Die Schule hat wieder begonnen. Nun sind auch in Baden-Württemberg die Ferien vorbei, die Schultaschen stehen gepackt neben der Tür und in vielen Familien kehrt langsam wieder dieser ganz besondere Schulalltag ein: neue Stundenpläne, neue Fächer, Hausaufgaben, Elternabende, Klassenarbeiten. Ich routiere bereits ein bisschen.
Ich bin Mama von zwei Schulkindern und weiß, dass Schule bei uns nicht einfach nur „Schule“ ist. Jedes Kind bringt seine eigene Persönlichkeit, seine Stärken und Herausforderungen mit. Und auch wir Eltern bringen unseren eigenen Rucksack mit. Als Mutter mit Behinderung weiß ich sehr genau, dass der Familienalltag nicht immer in die Strukturen passt, die Schule vorgibt.
Gerade deshalb haben mich zwei Bücher zum Schulstart besonders beschäftigt: „Herz zählt“ von Saskia Niechzial und „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“ von Bob Blume.
Was beide Bücher verbindet, ist für mich ein Gedanke, den wir gerade dringend brauchen: Schule ist mehr als Leistung.
Die aktuellen PISA-Ergebnisse zeigen erneut, dass unser Bildungssystem vor großen Herausforderungen steht. Ich möchte daraus allerdings nicht die Geschichte erzählen, dass unsere Kinder immer schlechter werden. Vielmehr sollten wir uns fragen, unter welchen Bedingungen Kinder heute eigentlich lernen sollen. Wenn Lehrkräfte fehlen, Klassen groß sind, Ressourcen knapp und Anforderungen gleichzeitig immer vielfältiger werden, dann lässt sich das nicht einfach durch mehr Anstrengung von Kindern, Eltern oder Lehrkräften lösen.
Und genau hier setzen diese beiden Bücher an.
Saskia Niechzial richtet den Blick auf die Beziehung zwischen Eltern, Kindern und Schule. Dieses Dreieck, dass so unabdingbar ist und doch oft übersehen wird. Als Elternteil hatte ich schon oft das Gefühl in der Schule nicht willkommen zu sein. Vielleicht sogar zu stören. Doch im Gespräch lässt sich vieles klären und so findet man immer wieder Anknüpfungspunkte. Hier setzt auch das Buch an. In dem es das Augenmerk auf unterschiedliche Punkte legt:
Auf gegenseitiges Verständnis. Auf Kommunikation. Auf die Frage, was passiert, wenn wir nicht sofort nach Schuldigen suchen, sondern versuchen, einander wirklich zu verstehen. „Herz zählt“ erinnert daran, dass hinter jeder Elternmail, jedem Gespräch und jedem Konflikt Menschen stehen – und dass wir alle letztlich dasselbe wollen: dass es unseren Kindern gut geht. Und das eben auch auf der Lehrerseite so ist. Es gibt nicht nur viele Erklärungen, sondern auch ganz praktische Beispiele, Vorlagen wie ein Brief oder eine Mail aussehen könnte und immer wieder der Blickwinkel auf alle Seiten.
Bob Blume schaut stärker auf das System Schule und auf die ganz konkreten Fragen, die Familien beschäftigen: Leistungsdruck, Hausaufgaben, Noten, Lernfrust, Medien, Mobbing und die Frage, wie Eltern ihre Kinder begleiten können, ohne selbst zum zweiten Lehrer zu werden.
” Wie kommt mein Kind gut durch die Schule” im Mosaik Verlag erschienen, setzt genau dort an. Gleichzeitig verliert er dabei nicht aus dem Blick, dass viele Probleme eben nicht am einzelnen Kind liegen.
Das ist für mich eine wichtige Unterscheidung.
Ich habe zwei Schulkinder und weiß, dass Lernen nicht jeden Tag gleich funktioniert. Kinder sind keine Maschinen, die morgens in der Schule abgegeben werden und nachmittags mit vollständigem Akku wieder nach Hause kommen. Sie bringen ihre Persönlichkeit, ihre Stärken, ihre Schwierigkeiten, ihren Tag und ihre ganze Lebenswelt mit.
Und genau deshalb darf Schule nicht nur danach beurteilt werden, wie viele Aufgaben geschafft oder welche Noten geschrieben wurden.
Die aktuellen PISA-Daten machen für mich auch nicht die Kinder zum Problem. Sie zeigen vielmehr, dass unser Bildungssystem unter Bedingungen arbeitet, die vielerorts längst an ihre Grenzen kommen. Wenn Personal fehlt und Ressourcen fehlen, kann man nicht gleichzeitig erwarten, dass Schule immer individueller, inklusiver, digitaler und leistungsfähiger wird.
Dabei möchte ich ausdrücklich nicht die Lehrkräfte verantwortlich machen. Im Gegenteil. Ich erlebe, wie viel Engagement, Zeit und Herzblut viele Pädagogen investieren. Das Problem ist größer als das einzelne Klassenzimmer. Es ist politisch.
Als Mutter und als Pädagogin kann ich deshalb nicht alles auffangen, was Schule nicht leisten kann. Als Lesepatin versuche ich es trotzdem. Ein bisschen Unterstützung. Ein bisschen Zeit. Ein Kind, das vielleicht gerade jemanden braucht, der zuhört oder gemeinsam liest.
Blumes Buch ist für mich deshalb kein Ratgeber nach dem Motto „So machen Eltern es richtig“. Es ist eher eine Einladung, genauer hinzuschauen: auf das Kind, auf seine Bedürfnisse, auf die Schule – und auf die Bedingungen, unter denen alle Beteiligten arbeiten müssen Auf mehr als 300 Seiten legt er den Finger in die wunden des Systems – ganz so wie wir es auch von seinem Instgramaccount als Netzlehrer kennen. Aber er lässt uns nicht alleine damit. Er gibt praktische Tipps, für Growth Mindset, Umgang mit Noten, Eigeninitiative aber hat auch einen Blick auf die digitalien Medien, KI und ein extra Kapitel zur Neurodivergenz.
Denn am Ende sollte die Frage vielleicht nicht nur lauten, wie unsere Kinder gut durch die Schule kommen. Sondern auch, wie wir Schule wieder zu einem Ort machen, durch den Kinder gerne gehen. Das schreibt er auch – es geht um Strategien, wie Kinder und Eltern entlastet werden können – für eine glückliche Schulzeit.
Beide Bücher ergänzen sich deshalb wunderbar. Das eine erinnert uns daran, einander nicht aus dem Blick zu verlieren. Das andere hilft dabei, das System Schule besser zu verstehen. Und vielleicht brauchen wir gerade beides. Und ja, es ist unfair. dass wir Eltern dass auch alles auffangen müssen. Aber wenn wir ehrlich sind, bleibt uns gerade nicht anderes übrig, als das zu leisten, was für uns noch irgendwie möglich ist. Ich weiß, dass ist viel. Und für manche auch zu viel. Vielleicht können wir uns hier gegenseitig unterstützen?!
Denn ich möchte weder über Lehrkräfte schimpfen noch Eltern erzählen, sie müssten nur die richtige Methode finden. Ich weiß. was Fachkräfte jeden Tag leisten. Und als Mutter erlebe ich gleichzeitig, wo ein System an Grenzen kommt. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Als Lesepatin versuche ich deshalb, einen kleinen Teil von dem aufzufangen, was Schule unter den heutigen Bedingungen nicht immer leisten kann. Nicht, weil ich glaube, damit die großen Probleme unseres Bildungssystems lösen zu können. Sondern weil ein Kind, das jemanden hat, der Zeit zum Lesen mitbringt, davon trotzdem profitiert. Vielleicht ist genau das die Stärke dieser beiden Bücher: Sie geben nicht einfach noch eine weitere Liste mit Dingen, die Eltern oder Lehrkräfte besser machen sollen. Sie laden dazu ein, genauer hinzuschauen.
Auf unsere Kinder.
Aufeinander.
Und auf die Bedingungen, unter denen Schule heute stattfindet, bis sich endlich etwas ändert.
Für Eltern sind beide Bücher deshalb eine wertvolle Begleitung zum Schulstart. Für Lehrkräfte können sie ein Perspektivwechsel sein. Und für alle, die Schule gestalten, begleiten oder einfach mit Kindern durch diese Jahre gehen, sind sie eine Erinnerung daran, dass Bildung niemals nur aus Stundenplänen, Lernzielen und Noten besteht.
Denn am Ende wollen wir doch alle dasselbe: Kinder, die nicht nur gut durch die Schule kommen, sondern sich dort gesehen, ernst genommen und begleitet fühlen.
Und dafür darf ruhig wieder etwas mehr Herz zählen.
