Brüllender Löwe trifft auf Schmusekatze

Erstellt am 17. Mai 2016

Brüllender Löwe oder doch Schmusekatze. Wunsch oder Wut. Manchmal kommt man ganz schnell von dem einen zum anderen Punkt. Das ist bei Erwachsenen ab und an der Fall und bei Kindern noch viel schneller. Aber warum?  Kinder im Alter zwischen 2 – und 3 Jahren machen eine stetige und spannende Entwicklungszeit durch. Ihr Spracherwerb entwickelt sich weiter, sie sprechen in ganzen Sätzen, können anfangen ihre Gefühle auszudrücken und sind manchmal dennoch damit überfordert. Sie schwanken zwischen dem brüllenden Löwen und der anschmiegsamen Schmusekatze. Sie sind auf der Suche nach sich selbst und müssen ihren Platz bei sich und in der Welt finden.

Sie nehmen ihre Umwelt aktiv war, versuchen Dinge zu verändern und lösen sich immer mehr von ihren Eltern. Häufig wird dieser Zeitraum als: Terrible two, Trotzphase oder als Autonomiephase bezeichnet.  Manchmal geht einfach alles zu schnell oder die Kinder wissen selbst nicht so richtig, wohin mit sich, ihrem Wunsch, ihrer Wut. Denn wenn ein Wunsch nicht erfüllt werden kann, schlägt das für Außenstehende schnell in Wut um.

Mit dem Wort Wunsch ist hier eher Selbstbestimmung gemeint

und mit

Wut die Enttäuschung, wenn diese Selbstbestimmung aktuell nicht greift (oder greifen kann)

Das dieser Weg für alle Familienmitglieder nicht immer einfach zu gehen ist, steht außer Frage. Ich habe in dieser Zeit immer wieder gelernt, was Elternsein für uns auch bedeutet. Elternsein ist mehr als reine Liebe, Elternsein ist selbstverständlich auch Verantwortung, aber Elternsein ist für mich aus Aushalten. Ich muss Situationen aushalten können, damit ich meinen Sohn durch sie hindurch begleiten kann.

Wenn ich mir dies vor Augen halte, fällt es mir viel leichter, ihn durch eine intensive Phase zu begleiten. Denn Trotz – ist es nicht, was ihn dazu anregt so zu reagieren. Es ist vielmehr die Enttäuschung, die sich in unterschiedlichster Form ausdrückt. Aus diesem Grund finde ich den Begriff Trotzphase auch etwas irreführend. Das Wort Trotz impliziert das man sich bewusst gegen etwas aufbäumt, mit dem Gefühl im Recht zu sein. Der Löwe muss manchmal einfach brüllen.

Wenn ich nun meinen Sohn genau beobachte, dann merke ich ziemlich schnell, dass er nicht aus Trotz handelt. Er möchte sich nicht widersetzten, sondern ihn treibt etwas ganz anderes an! Er möchte seine Vorstellung umsetzten oder seinen Wunsch erfüllen (erfüllt bekommen)

Das sich Vorstellungen und Wünsche von verschiedenen Personen unterscheiden, passiert in jeder zwischenmenschlichen Begegnung. Wir haben Gründe für unser Tun und für unsere Entscheidungen. Unsere Kinder haben ebenfalls Gründe für ihr Tun, auch wenn sich diese uns Erwachsenen nicht immer erschließen. Eine ganz alltägliche Situation bei uns:

Junior nimmt sein Spielzugauto mit in den Sandkasten. Ich sage ihm, er soll es nicht mitnehmen, weil der Sand die Elektronik zerstört und es danach kaputt ist. Dies ist mein Grund, warum er DIESES Auto nicht mitnehmen soll.

Für ihn sieht die ganze Situation aber komplett anders aus. Er spielt im Sand und möchte sich ein Auto dazu holen, weil er dieses! Und genau dieses-  für sein Spiel gerade benötigt. Selbständig geht er nach oben  und sucht sich, in seinen Augen das zum Spiel genau passende Auto aus, und soll dieses nun nicht benutzen dürfen, weil ich – als Erwachsene – das sage?

Sehr unlogisch. Er hört meine Begründung überhaupt nicht. Denn er fühlt sich in seiner bewussten Entscheidung eingeschränkt und reagiert deswegen mit Wut und meistens einem Schreianfall.

Er hat entschieden. Autonom

Ich revidiere seine Entscheidung. Das kränkt ihn. Und das ist verständlich. Nur allzu menschlich. Er hatte einen Grund und ich versuche mich darüber hinweg zu setzten.

 

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Meine Alternative wird überhaupt nicht wahrgenommen.

Die Frage ist, wie gehe ich nun damit um?
Mir hat es sehr geholfen, zunächst einmal genau hinzusehen. Was ist der Grund, warum sich mein Kind gerade schreiend und strampelnd auf dem Boden wälzt?

Und ganz häufig stellt sich bei uns heraus: Er will etwas selber machen (und es klappt noch nicht) oder etwas selber entscheiden.

Nun komme ich wieder zum Anfang des Textes zurück. Als Eltern habe ich gelernt dieses Verhalten auszuhalten. Ich bin da und begleite. Aber ich kann es nicht abnehmen. Ich will es ihm auch gar nicht abnehmen, egal wie anstrengend das ist.

Wir Eltern helfen, indem wir nicht mit allen Mitteln versuchen eine Lösung zu finden, egal ob diese „erlauben“ ist, ablenken oder etwas ganz anderes, ist. Unsere Aufgabe ist es, da zu sein und zuzuhören, zur Kenntnis nehmen was geschehen ist und zu begleiten. Die Gefühle die das Kind hat sind da. Diese müssen wir sehen und ihm das Recht seiner Gefühle zusprechen. Das kann ganz unabhängig der Situation geschehen. Das Kind erfährt dabei, dass es gesehen und mit seinen Gefühlen wahr – und ernst genommen wird. Gleichzeitig erfährt es damit, dass keine Notwendigkeit besteht, eine schnelle Entschädigung zu finden, damit der Schmerz schnell endet, wenn einmal etwas schief geht.  Diese Erfahrung ist unendlich wichtig, denn (das Beispiel des Autos findet hier seine Grenzen) dadurch lernen Kinder, dass sie Gefühle aushalten und benennen können, und gleichzeitig, dass es nicht schlimm ist Fehler zu machen sondern man dadurch auch etwas lernen kann. So können wir Eltern ihnen ermöglichen neides zu sein. Brüllender Löwe und Schmuskatze. Je nachdem welches Grundbedürfnis gerade im Vordergrund steht.

Diese Phase ist ein weiterer Schritt in der Abnabelungsphase von Kindern und Eltern. Die Kinder entfernen sich weiter von ihren Eltern und gehen immer mehr eigene Wege. Sie treffen eigene Entscheidungen und finden eigene Lösungen. Damit sagen sie uns: „Lass mich ausprobieren, ich will das selbst können.“Gleichzeitig sind sie aber noch Kleinkinder und brauchen unsere Zuneigung und Hilfe. Selbständigkeit kann auch manchmal etwas Angst machen. Kinder sind verdammt schlau und wissen auch das. Damit wir Eltern das nicht vergessen, erinnern sie uns daran und zeigen: „ich kann schon viel alleine, aber ich brauche euch. Bitte seht mich und lasst mich nicht alleine.“

Genau in diesem Zustand zwischen Wunsch und Wut, Ablösen und Gesehen werden, befinden sich Kinder in dieser Zeit. In dieser Zeit lernen die Kinder so viel für ihr weiteres Leben. Es sind Meilensteine in der Entwicklung. Und diese sind manchmal anstrengend, laut, traurig und kräftezehrend.

Wir können diesen Weg gemeinsam gehen und unsere Kinder dadurch stark machen für ihr Leben. Sicher gebunden und mit viel, viel Liebe und Empathie.

Für uns Eltern bedeutet das Aushalten und Begleiten.

 

Dieser Beitrag ist der der Blogparade von Glucke und so zur Autonomiephase.

wheelymum

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