus. Wer selbst Unterstützung benötigt und gleichzeitig für Kinder oder Angehörige sorgt, braucht Rahmenbedingungen, die diese Realität berücksichtigen.

Mütter auf die Eins!

Ich möchte dieses Care-Manifest unterstützen, weil es eine Frage stellt, die viel zu selten gestellt wird:

Wer sorgt eigentlich für die Menschen, die für andere sorgen?

Es geht nicht darum, Mütter gegen Väter auszuspielen oder Sorgearbeit ausschließlich Frauen zuzuschreiben. Es geht darum, anzuerkennen, dass diese Arbeit unsere Gesellschaft trägt und dass die Menschen dahinter Unterstützung brauchen.

Es geht um Gesundheit. Um Entlastung. Um Teilhabe. Und um die Möglichkeit, für andere da zu sein, ohne dabei selbst auf der Strecke zu bleiben.

Deshalb möchte ich das Care-Manifest des Müttergenesungswerks weiterverbreiten und dazu beitragen, dass diese Forderungen sichtbar werden.

Denn Sorgearbeit ist keine Privatsache.

Sie geht uns alle an.

wheelymum

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