Vor einiger Zeit stand eine Veranstaltung für die Kinder an. T-Shirts sollten bemalt werden. Ich hatte meinem Kind morgens eines eingepackt, das schon bei uns im Schrank wohnte. Es passte. Es war sauber. Es hatte noch nicht um seine vorzeitige Ausmusterung gebeten.
„Wir haben schon eins dabei“, sagte ich.
„Ach, wir haben für alle Teilnehmenden neue T-Shirts mit organisiert“, kam freundlich zurück.
Ich habe gelächelt, über legt das das T-Shirt wieder einzupacken und weiterzumanchen. Ich gab es meinem Kind.
Eigentlich kein großes Ding. Und trotzdem dachte ich später noch darüber nach. Irgendwas störte mich. War es der Ton in dem es gesagt wurde? Habe ich etwas falsch aufgefasst? Ich konnte es nicht greifen. Aber es blieb präsent.
Nicht, weil neue T-Shirts plötzlich zu den großen Verbrechen der Menschheit gehören. Und auch nicht, weil ich finde, dass man grundsätzlich alles auftragen muss, bis es nur noch aus Fäden und guten Erinnerungen besteht. Für mich ist es einfach naheliegend: Wenn etwas da ist, passt und seinen Zweck erfüllt, darf es bleiben.
Das ist keine besonders spektakuläre Lebensphilosophie. Eher die Kategorie: Schrank auf, Problem gelöst. Und trotzdem steckt darin etwas, das mich gesellschaftlich beschäftigt. Nachhallte in mir. Denn dieselbe Handlung bekommt erstaunlich unterschiedliche Etiketten – je nachdem, wer sie ausführt. Das zeigte sich immer mehr in meinem Gefühl. Nachhaltigkeit, Konsum, Geld, Normen und Werte … plötzlich vermische sich alles bei mir.
Wenn jemand mit ausreichend Geld gebraucht kauft, Dinge repariert oder bewusst nichts Neues kauft, nennen wir das schnell nachhaltig, ressourcenschonend, bewusst. Wenn jemand mit wenig Geld dasselbe tut, lautet die Erklärung dagegen oft:
Das können sie sich eben nicht leisten.
Und damit passiert etwas Merkwürdiges. Aus einer Entscheidung wird eine Notwendigkeit. Aus einer Haltung eine Einschränkung.
Aus Nachhaltigkeit wird plötzlich Sparzwang. Als hätten Menschen mit wenig Geld zwar weniger auf dem Konto, aber gleich auch weniger Mitspracherecht bei ihren eigenen Werten. Natürlich ist Geld wichtig. Es wäre ziemlich weltfremd, das Gegenteil zu behaupten. Wenig Geld kann bedeuten, dass man auf Dinge verzichten muss. Dass man genauer rechnen muss. Dass manche Möglichkeiten gar nicht erst zur Auswahl stehen. Aber daraus folgt doch nicht automatisch, dass Menschen keine eigenen Entscheidungen mehr treffen. Eine Familie kann wenig Geld haben und trotzdem sagen:
Wir möchten Dinge lange benutzen. Wir möchten nicht für alles etwas Neues kaufen. Wir finden Nachhaltigkeit wichtig.
Wir möchten unseren Kindern zeigen, dass „neu“ nicht automatisch „besser“ bedeutet.
Dieses Gefühl kristalisierte sich bei mir immer mehr heraus. Es ist gesellschaftlich. Politisch. Es ist aber auch in unserer unmittelbaren Umgebung. Auch bei mir werden oft Vorannahmen getroffen. Auf Grund der Behinderung oder des Rollstuhls, werden wir als Familie in Schubladen gesteckt. Klassismus steckt in so vielen oder vielem. Ich dachte auch: Jetzt übertreib mal nicht. Das mit dem Shirt für alle, war sicher super praktisch, niemand kann es vergessen und so weiter. Aber es gibt eben diese Tage an denen manche Sätze nachhallen. Ohne dass das Gegenüber hier eine böse Absicht hatte, oder ähnliches.
Und vielleicht liegt deshalb schon wieder ein altes T-Shirt im Schrank. Nicht nur, weil ein neues gerade nicht drin wäre. Sondern auch, weil man gar kein neues möchte.
Beides kann gleichzeitig stimmen. Das ist vielleicht das Unbequeme daran. Wir lieben einfache Erklärungen.
Neues T-Shirt? Kann ich mir leisten. Altes T-Shirt? Kann ich mir nicht leisten.
Haken dran. Nur: Das Leben ist selten so ordentlich beschriftet wie ein gut sortierter Kleiderschrank. Menschen haben Werte. Auch wenn das Konto klein ist.
Sie haben Vorstellungen davon, wie sie leben möchten. Auch wenn der finanzielle Spielraum begrenzt ist. Und sie können sich bewusst gegen Konsum entscheiden. Vielleicht sogar besonders bewusst, weil sie viel genauer darüber nachdenken müssen, was sie tatsächlich brauchen. Was mich deshalb stört, ist nicht, dass manche Menschen mehr kaufen können. Das dürfen sie. Mich beschäftigt vielmehr, dass wir bei manchen Menschen hinter einem Verzicht eine Haltung vermuten – und bei anderen nur einen Mangel.
Bei den einen heißt es Minimalismus. Bei den anderen: Musste halt so.
Bei den einen ist es nachhaltig. Bei den anderen: Ging nicht anders.
Dabei wissen wir es schlicht nicht.
Wir sehen das T-Shirt. Wir sehen nicht die Gedanken, die dazu geführt haben. Und vielleicht sollten wir Menschen etwas häufiger zutrauen, dass sie selbst wissen, warum sie sich für etwas entscheiden. Auch dann, wenn ihre finanziellen Möglichkeiten kleiner sind. Man kann wenig Geld haben und trotzdem sehr genau wissen, was man wichtig findet. Man kann sparen müssen und Sparsamkeit trotzdem als Wert empfinden. Man kann sich etwas nicht leisten können und es trotzdem nicht haben wollen.
Das sind keine Widersprüche. Das ist Leben.
Und deshalb ist ein altes T-Shirt manchmal einfach ein altes T-Shirt. Manchmal ist es aber auch eine ziemlich klare Ansage: Wir haben schon eins. Warum eigentlich noch eins?
