Ich sitze am Küchentisch und blättere im Elternheft aus der Apotheke. Ich komme mir alt vor. Meine Oma hat immer die Apothekenrundschau gelesen. Vielleicht bin ich nicht so weit davon entfernt. Doch ist stoppe plötzlich und lese ganz interessiert. Es gibt einen Artikel: ” Das in dem Buch, das bin ja ich!” Es geht um Vielfalt und Diversity – GENAU mein Thema.
Das Thema selbst kenne ich sehr gut. Einige der Bücher auch. Bei jüngeren Kindern greife ich unglaublich gerne zu Constanze von Kitzing. Ich mag ihre Bücher, weil Vielfalt dort einfach dazugehört. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Körper, unterschiedliche Familien. Niemand muss erst erklären, warum er oder sie so ist. Es ist einfach die Welt, in der die Kinder leben.

Aber dann werden die Kinder größer. Und plötzlich reicht es nicht mehr, nur zu zeigen, dass es Vielfalt gibt. Sie wollen Geschichten. Richtige Geschichten. Über Freundschaft, Streit, Unsicherheit, Familie, Mut, Peinlichkeiten und darüber, wie es sich anfühlt, irgendwo dazuzugehören oder eben nicht. Um ehrlich zu sein, fine ich es hier etwas schwieriger gute Bücher zu finden, die das abbilden. Im Elternheft werde ich dann aber auf:
„Als Anders in mein Leben rollte“ aufmerksam.
Anders sitzt im Rollstuhl. Aber die Geschichte handelt eben nicht ausschließlich davon. Und das finde ich wichtig. Denn auch ich möchte nicht ständig die Frau im Rollstuhl sein. Ich bin Mama. Ich bin Lesepatin. Ich bin manchmal müde, manchmal genervt, manchmal voller Ideen und manchmal froh, wenn einfach nur alles funktioniert. Der Rollstuhl gehört zu meinem Leben. Er ist aber nicht mein ganzes Leben. Und genau deshalb finde ich Geschichten schön, in denen ein Kind mit Behinderung nicht ausschließlich über seine Behinderung definiert wird.
Gleichzeitig bin ich bei solchen Büchern inzwischen auch ein bisschen vorsichtig. Denn nur weil irgendwo ein Rollstuhl vorkommt, ist ein Buch noch lange nicht automatisch inklusiv. Ich frage mich beim Lesen: Darf Anders einfach Anders sein? Oder muss er am Ende doch etwas Besonderes leisten, damit die Geschichte funktioniert? Wird sein Rollstuhl selbstverständlich behandelt – oder wird er zum Mittelpunkt gemacht? Und wie gehen die anderen Figuren mit ihm um?
Das sind für mich inzwischen wichtige Fragen.
Denn Inklusion bedeutet für mich nicht, so zu tun, als gäbe es keine Unterschiede. Mein Rollstuhl verschwindet nicht, wenn alle besonders nett zu mir sind. Eine Treppe bleibt eine Treppe. Eine nicht zugängliche Toilette bleibt nicht zugänglich. Und ein Kind mit Behinderung erlebt Dinge, die andere Kinder vielleicht nicht erleben.
Aber genauso wichtig ist: Dieses Kind soll nicht immer nur genau darüber erzählen müssen.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke solcher Geschichten. Dass ein Kind mit Behinderung einfach Teil einer Freundschaft ist. Dass es Streit gibt. Dass gelacht wird. Dass das Leben weitergeht. Dass Behinderung vorkommen darf, ohne die komplette Handlung zu bestimmen. Das ist in diesem Buch sehr gut gelungen, nach meiner Auffassung. Es ist ein Teil der Geschichte, ohne diese zu bestimmen. Wobei andere Kinder und Menschen auch ihre Schwierigkeiten im Umgang mit Anders haben. Außer Ronja, sie behandelt ihn “ganz normal” schließlich hat sie genug mit ihrem Leben zu tun.
Ich finde, genau das brauchen wir auch für ältere Kinder. Denn Vielfalt darf nicht im Kindergartenalter enden.
Ich wünsche mir Bücher, die Gesprächsstoff liefern.
Bücher, bei denen ein Kind nach dem Lesen vielleicht sagt: „Warum war das für die anderen eigentlich so komisch, dass Anders im Rollstuhl sitzt?“
Oder: „Warum hat er das nicht einfach selbst gemacht?“ Oder auch: „Das fand ich irgendwie doof.” sagte mein Kind.
Denn auch das gehört für mich zu Inklusion: Nicht alles muss sofort richtig verstanden werden. Man darf Fragen haben. Man darf etwas komisch finden. Man darf seine Meinung ändern. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich solche Bücher gerne neben die ganz kleinen Vielfalt-Bilderbücher ins Regal stelle.
