Ich öffne web.de. Möchte zu meinem Postfach. Doch dann bleibe ich in einer Überschrift hängen. Nicht, weil sie besonders gut geschrieben ist. Sondern weil ich mich frage, was genau daran jetzt eigentlich die Nachricht sein soll.
„Im Rollstuhl zum Musical“ steht über einem Artikel über Peter Weck. 96 Jahre alt, ein bekannter Schauspieler, ein Musicalbesuch in Wien, seine Lebensgefährtin an seiner Seite. Ein schöner Anlass, könnte man meinen. Ein Abend im Theater, ein bisschen Kultur, vielleicht ein Wiedersehen mit Menschen, die man lange nicht gesehen hat. Aber nein. Da steht der Rollstuhl. Gleich ganz oben. Als wäre er der eigentliche Hauptdarsteller des Abends.
Und ich sitze davor und denke: Aha. Im Rollstuhl also. Zum Musical. Das ist offenbar eine Nachricht wert.
Ich weiß nicht, wie oft ich schon irgendwo im Rollstuhl angekommen bin, ohne dass jemand daraus eine Geschichte gemacht hat. Im Supermarkt. Im Café. Bei einer Schulveranstaltung. Im Theater. Wobei ich zugeben muss, dass gerade Letzteres manchmal tatsächlich eine Geschichte für sich ist. Nicht unbedingt wegen des Stücks, sondern wegen der Frage, ob ich überhaupt hineinkomme, wo ich sitzen darf und ob die Toilette mehr als ein gut gemeintes Versprechen ist.
Aber das ist eine andere Geschichte. Und vielleicht ist es genau diese andere Geschichte, die mich an solchen Überschriften so beschäftigt.
Denn natürlich ist es eine Tatsache, dass Peter Weck im Rollstuhl unterwegs ist. Natürlich gehört seine gesundheitliche Geschichte zu seinem Leben. Und selbstverständlich darf darüber berichtet werden. Es geht mir auch nicht darum, so zu tun, als wäre eine Behinderung einfach nicht da. Das wäre ungefähr so sinnvoll, wie mich auf einem Familienfoto so lange hinter einer Zimmerpflanze zu verstecken, bis niemand mehr merkt, dass ich im Raum bin.
Es geht mir um etwas anderes.
Warum wird ausgerechnet der Rollstuhl zur Schlagzeile, wenn ein Mensch etwas tut, das für andere Menschen ganz selbstverständlich ist? Peter Weck ist alt. Er hatte einen besonderen Abend. Ein Musicalbesuch ist schließlich erst einmal ein Musicalbesuch. Man kauft eine Karte, macht sich auf den Weg, schaut sich etwas an und geht danach vielleicht noch etwas essen. Oder man ist froh, endlich wieder zu Hause zu sein, weil die Sitze unbequem waren und das Stück länger gedauert hat als gedacht. Auch das wäre eine durchaus menschliche Geschichte.
Bei Menschen mit Behinderung scheint es aber manchmal, als müsse man noch eine zweite Geschichte erzählen. Die vom Körper, der nicht mehr so funktioniert wie früher. Die von der Krankheit, dem Schicksal, dem Kampf. Und am Ende steht dann dieses kleine, unscheinbare Wort, das so viel über unsere Vorstellung von Behinderung verrät: trotzdem.
Trotz seines Alters. Trotz seines Schlaganfalls. Trotz des Rollstuhls.

Als wäre das Leben mit einer Behinderung eine einzige große Trotzreaktion.
Ich kenne dieses Trotzdem. Es begegnet mir in Sätzen, die vermutlich nett gemeint sind. Wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin und jemand staunt, dass wir das alles machen. Wenn ich etwas unternehme und es heißt, wie toll ich das trotz meiner Einschränkungen hinbekomme. Manchmal möchte ich dann sagen: Ich habe heute eigentlich nur versucht, einen schönen Tag mit meiner Familie zu verbringen. Keine Sorge, ich habe dabei keine Heldinnenmedaille erwartet.
Und gleichzeitig weiß ich, dass vieles eben nicht selbstverständlich ist. Nicht, weil ich im Rollstuhl sitze und deshalb das Leben nur noch in kleinen, besonders wertvollen Momenten genießen könnte. Sondern weil unsere Welt an so vielen Stellen immer noch davon ausgeht, dass Menschen laufen, Treppen steigen, lange stehen und sich irgendwie schon arrangieren können.
Nicht der Musicalbesuch im Rollstuhl ist das eigentliche Problem. Sondern die Vorstellung, dass er eine besondere Leistung sein muss. Was für einen Rollstuhlfahrer möglich ist, muss es für den nächsten noch lange nicht sein. Aber das lässt sich auf vieles übertragen. Mein Opa ist auch 96 Jahre alt. Er könnte nicht ins Musical. Egal ob mit oder ohne Rollstuhl.
Wenn ich mit meiner Familie etwas unternehmen möchte, beginnt die Geschichte oft lange vor dem eigentlichen Ausflug. Ist der Eingang stufenlos? Gibt es einen Aufzug? Ist der Rollstuhlplatz wirklich ein Platz, auf dem ich mit meiner Familie zusammensitzen kann? Gibt es eine Toilette, die diesen Namen verdient? Und wie kommen wir überhaupt wieder nach Hause, wenn etwas nicht funktioniert?
Manchmal ist das alles geklärt. Manchmal scheitert der schöne Plan an einer einzigen Stufe. Dann sitze ich nicht da und denke, wie bewundernswert es ist, dass ich trotz allem einen Ausflug machen wollte. Dann bin ich schlicht genervt, weil ich mit meiner Familie etwas erleben wollte und die Rahmenbedingungen nicht stimmen.
Das ist keine Heldinnengeschichte. Das ist Alltag. Und vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen einer Berichterstattung, die Behinderung sichtbar macht, und einer, die sie immer wieder zur Besonderheit erklärt. Ich möchte nicht, dass der Rollstuhl verschwindet. Ich möchte, dass er seinen Platz haben darf, ohne gleich die ganze Geschichte zu übernehmen.
Peter Weck ist nicht nur ein Mann im Rollstuhl. Er ist ein Mensch mit einem langen Leben, einer Geschichte, einer Partnerschaft und vermutlich auch mit ganz eigenen Vorlieben dafür, wie er seine Abende verbringen möchte. Vielleicht hatte er Lust auf das Musical. Vielleicht hat er sich auf den Abend gefreut. Vielleicht war es einfach schön, wieder einmal dort zu sein. Und vielleicht müssen wir gar nicht immer aus allem eine Geschichte über das Überwinden machen.
Manchmal reicht es, wenn ein Mensch einen schönen Abend hat.
Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann an dem Punkt ankommen, an dem ein Rollstuhl nicht mehr automatisch die Überschrift liefert. An dem wir nicht jedes Mal staunen müssen, wenn ein Mensch mit Behinderung am Leben teilnimmt. Und an dem wir genauer hinschauen, wenn Teilhabe tatsächlich verhindert wird.
Denn wenn ich im Rollstuhl zum Musical fahre, dann möchte ich vor allem eines: das Musical sehen. Und nicht am Ende selbst die Vorstellung sein.
