Sie sind aber mutig, mit dem Rollstuhl mit uns zu reisen – Meine Erlebnisse mit der Deutschen Bahn

Im Dezember hatte ich das Vergnügen mit der Deutschen Bahn zu reisen. Viele von euch, machen das täglich und leisten so einen großen Beitrag zum Umweltschutz. Ich würde das auch gerne und viel häufiger tun. Aber die Erfahrungen sind leider nicht die besten und der Supergau war im Mai 2019.

Mit Sophie und Alu für die Blogfamilia, war ich dann im August zu einem Gespräch bei der Deutschen Bahn eingeladen.Es wurde dort erzählt, dass z.B. der neue ICE 4 über eine zuggebundene Einstiegshilfe verfügt. Für mich war klar, ich muss das testen. Einige Zeit später las ich auf Twitter folgenden Tweet.

Ohhh, mal sehen was mich erwarten wird.
So folgten Kurzstreckenfahrten mit der Regionalbahn, die ich teilweise nur in eine Richtung nutzen konnte, da nach dem Bahnhofsumbau, nicht alle mobilen Rampen der Regionalbahn, auch auf dem Bahnsteig ausgefahren werden können (Bahnsteig zu hoch, um die Rampe auszufahren)

Es folgt eine kleine Zusammenfassungen meiner Erlebnisse:

  • Aufzug defekt – mit Rollstuhl kommt man aktuell nicht zum Gleis
  • Ein Zug in dem ich saß, musste geräumt werden. Ich kam nicht aus dem ICE und die Feuerwehr musste mich hinaus tragen.
    Der nächste ICE in den ich hineingetragen wurde, verfügte über 2 Rollstuhlplätze. Einer war bereits belegt, der zweite ab dem übernächsten Bahnhof reserviert. Für 3 Rollstühle war kein Platz, also musste ich erneut den Zug wechseln.
  •  Ein Zugbegleiter fragt mich, ob ich bereits zum Ausstieg angemeldet bin. Ich sage ihm, ich weiß es nicht, aber ob er bitte nochmal dort anrufen könnte. Er nimmt meine Hand und sagt: “Ich verstehe was sie meinen – und rufe gerne nochmal durch. So oft klappt es nicht”
  • Ich sitze in einem ICE mit einem Lift im Zug eingebaut. Wir fahren in den Bahnhof ein und es ist kein Mobilitätsservice zu sehen. Der Zugbegleiter sagt: „Zur Not müssen wir dieses Ding benutzen und hoffen, dass es dieses Mal geht“. Ich erwidere, dass es wohl nicht ganz so einfach sei, das zu bedienen. Er hebt die Augenbraue und sagt: „ Es ist wirklich etwas kompliziert“ Der Zugführer kommt dazu und ergänzt: „Vor allen Dingen ist es unheimlich langsam. In Österreich haben sie von der selben Firma diese Bauten, die sind fast doppelt so schnell“ – Wir testen es nicht, denn der Mobilitätsservice kommt doch noch.
  • Auf Grund einer Verspätung verpasse ich den Anschlusszug und soll in der Regionalbahn mit zum nächsten Bahnhof fahren. Es sind zwei Lokführer dabei, beide kommen um uns helfen, denn es tut ihnen sehr leid. Wir unterhalten uns ein wenig, da sich gerade wenig tut und alles etwas chaotisch ist. Kurz vor Weihnachten und der nächste Zug fällt aus.
  • Im ICE danach sind alle Rollstuhlplätze bereits belegt. Wir suchen gemeinsam nach einer Lösung und kommen dabei ins Gespräch. Einer sagt: „Sie sind aber mutig, dass sie immer noch mit uns reisen“ Ich lächle ihn an. Er schaut mich streng an und ergänzt: “Da wird man doch erst richtig behindert”
    Der andere: „In unserem Unternehmen ist noch so viel zu tun, was das Thema Barrierefreiheit angeht. Aber auch im Umgang mit den Menschen. Und manchmal muss man sich auch einfach etwas trauen und entscheiden und nicht immer nur Angst vor den Konsequenzen haben.“
    Einer der beiden muss zu seinem nächsten Zug. Der andere bleibt bei uns, bis wir wirklich wissen, mit welchem Zug wir fahren können und das die Einstiegshilfe genehmigt ist. Denn in diesem ICE ist die fahrzeuggebundene Einstiegshilfe defekt und es handelt sich um München HBF, der ja wie oben beschreiben als einer der Bahnhöfe zählt, wo dieses System eingesetzt wird.
  • Neue Reise neues Glück (Folgt noch in diesem Winter) Ich möchte von einem Bahnhof in Tirol aus zurück nach Hause fahren. Alle Daten und Umstiege sind angemeldet als ich die Rückmeldung bekomme: Die geplante Reise kann nicht wie gewünscht stattfinden. Auf meine Nachfrage, warum, wo genau das Problem sei, damit wir eine Lösung finden können, heißt es: Auf dem Regionalbahnhof in Tirol ist kein Hilfspersonal vorhanden und ich kann dort nicht in den Zug einsteigen.
    Erneut frage ich nach, ob dies denn nicht der Zug sei, der keine Stufen hat und ich lediglich im System angemeldet werden muss, damit die Stopps etwas länger sind, bekomme ich die Rückmeldung, dass man mich hier nicht anmelden kann. Nach zig Mails habe ich jetzt die Adresse der Österreichern MSZ erhalten und wollte darüber meine Fahrt selbst anmelden. ( 2 Stationen, dann bin ich wieder in Deutschland) Wollt ihr die Antwort lesen?
    “Bedauerlicher Weise ist uns beim von Ihnen gewünschten Zug keine Zugteam-/Lokführerinformation möglich.
    Grund dafür ist, dass es sich um einen Zug der DB Regio AG handelt (siehe Anhang) welcher ohne ÖBB Personal verkehrt > demnach können wir auch niemanden an Bord verständigen.Es tut uns leid, Ihnen in dieser Sache nicht helfen zu können; einzig die DB kann deren Personal Informationen zukommen lassen.”Die erneute Rückmeldung der Deutschen Bahn ist folgende (zwei Textgrößen größer geschrieben, als die Anrede und die Verabschiedung)“Auch für uns steht außer Frage, dass Sie in Bahnhöfen und Zügen unsere Unterstützung erwarten, um mit der Bahn unterwegs sein zu können. Eine Vormeldung an die Zugbegleiter ist für ausländische Bahnhöfe nicht möglich.”

Es bleibt dabei – Reisen mit dem Rollstuhl und der deutschen Bahn bleiben ein Abenteuer für mich. Dennoch werde ich weiter damit reisen. Der Umwelt zu Liebe. Und gleichzeitig nutze ich es als Übungen in
Vertrauen
Gelassenheit
Menschlichkeit
Laut sein

Wünscht mir Glück

wheelymum

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7 Kommentare

  1. Sabine

    Vielen Dank für den Bericht! Ich konnte ähnliches auf meiner Reise im Dezember feststellen, das Personal sehr freundlich und höflich, die Gegebenheiten eher mau. Regional ist bei uns kein Problem, die Züge haben besondere Bahnsteige und eingebaute Brücken über den Spalt, National reisen ist für mich fast unmöglich, weil ich einen breiteren Rollstuhl habe, mit dem sowohl der Hublift als auch die Gänge im Zug problematisch sind.

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Es bleibt einfach auch 2020 noch viel zu tun. Danke für deine Erfahrungen

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  2. Annina

    Hmm…die normale Bahn kommt für mich als Verkehrsmittel gar nicht mehr in Frage. Wenn ich verreise nehme ich gewöhnlich, vom geländefesten Rollstuhlzuggerät bis zu meinem elektrischen Treppensteiger und mobilen Klositz (man weiß ja nie) schwere Hilfmittel mit, dazu kommt dann noch 3-Fach-Klamotten und Windeln wegen meiner Inkontinenz, geht es auf einen Mittelaltermarkt, kommen noch die ganzen Gewandungssachen, Felle und so dazu…geht es auf ein Festival, extra großes Zelt und Co. fürs Behindertencamping. Also bräuchte ich mindestens 6 Helfer mit Handkarren als Begleiter..im Zug.
    Außerdem halten Züge selten da wo ich hin will und ich müßte mich immer nach der Bahn richten…und dazu ist mir meine eh beschränkte Lebenszeit zu kostbar.

    Mein Mann pendelt jeden Arbeitstag 3 Stunden mit der Bahn..weil es zwischen Augsburg Landkreis und München wirklich leichter ist, als auf der Autobahn…aber schön ist es nicht. Wenn einen die moderne Bahn eines lehrt, dann ist es seine Mitmenschen abgrundtief zu hassen.

    Schön sind dagegen Ausflugsfahren in historischen Dampfloks egal ob mit Kohle oder Schweröl betrieben…aber da hat man ja auch nur Zugfans als Mitreisende.

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Hui… das verstehe ich gut… Das ist ja unheimlich viel Material, was du da dabei hast.
      Verständlich, dass dann die Kapazitäten erreicht sind. Reist du dann mit dem Auto?

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      1. Annina

        Ja…wir haben uns extra eines mit sehr großem Ladevolumen ausgesucht. Glücklicherweise kann ich mit Krücken stehen und mich recht gut um/reinsetzen.
        Ich “reise” eh nicht soviel…aber wir besuchen z.B. gern meine Schwägerin, die 250 Kilometer entfernt wohnt und da übernachten wir auch mal..aber altes Haus mit Gästezimmer oben, heißt wieder Treppensteiger.

        In die Arbeit ist die Bahn gerade auf “großen” Strecken aber eine brauchbare Alternative…allein weil es auf der A8 bei uns ja immer Unfälle und Stress gibt.

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  3. Bärbel

    Ich bin mit einem 15 km Elektromobil unterwegs und da fangen die Probleme bereits bei den Aufzügen an, die ich, wenn sie nicht entsprechend lang sind (1,32 m) nicht benutzen kann, weil die Tür dann nicht mehr schliesst. Die DB nimmt mich gar nicht mit, weil das Elektromobil länger als 1,20 m ist. Busse wollen mich auch nicht mehr mehr mitnehmen, was sie vor ca. 2,5 Jahren noch problemlos gemacht hatten. Leider liegen aber die schönen Gegenden wie Wassser, Wald also schöne Natur nicht vor der Haustür sondern meist in der Umgebung von Berlin, wo ich also nicht mehr hinkommen kann, was ich sehr bedauerlich finde. Ich habe nur ein G und B aber kein Ag und kann deshalb auch nicht den Bus für Behinderte nutzen, der mich bis an die Stadtgrenze von Berlin bringen könnte. Für eine Parkscheibe hatte man mir ein Schreiben mitgeschickt, dass ich dort den Ag gleichzusetzen bin und diese bekommen hätte, wenn ich ein Fahrzeug besitzen würde. Aber um den Behindertenbus nutzen zu können, dafür bin ich dann nicht dem Ag gleichgestellt, dann müsste ich mir noch schnell ein Bein abhacken, den Beinamputierte erhalten das Ag, so hatte man mir auf meine Beschwerde geantwortet. Ich finde das absolut grottenschlecht, wie wenig eine Hauptstdt wie Berlin sich auf Behinderte einstellt, es wird so gut wie nichts gemacht, das fängt schon beim simplen Einkaufen in den Geschäften an. Wieviele Geschäfte gibt es wo ich mit meinem Elektromobil gar keine Chance habe etwas zu kaufen, weil es keine Gänge gibt (die sind alle schön mit Aufstellern und Kram vollgestellt) und wieviele Geschäfte gibt es, wie Stufen und keine Rampen haben, bei Ärzten ist es besonders schlimm, sehr viele sitzen im 1. Stock ohne Fahrstuhl, also die kommen dann schon mal nicht in Frage, Apotheken mit Stufen und ohne Rampe, selbst eine Uni an der ich gerne an einem Test im Erdgeschoss teilnehmen wollte, teilte mir dann auf Nachfrage mit, dass das Erdgeschoss leider nur über 5 Stufen zu erreichen ist. Das finde ich so etwas von schlecht, denn für alles, jeden Mist der völlig überflüssig ist, wie z.B. die Statuen die für Mio gekauft werden dafür gibt es Geld, aber die Stadt so zu verändern, dass Behinderte sich bewegen und so am Leben teilhaben können, dafür gibt es nichts. Da sind uns andere Länder weit voraus.

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  4. Elfi

    Alter Falter, Ihr klingt alle ziemlich relaxt, wenn Ihr so von Euren Erlebnissen berichtet.
    Schon ohne Kommentare, liebe Ju, war ich den Tränen nahe. Danke fürs Teilen und Bewusstmachen.
    Elfi

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