Europapark mit dem Rollstuhl?!

Wir waren im Europapark. Für manche Leser:innen hier mag das etwas ganz normals sein, gerade die aus meinem räumlichen Umfeld kommen. Für andere ist es kaum vorzustellen. Als Kind war ich hin und wieder dort, da der Park nicht allzuweit von uns entfernt ist. Doch damals war ich eben Kind und konnte gehen. Jetzt ist das etwas ganz anderes. Als Mama, als Frau mit Rollstuhl. Aber ich will euch nicht auf die Folter spannen, denn der Besuch war etwas ganz besonders:

Der Besuch im Europa-Park hat bei mir einen Eindruck hinterlassen, der sich nicht in einzelnen Momenten erschöpft, sondern sich in der Gesamtheit des Tages zeigt. Es war ein langer Tag mit vielen Eindrücken, Bewegungen durch unterschiedliche Themenbereiche und einer großen Anzahl an Attraktionen, die ich aus meiner Perspektive als Rollstuhlnutzerin erlebt habe. Ich meine, wann kannst du sonst über 15 Länder aus Europa an einem einzigen Tag besuchen.

 

Was sofort auffällt, ist die Art und Weise, wie der Park mit Zugänglichkeit umgeht. Es gibt nicht das eine System oder die eine Lösung, sondern viele verschiedene Zugänge, die in die Struktur des Parks integriert sind. Ich habe Hintereingänge genutzt, spezielle Einstiegsbereiche gesehen, Aufzüge und Hublifte erlebt und Situationen gehabt, in denen Mitarbeiter aktiv und selbstverständlich unterstützt haben, ohne dass es zu Unsicherheit oder unnötigen Hürden kam. Diese Vielfalt an Lösungen sorgt dafür, dass der Zugang nicht wie eine Ausnahme wirkt, sondern wie ein normaler Teil des Ablaufs.

Das war eines meiner Highlights. Es lohnt sich dennoch sich im Vorfeld ausführlich zu informieren, was, wie und für wen möglich sein kann. Hier findet ihr alle Infos auf der Seite des Parks.  Wenn ihr einen Behindertenausweis habt, dann geht unbedingt zur Information am Turm. Dort könnt ihr euren Ausweis vorzeigen und ihr bekommt eine personalisierte Karte. Mit dieser Karte dürft ihr an 6 Attraktionen mit bis zu vier weiteren Personen, den Eingang für Menschen mit Behinderungen nutzen. Das bedeutet nicht nur eine kurze Wartezeit, sondern auch, dass ihr als Familie oder Freunde gemeinsam Dinge erleben könnt. Und dass diese nicht beschränkt sind, auf eine feste Begleitperson. Wie toll ist das denn? Nicht nur ich, habe das sehr gefeiert, nein, meine ganze Familie. Denn so sind gemeinsame Erlebnisse möglich. Genau das ist einer meiner wichtigsten Punkte im Bereich Inklusion. Es wird nicht selektiert oder vorgegeben, denn es ist wirklich Gemeinschaft möglich.

Besonders eindrücklich war für mich, dass diese Zugänge nicht auf einzelne Attraktionen beschränkt sind. Sie ziehen sich durch sehr unterschiedliche Bereiche: große Achterbahnen, Wasserattraktionen und familienorientierte Fahrgeschäfte. Beispiele wie Blue Fire (mit Hebelift zum Umsetzten in die Achterbahn) oder der Alpenexpress oder die Wildwasserbahn zeigen, dass auch komplexere Fahrgeschäfte berücksichtigt wurden. Leider konnte ich nicht mit der Blue Fire fahren, da mein persönlicher Gesundheitszustand, dass an diesem Tag nicht zugelassen hat. Aber dann vielleicht beim nächsten Mal. Denn klar ist, die Verantwortung trägt jeder selbst für sich. Nicht alles was möglich sein kann, ist es auch für jede Person.

Dabei geht es nicht nur um technische Möglichkeiten, sondern auch um die Art der Umsetzung im Betrieb. Türen werden geöffnet, Einstiege angepasst oder verbreitert und Abläufe so gestaltet, dass eine Nutzung im Rollstuhl möglich wird, ohne dass der gesamte Ablauf ins Stocken gerät. Ein eigener Fahrstuhl oder Hublift der zur Attraktion führt, sondern  ebenso vorhanden wir Klingeln, die man läuten kann und dann abgeholt wird oder das Schild, welches den barrierefreien Eingang beim Ausgang anzeigt. Warum das nicht nur sinnvoll für mich ist und mir dadurch Zugänge ermöglicht hat? Weil ich mich auch nie! In der Position sah, in der ich darum bitten oder betteln musste. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich schon mitgedacht bin und keine Sonderstellung einnehme oder Mehrarbeit für andere bedeute. Das macht unsagbar viel mit dem Selbstwert und dem Selbstverständnis.

Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen hat den Tag für mich geprägt. Die Mitarbeiter wirken geschult und sicher in dem, was sie tun. Sie stellen die richtigen Fragen, erklären Abläufe klar und handeln routiniert. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, in der man sich nicht als Sonderfall fühlt, sondern als Teil des normalen Betriebs. Das zeigte sich aber nicht nur bei mir, denn ich sah so viele andere Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Und soooo viele Rollstuhlfahrende.

Ein weiterer Aspekt ist die Dichte an Möglichkeiten. Trotz eines ganzen Tages im Park hatte ich das Gefühl, längst nicht alles ausprobiert zu haben, was für mich zugänglich gewesen wäre. Diese Erfahrung ist ungewöhnlich, weil sie zeigt, wie groß das Spektrum der nutzbaren Attraktionen tatsächlich ist. Es entsteht nicht der Eindruck von wenigen „zugänglichen Highlights“, sondern von einer breiten Auswahl innerhalb des gesamten Angebots. Ja, es ist nicht alles möglich – das möchte ich nicht falsch darstellen. Aber es ist vieles möglich, gerade wenn man die Möglichkeit hat, sich mit Hilfe umsetzten zu können. Aber ich sprach auch mit zwei Blinden Personen, die erzählten, dass sie regelmäßig hier her kommen, weil es für sie der beste Park ist. Gruppen mit Menschen mit Lernbehinderungen habe ich ebenso getroffen, wie einen Rollstuhlfahrer mit Beatmung und im Turm durfte ich Menschen mit Autismus kennen lernen, die sich auch ihre Karte abgeholt haben.

Bei den Piraten von Batavia wurde mir ein Rollstuhltausch angeboten, damit der E – Rollstuhl nicht in den Wasserbereich kommt

 

Im Vergleich zu anderen Freizeitparks, die ich kenne, wird dieser Unterschied besonders deutlich. Dort sind Zugänge oft stärker begrenzt oder an einzelne Attraktionen gebunden. Häufig hängt die Nutzung stärker von individuellen Entscheidungen oder situativen Abläufen ab. Im Europa-Park wirkt vieles stärker systematisiert und dadurch verlässlicher. Diese Verlässlichkeit verändert das gesamte Erleben eines Besuchs. Es gibt Verantwortliche, die sich darum kümmern und das auch tun. Ein Fahrstuhl ging nicht und sofort waren mehrere Menschen hier, um sich dem Problem anzunehmen. 

Wichtig ist mir hierbei nochmal die Einordnung: Es geht nicht um vollständige Barrierefreiheit. Diese existiert in keinem realen System vollständig. Auch hier gibt es Grenzen und Bereiche, die nicht oder nur eingeschränkt zugänglich sind. Entscheidend ist jedoch das Verhältnis zwischen Angebot und tatsächlicher Nutzbarkeit. Und dieses Verhältnis habe ich persönlich als außergewöhnlich positiv erlebt.

Auch die räumliche Gestaltung trägt dazu bei. Wege sind breit angelegt, Übergänge sind häufig durchdacht gelöst, und die Orientierung innerhalb des Parks ist trotz seiner Größe gut möglich. Das Zusammenspiel aus Infrastruktur, Organisation und Personal ergibt ein Gesamtbild, das für mich als Rollstuhlnutzerin eine hohe Qualität an Teilhabe ermöglicht hat. Die Bahnen, die von einem Parkende zum anderen führen, haben Rollstuhlgerechte Wagons und die kleinen Feinheiten und liebevollen Details laden auch einfach zum verweilen und staunen ein. Wir waren in der Eisshow in der es extra Plätze für Rollstuhlfahrer gibt und im Kino, in dem eine Rampe zu einem Podest vor der ersten Reihe führt und hier enorm viel Platz für Rollstühle ist.

Der Besuch hat mir gezeigt, wie viel möglich ist, wenn Barrierefreiheit nicht als nachträgliche Anpassung verstanden wird, sondern als integraler Bestandteil eines Gesamtkonzepts. Dieses Erlebnis hat meinen Blick auf Freizeitparks in dieser Dimension geschärft und gleichzeitig deutlich gemacht, welche Unterschiede in der Umsetzung bestehen können und uns als Familie definitiv zum Europa-Park Fan gemacht.

wheelymum

Share This:

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert