Frauen mit Behinderung und Kinderwunsch – wer erzählt eigentlich unsere Geschichten?

 Presseanfragen in meinem Mailfach sind keine Besonderheit. Vor einigen Wochen erreichte mich diese Mail:

„Hallo, ich bin Journalist und arbeite für die ….. Mit  Kolleginnen schreibe ich einen Text über Frauen mit Behinderung, die Mutter werden möchten. Überlegen Sie, ein Kind zu bekommen, sind Sie schwanger oder schon Mutter? Dann würden wir sehr gerne mit Ihnen sprechen, erst einmal am Telefon. Danach können wir uns auch vorstellen, Sie persönlich zu treffen – aber natürlich nur, wenn Sie möchten. Geld können wir Ihnen dafür leider nicht zahlen. Ich freue mich sehr, wenn Sie sich bei mir melden!“

Zunächst einmal: Ich finde es gut und wichtig, dass eine große Zeitung über Frauen mit Behinderung und Mutterschaft schreiben möchte. Denn genau darüber wird noch immer viel zu wenig gesprochen. Über Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt. Und vor allem darüber, wie es ist, mit einer Behinderung tatsächlich Mutter zu sein.

Trotzdem hat mich diese Anfrage beschäftigt. Nicht nur wegen der Frage, aus welcher Perspektive über behinderte Frauen und Mutterschaft erzählt wird. Ich merke, dass sich mein Verständnis hier in den letzten Jahren verändert hat. Auch wegen des Satzes:

„Geld können wir Ihnen dafür leider nicht zahlen.“

Warum eigentlich nicht?

Ich finde diesen Satz in einer solchen Anfrage ehrlich gesagt ziemlich unverschämt. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass jedes journalistische Gespräch automatisch bezahlt werden muss. Und schon gar nicht, weil ich journalistische Arbeit nicht wertschätze. Sondern weil bereits bei der ersten Kontaktaufnahme selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass wir unsere Zeit und unsere Kraft kostenlos zur Verfügung stellen.

Und gerade die Kraft wird bei Behinderung so häufig vergessen.

Ein Telefonat klingt nach: „Wir sprechen einfach mal.“

Aber wie viele Spoons braucht dieses „einfach mal“?

Wie viel Energie kostet es, die eigene Geschichte zusammenzutragen? Über Kinderwunsch, Ängste, Zweifel, medizinische Erfahrungen, Barrieren und vielleicht auch sehr persönliche oder schmerzhafte Situationen zu sprechen?

Und ein persönliches Treffen ist eben auch nicht für alle nur ein netter Termin im Kalender. Da müssen vielleicht Assistenz, Fahrt, Barrierefreiheit, Kleidung, Medikamente oder die eigene Tagesform berücksichtigt werden. Man muss sich konzentrieren, erzählen, Fragen beantworten und vielleicht Dinge aussprechen, die man sonst gut geschützt bei sich behält. Und danach ist das Gespräch nicht automatisch vorbei. Manche Geschichten arbeiten noch lange weiter. Das alles kostet Kraft.

Spoons sind keine Ausrede dafür, weniger leisten zu wollen. Für viele Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung beschreiben sie schlicht eine Realität: Energie ist eine begrenzte Ressource.

Und dann frage ich mich: Warum wird diese Ressource in journalistischen Anfragen so selbstverständlich als kostenlos vorausgesetzt? Denn die Geschichte, die daraus entsteht, ist nicht kostenlos.

Ich bin ja nicht die einzigste Person, die hier angefragt wurde. Das ist genau richtig so. Je mehr Blickwinkel, je besser. Eine Redaktion recherchiert, führt Interviews, macht Fotos, schreibt, redigiert, gestaltet und veröffentlicht. Vielleicht wird der Text online gelesen, in sozialen Medien geteilt, bringt neue Abonnentinnen und Abonnenten oder stärkt die Reichweite einer Publikation.

Und wer liefert einen wesentlichen Teil des Materials?

Die Menschen, die ihr Leben erzählen.

Dazu kommt eine weitere Frage: Wer prüft eigentlich, wie über uns geschrieben wird?

Gibt es ein Sensitivity Reading? Werden Menschen mit Behinderung einbezogen, um Sprache, Perspektiven und Darstellungen zu überprüfen? Und wenn ja: Werden auch diese Menschen für ihre Expertise bezahlt?

Ich kenne die Antwort auf diese konkrete Anfrage nicht. Aber ich finde, dass wir diese Fragen stellen dürfen.

Denn Menschen mit Behinderung sind nicht nur „Betroffene“, die eine persönliche Geschichte für einen Artikel liefern können. Wir sind auch Expertinnen und Experten für unsere Lebensrealität. Und genau hier beginnt für mich die Frage nach der Deutungshoheit. Eine Frau kann stundenlang über ihre Erfahrungen erzählen. Sie kann erklären, welche Begriffe sie verwendet. Auf problematische Perspektiven hinweisen. Oder einen Text gegenlesen. Und trotzdem kann am Ende eine Überschrift darüberstehen, die genau das Gegenteil dessen vermittelt, was sie eigentlich sagen wollte. Das haben wir schon mehrfach erlebt.

Gegenlesen bedeutet nicht automatisch Mitbestimmung.

Und eine Entschuldigung im Nachhinein macht aus einer falschen Darstellung auch nicht automatisch eine richtige.

Deshalb geht es mir bei dieser Anfrage nicht darum, journalistische Arbeit schlechtzureden. Im Gegenteil: Das Thema ist wichtig. Sehr wichtig sogar.

Frauen mit Behinderung haben Kinderwünsche. Sie werden schwanger und bekommen Kinder. Sie sind Mütter. Und sie müssen sich dabei noch immer mit Vorstellungen auseinandersetzen, die andere Mütter längst nicht mehr erklären müssen.

Genau deshalb sollten ihre Geschichten erzählt werden. Aber vielleicht sollten wir gleichzeitig darüber sprechen, wie diese Geschichten erzählt werden.

  • Wer entscheidet, welche Perspektive bleibt?
  • Wer bestimmt die Sprache?
  • Wer trägt die Verantwortung für die Darstellung?
  • Wer bringt die Expertise ein?
  • Und was ist diese Expertise eigentlich wert?

Denn unsere Lebensgeschichten sind keine kostenlose Ressource.

Und unsere Kraft ist es auch nicht.

wheelymum

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