Dieser Schmerz ist nicht meiner – Hat ein Workbook auch Grenzen?

Das Buch Dieser Schmerz ist nicht meiner von Mark Wolynn habe ich schnell und intensiv gelesen. Entsprechend groß war meine Vorfreude auf das Workbook. Hochmotiviert habe ich begonnen, mich noch intensiver mit den Gedanken und Ansätzen auseinanderzusetzen. Doch im Laufe des Buches hat sich meine Begeisterung verändert.

Die Aufmachung gefällt mir gut. Die Gliederung in 13 Kapitel finde ich hilfreich, und es gibt ausreichend Platz, um die Übungen direkt im Buch zu bearbeiten und eigene Gedanken festzuhalten.

Auch das Vorwort hat mir gefallen. Auf Seite 7 wird offen angesprochen, dass die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte aufwühlen und Ängste auslösen kann. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass zusätzliche Unterstützung notwendig werden könnte und das Workbook keinen Ersatz für eine psychologische Behandlung darstellt. Mit dieser Offenheit bin ich an das Buch gegangen.

Endlich einmal Zeit für mich

Die ersten Übungen fand ich richtig gut. Besonders die Ermutigung, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen, hat mich angesprochen. Denn sind wir einmal ehrlich: Genau das fehlt im Alltag häufig. Sich Zeit nehmen, innehalten und Gedanken sortieren, ohne direkt zur nächsten Aufgabe überzugehen.

Bei diesem Kapitel hat sich etwas in mir gesperrt

Doch bereits in Kapitel 2 regte sich bei mir Widerstand. Es geht um einen Bruch in der Mutter-Kind-Bindung.

Ich weiß, wie wichtig diese Bindung ist. Gleichzeitig sträubt sich etwas in mir, wenn ich diese Überschrift lese. Denn nicht jede Schwierigkeit in der Entwicklung eines Kindes lässt sich auf die Mutter-Kind-Bindung zurückführen. Davon bin ich überzeugt.

Ich schreibe das als Tochter und als Mutter. Mir ist wichtig, mich dagegenzustellen, wenn durch eine solche Schwerpunktsetzung – vielleicht auch unbewusst – erneut der Eindruck entsteht, dass die Verantwortung für die Entwicklung eines Kindes hauptsächlich bei der Mutter liegt. Auch wenn das Kapitel differenzierter ist, als es die Überschrift zunächst vermuten lässt, hat sich bei mir etwas gesperrt. Entwicklung ist komplex, und die Ursachen für Belastungen sind vielfältig.

Manche Fragen nehme ich mit, beim „Auflösen“ wird es mir zu viel

Natürlich beschäftigt sich ein Workbook mit dem Untertitel Praktische Ansätze, wie wir familiäre Traumata auflösen intensiv mit der Herkunftsfamilie. Das war mir bewusst. Tatsächlich gab es spannende Fragen, die ich mir so noch nie gestellt hatte. Manche Impulse haben mich zum Nachdenken gebracht und meinen Blick auf bestimmte Zusammenhänge erweitert.

Doch dieses „Auflösen“ wurde mir im Laufe des Buches zu viel.

Ich kann nachvollziehen, dass familiäre Erfahrungen über Generationen hinweg nachwirken und unser heutiges Leben beeinflussen können. Ich halte es für sinnvoll, solche Zusammenhänge zu hinterfragen. Aber lassen sich komplexe Traumata mithilfe der Übungen in einem Workbook tatsächlich auflösen?

Hier werde ich skeptisch. Der Begriff Trauma ist groß und sollte nicht für jede schwierige Erfahrung oder jedes wiederkehrende Muster gleichermaßen verwendet werden. Mir fehlt an manchen Stellen die Differenzierung zwischen dem, was uns geprägt hat, und dem, was sich durch bestimmte Übungen verändern lässt.

Das bedeutet nicht, dass ich die Übungen grundsätzlich infrage stelle. Einzelne Fragen, Ansätze und Impulse finde ich wirklich gut. Ich kann mir vorstellen, dass andere Menschen daraus wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Für mich persönlich passen jedoch die Komplexität des Themas und das Versprechen, familiäre Traumata aufzulösen, nicht immer zusammen.

Und trotzdem bleibt etwas für mich hängen

Das Hauptbuch hat mich neugierig gemacht. Das Workbook hat mir neue Fragen eröffnet, mich an anderen Stellen aber auch auf Abstand gehen lassen.

Ich finde es wichtig, sich bewusst Zeit für die eigene Familiengeschichte zu nehmen und familiäre Muster zu hinterfragen. Dennoch hat mich das Workbook nicht so überzeugt wie das Hauptbuch. Einzelne Impulse nehme ich mit, bei der Vorstellung, solche tiefgreifenden Erfahrungen durch Übungen auflösen zu können, bleibe ich kritisch.

Manchmal ist es bereits wertvoll, neue Fragen zu stellen, ohne auf jede davon eine fertige Antwort finden zu müssen.

wheelymum

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