Mantra: Der Schmerz bin nicht ich

 

„Es gibt einen entscheidenden Unterschied, der im Alltag oft untergeht: Schmerz ist eine Erfahrung – keine Identität. Sobald dieser Unterschied klar wird, verschiebt sich etwas Grundlegendes im Denken. Der Satz „Der Schmerz bin nicht ich“ ist kein Trost, sondern eine Korrektur.“ steht in einer Fachzeitschrift.

 

Ich denke mir, sag das mal meinem Körper. Das fühlt sich für mich oft nicht so an. Und doch spüre ich mein hineinfühlen einen großen Unterschied. Dieses Gefühl, nehme ich mit in meine Therapien. Dort unterhalten wir uns darüber – und aus Schmerzwissenschaftlicher Sicht geht es noch weiter. Ich spüre:

Das menschliche Gehirn neigt dazu, Zustände zu vereinnahmen. Aus „Ich habe Angst“ wird schnell „Ich bin ängstlich“. Aus „Ich habe Schmerzen“ wird „Ich bin kaputt“. Diese Verschiebung ist subtil, aber folgenschwer. Sie verengt Handlungsspielräume und stabilisiert Zustände, dievielleicht veränderlich sind.

In der Psychologie wird dieser Mechanismus als kognitive Fusion beschrieben: Gedanken und Gefühle werden nicht mehr als Ereignisse wahrgenommen, sondern als Fakten über das Selbst. Das Gegenteil davon ist Distanzierung – etwa in der Acceptance and Commitment Therapy, wo gezielt daran gearbeitet wird, innere Zustände zu beobachten, ohne sich mit ihnen zu verwechseln. Das habe ich in den letzten Jahren sehr verinnerlicht.

Das ein einfacher Satz „Der Schmerz bin nicht ich“ aber die Beobachtung von der Erfahrung trennen kann ist auf der einen Seite völlig logisch, auf der anderen aber auch eine echte Herausforfderung. Denn diese Trennung reduziert nicht automatisch den Schmerz, aber sie verhindert, dass er das gesamte Selbstbild übernimmt. Und genau das ist der springende Punkt.

Wie das im Alltag hilft

Schmerz – körperlich oder emotional – hat eine starke Gegenwart. Er fordert Aufmerksamkeit, drängt sich auf, wiederholt sich. Wenn er zusätzlich zur Identität wird, entsteht ein geschlossener Kreis: Wahrnehmung → Bewertung → Identifikation → Verstärkung.

Wird stattdessen klar formuliert: „Da ist Schmerz“, verändert sich die Struktur. Der Schmerz bleibt, aber er ist eingeordnet. Er ist ein Zustand unter vielen, nicht die Definition meiner Person. Wen man das übt, kann es gelingen. Gleichzeitig möchte ich damit keiner einzigen Person, die Schmerzen hat, diese absprechen. Aber man definiert sich selbst nicht mehr über diese Schmerzen.

Denn die Haltung erzeugt drei konkrete Effekte:

  • Reduktion von Eskalation: Weniger Grübeln, weniger gedankliche Verstärkung
  • Handlungsfähigkeit: Entscheidungen werden nicht vollständig vom Schmerz bestimmt
  • Stabileres Selbstbild: Identität bleibt unabhängig von momentanen Zuständen

Und trotzdem gibt es Tage an denen ich vor Schmerzen und trotz Medikamentation das Bett nicht verlassen kann. Das eine schließt das andere nicht aus. Ich kann mich ablenken, damit mein Fokus nicht zu sehr darauf liegt. Aber meine Handlungsfähigkeit bleibt dennoch oft eingeschränkt.

Wie man das anwendet

Die Anwendung ist nicht theoretisch, sondern sprachlich und aufmerksamkeitsbasiert.

1. Sprache korrigieren
Statt „Ich bin erschöpft“: „Ich erlebe Erschöpfung.“
Statt „Ich bin verletzt“: „Da ist Verletzung.“

Das wirkt zunächst künstlich, ist aber ein Training in Wahrnehmungsstruktur.

2. Beobachterposition einnehmen
Gedanken und Empfindungen werden registriert, nicht bewertet.
Nicht: „Warum passiert mir das?“
Sondern: „Das passiert gerade.“

3. Zeitliche Begrenzung erkennen
Jeder Zustand verändert sich. Schmerz suggeriert Dauer, ist aber dynamisch.
Die Feststellung „Das ist jetzt da“ verhindert die gedankliche Ausdehnung in Vergangenheit und Zukunft.

4. Körperliche Verankerung nutzen
Auf Atmung, Haltung oder Umgebung fokussieren. Das zwingt Aufmerksamkeit aus der gedanklichen Schleife zurück in unmittelbare Wahrnehmung.

Der Satz „Der Schmerz bin nicht ich“ verhindert eine der häufigsten Fehlannahmen: dass innere Zustände stabile Wahrheiten über die eigene Person darstellen. Diese Annahme führt zu Passivität und Selbstverengung.

Ohne diese Identifikation bleibt Handlungsspielraum erhalten. Schmerz kann ernst genommen werden, ohne dass er alles bestimmt. Genau darin liegt die Funktion des Mantras: nicht im Wegdrücken, sondern im Einordnen.

Es ist keine Methode zur schnellen Linderung, sondern ein struktureller Eingriff in die Art, wie Erfahrung verarbeitet wird. Das Ergebnis ist keine Abwesenheit von Schmerz, sondern ein stabileres Verhältnis zu ihm.

wheelymum

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