Was ist eine EUTB und was passiert da? Nicole erzählt uns von ihrer Arbeit in der Beratungsstelle

In den letzten Beiträgen zum Thema Elternassistenz kam auch immer wieder der Tipp, dass ihr euch beraten lassen könnt und auch solltet. Dazu gibt es verschiedene Anlaufstellen. Eine davon sind die Unabhängigen Teilhabeberatungen. Diese umfassen so viel mehr als Elternassistenz.

Besonders wichtig ist es, dass es auch hier viele Peer – Beratungen, also von eigenen Betroffenen gibt. Wer könnte uns darüber am besten etwas erzählen, als jemand der selbst in einer EUTB arbeitet. Also Bühne frei für Nicole.

Nicole ist Mitte 40 Mama von vier Kindern, die bis auf die jüngste (14 Jahre alt) aber alle schon erwachsen und aus dem Haus sind. Früher hat sie als Erzieherin gearbeitet. Nach vielen anderen schönen Berufen, immer mit Familien und Kindern, ging es ihr körperlich schlechter. Ich lasse Nicole einfach mal ein wenig erzählen:

“Mit meiner Gehstrecke ging es jedenfalls über die Zeit bergab und seit Sommer 2014 nutze ich für alle Wege draußen meinen Rolli Rolf. 2015 (da waren alle Kinder aus dem Gröbsten raus) fing ich an, mir ernsthafte Gedanken über meine berufliche Zukunft zu machen und brachte dabei meine Fähigkeiten zusammen. Das führte dazu, dass ich erstmal ein dreimonatiges Praktikum in einer Erziehungsberatungsstelle machte. Dort habe ich soviel Zuspruch und Ermutigung von den Kolleg:innen erfahren, dass ich mich dann im Herbst 2016 an das Studium der Sozialen Arbeit traute.

Im März 2020 konnte ich dann mit zwei Vormittagen in der Woche die Arbeit hier in der EUTB Northeim beginnen, ein Geschenk des Himmels für mich!”

Und über diese Arbeit und was Nicole so dort macht und erlebt, berichtet sie uns heute.

 

 

Was ist die EUTB?

EUTB bedeutet Ergänzende Unabhängige Teilhabe-Beratung. Diese Beratungs-Stellen sind 2018 mit dem Bundesteilhabegesetz (BTHG) entstanden. Überall in Deutschland könnt ihr Beratungs-Stellen finden. Auf der Seite https://www.teilhabeberatung.de könnt ihr nach der für euch nächsten Beratungsstelle suchen.

Wir beraten Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen und ihre Familien und Freunde. Dabei geht es oft darum, welche Rechte und Unterstützungs-Möglichkeiten Menschen mit Behinderungen haben. Wir beraten, welche Anträge wo gestellt werden können, um zum Beispiel Assistenz-Kräfte oder bestimmte Hilfsmittel zu bekommen.

Dabei arbeiten wir ergänzend zur Beratungs-Pflicht, die Leistungs-Träger wie Kranken-Kasse, Renten-Versicherung, Sozial-Amt, Integrations-Amt, haben. In der EUTB arbeiten häufig Menschen, die selbst mit einer Behinderung leben und gleichzeitig sich mit Beratung auskennen. Das nennt sich „Peer-Beratung“ und hilft oft, dass ein Gespräch auf Augenhöhe stattfinden kann.

Unser Ziel ist immer, für alle die größtmögliche Selbstbestimmung und Teilhabe herzustellen. Dabei arbeiten wir unabhängig von Leistungs-Trägern, die beantragte Leistungen bewilligen oder ablehnen können. Sondern wir haben immer die Wünsche und Bedürfnisse unserer Rat-Suchenden im Blick und stehen hinter ihnen. Wenn es gewünscht ist, sind wir als Vertrauens-Personen bei Amts-Gesprächen, zum Beispiel bei der Bedarfs-Ermittlung, dabei.

Im Moment beraten wir oft am Telefon oder verabreden eine Video-Konferenz. Besuche und Gespräche in der Beratungs-Stelle sind aber teilweise auch möglich. Wenn Corona vorbei ist, machen wir auch wieder Haus-Besuche.

Unsere Beratungs-Stelle ist barrierefrei zu erreichen. Das Beratungs- Gespräch bei uns ist immer freiwillig und kostenlos. Alle Berater:innen stehen unter Schweige-Pflicht. Das bedeutet, dass wir niemanden etwas über die Gespräche bei uns erzählen dürfen. Alle Informationen aus den Gesprächen sollen helfen, die Rat-Suchenden und ihre Lebens-Situation besser zu verstehen. Alle Rat-Suchenden entscheiden selbst, worüber sie sprechen möchten. Deshalb braucht niemand Angst vor einem Gespräch mit uns zu haben.

Unser Wissen zum Reha-Recht (das im Sozial-Gesetz-Buch 9 steht) haben wir aus verschiedenen Quellen. Das Sozial-Recht insgesamt ist leider sehr kompliziert, darum besuchen wir Berater:innen auch regelmäßig Fort-Bildungen. Als Grund-Wissen haben alle Berater:innen eine einwöchige Grund-Qualifizierung gemacht. Und es gibt in Berlin eine Fach-Stelle, die für alle EUTBs in Deutschland da ist. Dort können wir Fragen stellen, wenn wir selbst nicht weiter wissen. Und die Fach-Stelle schickt uns Info-Briefe zu allen wichtigen Themen. Manchmal fragen wir auch zu ganz speziellen Themen unsere Rechts-Anwältin, die ein Büro weiter arbeitet.

Meine Grund-Qualifizierung findet wegen Corona als Online-Seminar erst in einigen Wochen statt. Ich habe mich im letzten Frühling im Home-Office in alle Info-Briefe eingelesen. Etwas Wissen brachte ich aus meinem Studium der Sozial-Arbeit mit. Dort hatte ich Seminare zum Sozial-Recht und ich habe mich ein Semester lang im Vertiefungs-Fach mit Reha-Recht für Menschen mit Behinderung beschäftigt. Im anderen Vertiefungs-Fach habe ich viel über Früh-Förderung von Kindern gelernt. Außerdem habe ich im Studium geübt, wie ich am besten ein Beratungs-Gespräch führe und welche Fragen gut sind. Meine Kollegin hat außerdem eine Ausbildung als systemische Beraterin und Familientherapeutin. Damit ist sie echter Profi im Führen von Beratungs-Gesprächen!

Am wichtigsten ist aber, dass wir beide selbst mit einer Behinderung leben. Wir sind „peers“, das heißt, wir sind ähnlich wie die Rat-Suchenden. Deshalb können wir viele Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen sehr gut verstehen. Schließlich erleben wir in unserem Alltag oft ganz Ähnliches, zum Beispiel durch bauliche Barrieren oder Benachteiligungen. Um in jedem einzelnen Fall einen guten Weg zu finden, reden meine Kollegin und ich oft miteinander und wir beraten uns gegenseitig. Das ist sehr wichtig und nennt sich „Selbst-Reflexion“. Wir fragen uns immer wieder kritisch, ob unser Vorgehen wirklich zum Ziel führt und ob den Rat-Suchenden damit geholfen wird. Manchmal fragen wir andere Expert:innen um Rat. Dafür sind wir in unserem Landkreis gut vernetzt mit vielen anderen Beratungs-Stellen und Angeboten für Menschen mit Behinderung.

Die Arbeit in der Beratungs-Stelle macht mir sehr viel Freude, weil ich mein Wissen und meine eigenen Erfahrungen mit in die Beratung einbringen kann. Und ich lerne mit jedem geführten Gespräch dazu, weil jede Lebens-Situation und Frage von Rat-Suchenden an uns einzig-artig sind. Oft begleiten wir über eine längere Zeit und werden zu Vertrauens-Personen, weil Antrags-Verfahren leider viel zu lange dauern. Oft machen wir dann Mut, Widerspruch gegen Amts-Entscheidungen einzulegen oder wir begleiten zu Bedarfs-Ermittlungs-Gesprächen. Damit am Ende eines Beratungs-Prozesses eine gute Lösung für die Rat-Suchenden herauskommt. Eine gute Lösung heißt, dass damit die Selbst-Bestimmung und die Teilhabe am ganz normalen Leben verbessert wird und die Ratsuchenden am Ende zufrieden sind.

Ich finde es so wichtig, dass es diese Stellen gibt. Danke für eure Arbeit und für deine Offenheit, liebe Nicole. Ihr könnt unter diesen Beitrag gerne eigene Erfahrungen schreiben oder ihn teilen. Wenn ihr noch direkte Fragen habt, könnt ihr euch an Nicole wenden: 

Nicole.Romanus@sovd-nds.de oder unter  05551-9962634.

Eure

wheelymum

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