Bücherwoche: Wenn der Tod Erlösung ist

Ein weiteres Buch zum Thema Tod.

Mascha, du darfst sterben:

Wenn der Tod Erlösung ist

ist ein Buch, welches mich tief berührt hat,. Es wurde von Antje May geschrieben. Eine Mama, welche die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen musste. Sie verarbeitet mit diesem Buch nicht nur das Erlebte, sondern setzt sich mit beeindruckendem Willen für die Menschenwürde und Selbstbestimmung ein. Auch und gerade wenn dies bedeutet: „Du darfst sterben“.

Dieses Thema wird kontroverse Diskussionen auslösen. Das wichtigste ist jedoch, das darüber gesprochen wird. Wir Menschen neigen dazu, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, das es uns schon nicht treffen wird. Das sind ja immer nur die anderen. Aber so ist es nicht. Wir alle können jederzeit von Krankheit, Behinderung oder Tod „getroffen“werden. Von einer Sekunde zur anderen, ist nichts mehr wie vorher.

 

Genauso geht geht es der alleinerziehenden Mama zweier Kinder, als ihre Tochter 17 – jährige Mascha, von einem Auto erfasst wird und mit einem Schädel – Hirn – Trauma im Wachkoma liegt.

Der Erfahrungsbericht des Buches beginnt in Finnland im August 2009. Von dieser Zeitpunkt an, führt die Reise im Buch zurück in die letzten Monate.

 

Somit wird das Buch zu einer Mischung zwischen, Tagebuch, Rückblick, Verzweiflung, Kampf und Trauer. Antje May ist examinierte Altenpflegerin mit Fortbildungen in Basaler Stimulation, Palliativ Care und Systemischer Beratung. All das lässt sie in ihren Schilderungen immer wieder, unverkrampft miteinfließen. So werden auch Fachbegriffe schnell und unkompliziert erklärt und das Buch hat eine hohe Lesefreude.

 

Die Autorin beschreibt zunächst den Unfall ihrer Tochter und die ersten Stunden und Tage so ausführlich, dass es mir beim Lesen die Luft wegblieb. Bereits sehr früh beginnt sie auch von den Gesprächen mit ihrer Tochter zu berichten. Und das Mascha bereits mit ihren 17 Jahren, eine genaue Vorstellung vom Leben hatte und was sie auf keinen Fall möchte. Hier wird auch der Film erwähnt, den Mutter, Tochter und Großmutter zum letzten Mal gemeinsam sahen.

 

 

Nun beginnt der der lange, schwierige und für mich unvorstellbare Kampf, einer Mama die ihre Tochter ihren Wunsch erfüllen und sie gehen lassen möchte.

Es wird von Tagen und Nächten auf der Intensivstation berichtet, teils menschenunwürdigen Behandlungsmethoden und von Vorgehensweisen der Ärzten, ohne diese mit der Mutter abzusprechen.

 

„Man rettet Leben im Alleingang. Scheinbar egal, wie schwerwiegend die Verletzungen und Folgen sind.“

Seite 37

 

Der Schreibstil wechselt – wahrscheinlich wie die Gefühle – zwischen sehr nüchtern und rational bis zu überaus emotional und völlig aufgelöst. Es wird die Zeit zwischen dem Unfall und dem Kampf, Mascha in ein Hospiz bringen zu lassen, bis zu ihrem erlösendem Tod, eindringlich und voller menschlicher Zerrissenheit und Liebe beschrieben.

 

Keine Entscheidung ist einfach, Ungewissheit und ein innerer Kampf wühlen Tag für Tag und Nacht für Nacht auf. Dazwischen die Konfrontation mit dem Unfallfahrer und das Leben mit dem älteren Sohn. Selbstverständlich geht es auch ihm sehr schlecht und es ist niemand da, der Zeit hat sich in Ruhe um ihn zu kümmern. Auch die weiteren Auswirkungen im Familienkreis werden feinfühlig erzählt.

 

So viele Facetten, so viele Baustellen und dazwischen immer wieder die quälende Frage: Hat das eigene Kind das Recht zu leben oder darf man es von seinen Qualen erlösen? Von Hilflosigkeit und einer behördlichen Arroganz, die mir die Nackenhaare aufstellen lässt, wird eindringlich der Kampf von Antje May geschildert. Ärzte und Behörden verstehen die Mutter zwar, dürfen ihrem Wunsch – und dem eigentlichen Wunsch der noch minderjährigen Tochter – nicht nachkommen.

 

Als Leser erlebt man dem Schmerz und die Zerrissenheit mit. Natürlich möchte sie, dass ihre Tochter lebt, doch andererseits sind die Umstände so aussichtslos, dass ein menschenwürdiges Weiterleben nicht möglich ist. Der medizinische Fortschritt kann ein Segen sein. Doch es stellt sich auch immer wieder die Frage, ob auch Interesse des Patienten gehandelt wird, oder ob der Sinn und Zweck die quantitative Verlängerung des Lebens ist.

 

Maschas Mama, setzt sich dafür ein, Maschas Wunsch zu entsprechen und überwindet alle Hürden.

 

Ich musste sehr viel Weinen beim Lesen. Als Mama, aber auch als Tochter. Denn auch ich habe mich mit diesen Fragen bereits auseinandersetzten müssen. Persönlich und authentisch, unglaublich direkt und gleichzeitig warmherzig beschreibt Antje May, diese Zeit in ihrem Buch.
„Mascha, du darfst sterben, ist ein Buch, welches zum Nachdenken anregt. Sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen und vor allem den Gedanken, wie man selbst leben möchte.

Ich habe mir zu Beginn sehr, ein gemeinsames Leben von Mutter und Tochter gewünscht. Doch auch meine Ansicht änderte sich mit der Zeit.

 

Ein Buch bei dem es um Menschen – Leben geht, welches von Apperaten und medizinischen Fortschritt abhängig ist, wirft immer auch Fragen auf. Muss alles ermöglicht werden, wozu man technisch in der Lage ist ? Welche Rolle spielen dabei auch wirtschaftliche Interessen und was muss ein Pflegepersonal, auf Grund von Personalmangel alles leisten.
Neben diesem Erfahrungsbericht, hat mich auch das Nachwort des Buches sehr bewegt. Denn hier gibt es neben einem Verweis auf Ratgeber und Mitarbeiter zu diesem Buch, einen Verweis auf diverse Anlaufstellen für ebenfalls betroffene Eltern. Sie beschreibt nochmals den Segen der Intensivmedizin und das er auch gleichzeitig ein Fluch sein kann. Hier werden alle Aspekte nochmal kurz und sachlich angesprochen, auch das Thema Patientenverfügung.

Und ganz besonders berührend waren für mich die Begegnungen mit den Kranichen. Gerade vor 2 Wochen sah ich einen Beitrag der mit den Worten Begann: In der chinesischen Mythologie sagt man, das Kraniche die Seelen der verstorbenen in den Himmel tragen. Daran musste ich bereits bei dieser Buchvorstellung denken.

Mit diesem Zitat möchte und einem großen Danke, an Frau May, für ihre Kraft, ihren Willen und den Mut dieses Buch zu schreiben, meine Rezension mit dem letzten Satz des Nachwortes beenden:

Wenn im Frühjahr und im Herbst die Kraniche ziehen, meine ich, sie riefen mir zu: „Ihr werdet euch wiedersehen!“

 

Eure

wheelymum

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2 Kommentare

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