Ich darf. Aber komme ich auch rein? Wenn Willkommen sein noch lange keine Barrierefreiheit bedeutet
Wisst ihr, manche Nachrichten wirken ja nach. Als ich den Text über die Saune geschrieben habe, dachte ich mir: Komm, versuch es doch einfach nochmal. Also versuchte ich anzurufen, kam nicht durch und schreib eine Mail. Die Antwort der Mail führt aber leider nun direkt zum nächsten Blogbeitrag,
Ich lese die Nachricht und denke: Ja, okay. Danke für die Auskunft. Dann lege ich das Handy weg, mache etwas anderes und merke irgendwann, dass mich da doch etwas beschäftigt. Dass ich gedanklich immer wieder zu diesem einen Satz zurückkomme.
Diesmal war es eben diese E-Mail, die ich nach einer Anfrage zur Barrierefreiheit einer Saunalandschaft bekommen habe. Eigentlich wollte ich nur wissen, wie gut ich dort als Rollstuhlfahrerin zurechtkomme. Eine ganz normale Frage, die bei mir (leider) vor einem Ausflug dazugehört. Während andere vielleicht schauen, wie das Wetter wird oder was der Eintritt kostet, versuche ich herauszufinden, ob ich überhaupt überall hinkomme und welche Angebote ich nutzen kann.
Die Antwort war freundlich. Und sie enthielt diesen Satz:
„Für uns ist es selbstverständlich, dass Rollstuhlfahrer unsere Saunalandschaft besuchen dürfen.“
Ich glaube, dass das nett gemeint war. Wirklich. Trotzdem bin ich an diesem Wort hängen geblieben: dürfen.
Denn in der Mail stand auch, dass die Saunakabinen nicht mit dem Rollstuhl befahrbar sind, ich dafür eine Begleitperson benötige und es keinen Lifter für den Saunapool gibt. Also eigentlich mehr nicht möglich ist, als möglich ist.
Ich habe die Nachricht noch einmal gelesen und mich gefragt, warum mich das so beschäftigt. Es ist ja nicht so, dass ich nicht wüsste, dass es Hindernisse gibt. Ich kenne sie. Ich plane um sie herum, frage nach, suche nach Lösungen und entscheide manchmal auch, dass mir der Aufwand zu groß ist. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Ich bin so daran gewöhnt, dass ich mich mit diesen Dingen auseinandersetzen muss, dass mir erst beim Lesen dieser Mail wieder bewusst wurde, wie selbstverständlich wir das eigentlich hinnehmen.
Ich darf also kommen. Und dann?
Niemand würde einem nichtbehinderten Menschen schreiben, dass er die Saunalandschaft besuchen darf. Er ist Gast. Er kauft eine Eintrittskarte, zieht sich um, geht in die Sauna und verbringt dort seine freie Zeit.
Bei mir beginnt der Ausflug oft schon viel früher. Kann ich hinein? Sind die Wege geeignet? Komme ich mit meinem Rollstuhl zurecht? Gibt es eine Möglichkeit, in den Pool zu gelangen? Muss ich jemanden mitbringen, damit ich bestimmte Bereiche überhaupt nutzen kann? Hier habe ich das ja bereits lange ausgeführt.
Das sind keine Fragen, die ich mir aus Spaß stelle. Sie entscheiden darüber, ob ein Ausflug für mich möglich ist, ob ich ihn genießen kann oder ob ich schon vorher weiß, dass ich auf bestimmte Dinge verzichten muss.
Und natürlich ist mir klar, dass nicht jede Einrichtung von heute auf morgen vollständig barrierefrei werden kann. Es gibt bauliche Voraussetzungen, technische Herausforderungen und finanzielle Grenzen. Ich erwarte nicht, dass sich jedes Problem mit einem Fingerschnippen lösen lässt.
Aber zwischen einer perfekten Lösung und der Aussage, dass Menschen im Rollstuhl kommen dürfen, liegt dann doch eine ganze Menge.
Denn wenn ich zwar willkommen bin, aber wesentliche Teile des Angebots nicht nutzen kann, dann ist das noch keine wirkliche Teilhabe.
Ein Wechselrollstuhl löst nicht alles
In der Antwort wurde mir angeboten, einen Wechselrollstuhl zu nutzen. Das ist zunächst einmal eine Information, die hilfreich sein kann. Für manche Menschen ist ein solcher Rollstuhl eine gute Möglichkeit, bestimmte Bereiche zu erreichen. Es ist aber auch für die Theramleinrichtung die Möglichkeit, dass keine Straßenräder in das Bad kommen.
Aber Rollstuhl ist nicht gleich Rollstuhl. Manche Menschen sind auf ein individuell angepasstes Hilfsmittel angewiesen. Andere können nicht einfach umsteigen. Und manchmal ist der eigene Rollstuhl eben nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt selbstständig und sicher unterwegs zu sein.
Auch der Hinweis auf eine notwendige Begleitperson lässt mich nachdenken. Natürlich brauchen Menschen Unterstützung. Ich brauche sie auch. Daran ist nichts falsch und schon gar nichts, wofür ich mich rechtfertigen müsste. Aber Unterstützung sollte sich möglichst nach dem richten, was ein Mensch tatsächlich braucht. Sie sollte nicht automatisch zur Voraussetzung werden, weil ein Angebot anders nicht nutzbar ist.
Nicht jeder Mensch hat jemanden, der mitkommt. Nicht jeder möchte, dass der Partner oder die Partnerin bei jeder Freizeitaktivität gleichzeitig die Rolle der Assistenz übernehmen muss. Und Freizeitassistenz ist Mangelware. Erst recht wenn ich an das nächste Jahr denke – aber das ist ein anderes Thema. Und gerade bei einem Saunabesuch möchte man vielleicht auch einfach einmal abschalten, sich zurückziehen und Zeit für sich haben.
Selbstbestimmung bedeutet für mich nicht, alles allein machen zu müssen. Es bedeutet, möglichst selbst entscheiden zu können, wobei ich Unterstützung brauche und wie ich meine Freizeit verbringen möchte.
Und dann ist da noch der Saunapool. In der Mail steht, dass es dafür keinen Lifter gibt. Für Menschen, die auf eine solche Transferhilfe angewiesen sind, bleibt dieser Teil des Angebots damit unzugänglich. Das ist keine Kleinigkeit, die sich durch ein freundliches Lächeln erledigt. Es ist eine konkrete Einschränkung. Und ich frage mich, ob wir uns nicht viel öfter damit beschäftigen müssten, wie solche Einschränkungen verändert werden könnten.
Ausgerechnet dort, wo Gesundheit eine große Rolle spielt
Was mich zusätzlich beschäftigt: Die Anfrage ging an eine Saunalandschaft in einem Kurort, in dem Gesundheit und Rehabilitation eine wichtige Rolle spielen. In der Umgebung gibt es neurologische und orthopädische Rehaeinrichtungen. Menschen, deren Leben sich durch eine Erkrankung, einen Unfall oder eine Behinderung verändert hat, gehören dort zum Alltag. Gerade deshalb hätte ich erwartet, dass die Frage nach Barrierefreiheit und Zugänglichkeit mehr ist als eine Auskunft darüber, was möglich ist und was nicht.
Denn Gesundheit ist doch mehr als Therapie. Wohlbefinden ist mehr als ein Termin in der Rehaklinik. Und zum Leben gehört nicht nur, irgendwie durch den Alltag zu kommen. Dazu gehören auch schöne Momente. Ein Nachmittag mit der Familie. Ein Besuch in der Sauna. Ein bisschen Zeit, in der man nicht organisieren, erklären oder improvisieren muss.
Menschen mit Behinderung möchten nicht nur dann berücksichtigt werden, wenn es um Pflege, Therapie oder Rehabilitation geht. Wir möchten auch unsere Freizeit gestalten. Wir möchten Dinge ausprobieren, uns etwas gönnen und gemeinsam mit anderen unterwegs sein. Ich erwarte nicht, dass jede Sauna für jeden Menschen mit jeder Behinderung gleichermaßen nutzbar ist. Aber ich erwarte, dass sich Einrichtungen mit der Frage beschäftigen, wie Zugänglichkeit verbessert werden kann. Dass Hindernisse nicht einfach aufgezählt werden, als wäre damit alles gesagt. Und dass sich Menschen die in solchen Bereichen arbeiten, mit ihrem Wording beschäftigen.
Vielleicht gibt es Lösungen, an die bisher niemand gedacht hat. Vielleicht braucht es Investitionen oder Zeit. Vielleicht lässt sich nicht alles umsetzen. Aber das kann ich erst beurteilen, wenn überhaupt erkennbar ist, dass die Frage nach Verbesserungen gestellt wird.
Nett gemeint ist nicht automatisch barrierefrei
Ich möchte aus dieser E-Mail keine Geschichte über eine unfreundliche Mitarbeiterin machen. Im Gegenteil: Ich gehe davon aus, dass sie mir freundlich antworten wollte. Sie hat mir Informationen gegeben, und ich kann ihr nicht vorwerfen, dass sie persönlich keinen Lifter herbeizaubern kann.
Mir geht es um etwas anderes.
Inklusion scheitert nicht immer an offener Ablehnung. Manchmal begegnet sie uns in freundlichen Antworten, die erklären, was alles nicht geht, ohne erkennen zu lassen, ob darüber hinausgedacht wird.
Ein Wechselrollstuhl ist vorhanden. Eine Begleitperson wird benötigt. Der Lifter fehlt.
Das kann alles sachlich richtig sein. Aber wo bleibt die Frage, was dann noch möglich ist. Warum sollte ich viel Geld bezahlen für das ich nur eingeschränkt teilhaben kann. Oder wo bleibt zumindest die Mitteilung, dass man das bedauert oder was sich verändern ließe? Vielleicht beschäftigt sich die Einrichtung längst mit solchen Themen. Das weiß ich nicht. In der Antwort, die ich bekommen habe, war davon allerdings nichts zu lesen.
Und genau das ist für mich der entscheidende Punkt. Freundlichkeit ist wichtig. Sie macht Begegnungen leichter und kann Türen öffnen. Aber sie ersetzt keine zugänglichen Räume, keine geeigneten Hilfsmittel und keine Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen unterschiedlicher Menschen.
Eine freundliche Antwort kann dafür sorgen, dass ich mich willkommen fühle. Sie verändert aber nicht automatisch die Bedingungen, unter denen ich mich dort bewegen und die Angebote nutzen kann.
Barrierefreiheit ist kein Extra
Vielleicht klingt es kleinlich, sich an einem einzigen Wort aufzuhalten. Finde ich ja selbst. Aber hey, wenn wir nicht endlich anfangen, Dinge zu verändern verändert sich eben nichts. Vielleicht war „dürfen“ einfach nur nett gemeint und sollte zeigen, dass Menschen im Rollstuhl willkommen sind. Das mag sein. Sprache allein beweist nicht, wie eine Einrichtung über Inklusion denkt. Aber sie kann zeigen, von welchem Ausgangspunkt aus wir auf ein Problem schauen.
Geht es darum, Menschen mit Behinderung freundlich zu empfangen? Oder geht es darum, Angebote so zugänglich wie möglich zu gestalten, damit unterschiedliche Menschen sie tatsächlich nutzen können?
Für mich ist das ein großer Unterschied.
Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass überall ein Rollstuhlsymbol klebt oder dass man auf Nachfrage einen anderen Rollstuhl angeboten bekommt. Sie beginnt damit, unterschiedliche Bedürfnisse überhaupt mitzudenken. Sie bedeutet, Hindernisse ernst zu nehmen, Lösungen zu suchen und nicht davon auszugehen, dass sich die betroffenen Menschen schon irgendwie arrangieren werden.
Und wenn etwas nicht möglich ist, darf man das selbstverständlich offen sagen. Aber man kann gleichzeitig überlegen, was sich verbessern lässt.
Ich habe deshalb auf die E-Mail geantwortet und darum gebeten, meine Rückmeldung an die zuständige Stelle weiterzuleiten. Nicht, um die Mitarbeiterin am Empfang für ihre Formulierung verantwortlich zu machen. Sondern weil ich möchte, dass diese Gedanken dort ankommen, wo über Ausstattung und mögliche Veränderungen entschieden werden kann.
Ob und was daraus wird, weiß ich nicht. Aber ich finde, solche Dinge dürfen und müssen angesprochen werden. Nicht, weil jedes Wort einen Streit auslösen muss. Sondern weil wir sonst immer wieder an denselben Stellen landen.
