Geburtsbericht Teil 2 – alles ganz anders als gedacht

Im ersten Teil des Geburtsberichtes habe ich eine Fortsetzung versprochen. Und dann dauert diese ewig. Das ist natürlich dem aktuellen Leben hier geschuldet, aber das ist nur zum Teil eine Ausrede. Denn es fiel mir schwer diesen zweiten Teil zu schreiben. Diesen zweiten Teil zu verarbeiten und an mich dran zu lassen. Er triggert mich. Und doch muss er raus. Ich möchte euch damit keine Angst machen, rate aber dennoch schwangeren Frauen davon ab, ihn zu lesen. Triggerwarnung

 

Im OP – Saal, werde ich von einer sehr unfreundlichen OP Schwester begrüßt. Sie fühlte sich wohl in ihrer Nachtruhe gestört. Die begleitende Hebamme bemerkt das und spricht mit ihr. Im OP werde ich nach und nach von meinen Ärzten begrüßt und die letzten Einzelheiten besprochen. Ich muss nochmal etwas zur Narkose unterschreiben und während die Desinfektion einwirkt, wird unser „Fall“ vom Chefarzt vorgetragen

Wheelymum ist schon lange bei stationär, wegen…. und jetzt ist der Zeitpunkt das Baby zu holen…

Man verabschiedet mich mit den Worten:

„Wenn wir jetzt gleich alle soweit sind, werden sie schlafen und als zweifach Mama aufwachen. Ihr Mann ist jetzt da und die Kinderärzte stehen bereit. Es geht los,….“

Ich bekomme die Maske aufgesetzt und schlafe ein.

…..

 

Ich höre Stimmen und sehe den Anästhesisten, während ich im Bett auf dem Flur geschoben werde. Ich werde begrüßt und döse gleich wieder weg. Kurz danach liege ich in meinem Bett in einem Zimmer und bin total verkabelt. Eine mir unbekannte Schwester, gratuliert mir zu meinem Sohn. Ich schließe meine Augen wieder und bin unendlich müde. Der Anästhesist kommt wieder ins Zimmer und meint:

„Ich habe hier jemanden mitgebracht.“

Der Herzmann steht an der Tür und kommt zu mir. Er hat unser Baby bereits gesehen und erzählt mir etwas von ihm. Während dessen kommen immer wieder die beiden diensthabenden Ärzte und der Anästhesist zu mir, die Nachtschwester ist die ganze Zeit im Raum. Ich werde gefragt, wie ich mich fühle und ich antworte, dass ich Schmerzen im Bauch habe. Die Ärztin lächelt mich an und sagt:

„Sie hatten gerade eine große Bauch – OP, da darf das sein, aber sie bekommen gleich etwas dagegen. Aber wie geht es ihnen sonst?“

Ich wusste nicht was sie meinte, bemerkte, aber dass sie zum Telefon griff und ich sah Sorge in den Augen meines Mannes. Und wieder schloss ich meine Augen. Kurz darauf sollte ich den Ärzten die Hände geben und einige Fragen beantworten. Zunge herausstrecken und ich sollte die Augen öffnen. Erst hier bemerkte ich, dass ich immer nur das rechte Auge geöffnet habe. Ich wurde gebeten auch das linke Auge zu öffnen. Mit etwas Anstrengung ging das, aber ich sah Doppelbilder und das Auge fiel gleich wieder zu. Plötzlich ging alles ganz schnell. Der Chefarzt stand vor mir, die Telefone klingelten und mein Man bekam gesagt, dass ich schnell ins CT muss. Man hat mit den Neurologen telefoniert und durch unterirdische Gänge. werde ich nun in die Kopfklinik gebracht. Die Nachtschwester und die Dienstärztin vom Abend fahren mich in meinem Bett in die Neurologie Dort werde ich bereits auf dem Flur erwartet und soll hier gleich noch einige Fragen beantworten. Arme nach oben halten und mein linker Arm fiel ganz langsam wieder ab. Hände drücken und ich spürte wie ich links kaum Kraft dazu hatte. Augen schließen und mit dem Zeigefinger auf die Nase zeigen. Rechts kein Problem, links traf ich noch nicht einmal mein Gesicht. Ich bekam Panik. In diesem Moment erklärte mir die Neurologin, dass sie denken, dass ich einen Schlaganfall habe. Ich wurde ins CT geschoben. Meine Narbe tat weh, ich hatte mein Kind noch nicht gesehen, mir mir unendlich kalt und plötzlich war ich hellwach und gleichzeitig so müde.

1000 Gedanken in meinem Kopf. Und keinen konnte ich klar fassen. Nach kurzer Zeit wurde ich wieder herausgelassen und auf mein Bett zurück gelegt. Es wurde eilig telefoniert, soviel bekam ich mit. Kein großer Infarkt ….aber ….. Hirnstamm …. unsicher …. kurz nach Sectio …. Ich war zu müde zum nachfragen. Die Gynäkologin telefonierte mit dem Chefarzt und der Neurologie telefonierte auch mit jemanden. Dann kam man zu mir und erklärte mir:

„Es ist kein großer Schlaganfall, aber wir müssen handeln. Das Problem liegt darin, dass sie gerade frisch aus dem OP kommen, eine große Bauchwunde haben wir und normal mit einer Lysetherapie beginnen können. Unsere Chefärzte klären jetzt miteinander, wie wir das am besten angehen.

So wurde weiter besprochen, telefoniert, beratschlagt,…. in dieser Zeit setzte sich die Nachtschwester zu mir aufs Bett und nahm meine Hand. Das tat so gut.

Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, als ich schließlich mitgeteilt bekam, dass ich nun zurück auf die Intensivstation komme und man dort mit einer Behandlung beginnt, die nun extra auf meine Situation zugeschnitten wurde. Als ich zurück im Zimmer war, zeigte die Uhr 4.55 Uhr. Der Herzmann saß auf einem Stuhl und war eingenickt.

Ich wurde ans EKG angeschlossen, bekam Sauerstoff und 6 Infusionen, liefen nun nach und nach in meinen Körper. Ich erzählte meinem Mann, was gesagt wurde und die Nachtschwester erklärte es ihm nochmal. Sie kümmerte sich auch um ein Zustellbett, dass er erst einmal bei mir bleiben konnte. Ich sollte nun versuchen zu schlafen. Um 5.45 schaute ich zum letzten Mal auf die Uhr, um 6.30 Uhr wurde ich wach, weil mein ganzer Arm nass war. Ich brauchte sofort einen neuen Zugang und alle waren etwas hektisch. In den folgenden 2 Stunden, wurde ich alle halbe Stunde aufgeweckt, um meinen Zustand zu überprüfen. Als die Visite kam, konnte ich mein linkes Auge zwar noch nicht gut öffnen, aber die Doppelbilder waren verschwunden. Ich bekam den Tagesablauf erklärt,… ich muss an der Überwachung bleiben, soll sofort klingeln, wenn sich etwas verändert und muss heute Vormittag mit dem Krankentransport nochmal zu weiteren Untersuchungen gebracht werden.

Meine Antwort war:

„Ich will zu meinem Kind.“

Ja, man versuche was möglich ist, aber zunächst, muss das geschehen.

Mein schlimmster Albtraum wurde wahr – bei Junior musste ich fast 24 Stunden warten, bis ich ihn sehen konnte – wegen einer schlechten Koordination. Dies sollte beim Januarwunder wirklich anders werden. Ich hatte es überall angesprochen und nun das. Ich kann mein Kind wieder nicht sehen. Ich begann zu weinen und der Tränenstrom wollte nicht mehr aufhören. Man gab mir etwas zur Beruhigung und schon kam das nächste Drama….

Als die Schwester nach der Gebärmutter schaute, tat dies höllisch weh und sie war wieder weit überhalb des Bauchnabels. Dies war in den Stunden zuvor schon weiter unten. Ehe ich mich versehen konnte, kamen zwei Ärzte mit dem Ultraschallgerät zu mir. Verdacht auf innere Blutung durch die Behandlung des Schlaganfalls. Man schallte und sah freie Flüssigkeit. Diese sei aber noch so gering, dass man noch etwas abwarten kann und noch keine Not – OP einleiten muss. Und wieder überschlug sich in meinem Kopf alles. Ich bekam ein weiteres Medikament damit sich die Gebärmutter zusammenzieht. Danach wurde wieder geschallt – 3x das ganze, bis man vorerst Entwarnung geben konnte (Es blieb dabei – keine weiteren Eingriffe nötig)

 

Aber mein Baby hatte ich immer noch nicht gesehen und zu Essen hatte ich auch noch nichts, weil man nicht wusste was bei den Untersuchungen herauskommen würde….

Der Herzmann war beim Januarwunder und ich wurde vom Krankentransport abgeholt. Im Flügelhemd und mit EKG wurde ich in eine andere Klinik gebracht…. Untersuchung …. Rücktransport – Ich erspare euch die Einzelheiten. Und wieder standen Ärzte in meinem Zimmer und beratschlagten – und wieder wollte ich nur zu meinem Kind. Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass ich in der anderen Klinik eigentlich noch einem Neurologen vorgestellt werden sollte. Dies ist nicht geschehen. Jetzt wurde ein Konzil beantragt, dass er zu mir kommt – innerhalb der nächsten 2 Stunden. Zu meiner Überraschung funktionierte dies. Als ich hier die Übungen von heute Nacht wiederholen sollte, gelangen sie bereits viel besser. Noch nicht wie gewünscht, aber es war eindeutig festzustellen, dass es mir besser geht. Ansonsten war dieser Arzt eher von der Sorte: ich bin Arzt ich weiß Bescheid und bitte stellen sie keine Fragen.

Als ich dies später dem Herzmann davon erzählte, sagte er zu mir:

„Jetzt sprichst du auch wieder viel besser.“

Mit großen Augen schaute ich ihn an. Ok, ein Auge war groß, das andere halb geöffnet. Ich fragte ihn was er meint. Seine Antwort erschrak mich sehr:

„Heute Nacht und heute Morgen, hast du total gelallt. Wie völlig besoffen. Man hat dich kaum bis gar nicht verstanden.“

Plötzlich wurde mich einiges klar. Die ganzen Nachfragen, das mit anderen reden als mit mir, die Hektik in der Nacht und am Morgen. Aber es war mir zu keinem Zeitpunkt bewusst, dass ich undeutlich gesprochen hätte.

Und mein Kind? Das konnte ich immer noch nicht sehen. Der Herzmann fuhr spät abends nach Hause und versprach mir am nächsten Morgen früh wieder zu kommen, damit wir dann gemeinsam zu unserem Baby können. Ich wurde weiter streng überwacht, aber es ging mir besser und ich begann damit zu pumpen. Endlich etwas für mein Baby tun zu können. Vor 20 Stunden wurde ich Mama und alles drehte sich nur um mich.

So schlimm wie sich das anfühlte, so wichtig war das auch. Denn auch unser Januarwunder hatte keinen leichten Start – um ehrlich zu sein, sogar einen sehr sehr schwierigen und hätte ich das an diesem Tag erfahren, weiß ich nicht was mit mir passiert wäre.

Wie versprochen kam der Herzmann am nächsten Morgen sehr früh wieder. Fast alle Symptome haben sich zurückgebildet und bevor irgendjemand mit irgendeiner Idee kam, habe ich bei der Morgenvisite gesagt:

Und jetzt gehe ich in den Rollstuhl und zu meinem Baby. Alle Untersuchungen, Das Waschen mit der Schwester usw. müssen warten, ich lasse mich jetzt nicht mehr vertrösten.

Weste darüber und so sind wir los. Das Umsetzten tat furchtbar weh, mein Kreislauf spielte verrückt aber nichts und niemand hätte mich jetzt davon abhalten können, mein Kind zu sehen. Auf dem Weg auf die Frühchenintensivstation kam uns einer der Assistenzärzte der Geburtshilflichen Station entgegen. Er sah mich und nahm mich in den Arm:

Wheelymum, wie schön sie hier zu sehen. Sie haben gestern den gesamten Morgenrapport lahmgelegt. Wir waren alle so geschockt. Am Nachmittag konnte man dann ja eine leichte Entwarnung geben, aber sie jetzt hier zu sehen, das ist das Schönste für mich.

Ach so und natürlich, herzlichen Glückwunsch“

Puh,… ich begann wieder zu weinen. Und dann, dann war ich endlich bei meinem Kind. Ich durfte ihn noch nicht herausnehmen, aber ich durfte ihn sehen. Mit zwei Augen. Und wieder sah ich Doppelbilder, aber dieses Mal vor Tränen. Tränen des Glücks, der Dankbarkeit und der Erleichterung.

Zwei Tage später wurde ich auf Normalstation in mein altes Zimmer zurückverlegt. Alle, wirklich alle Mitarbeiter der Station, kamen zu mir um mich zu begrüßen. Sie hatten alle solch eine Angst und gratulierten uns zu unserem Baby. Von den vielen Ärzten bis zur Reinemachefrau. Hier wurde ganz deutlich, dass es eben doch auch immer wieder um Beziehung geht. Wo Menschen sind, gibt es Beziehungen zueinander. Und diese prägen uns. Hier hat jeder mehr getan, als nur seinen Job. Danke dafür. Es folgten noch einige Untersuchungen und mittlerweile hat sich auch herausgestellt, dass doch zwei kleine Folgeschäden geblieben sind. Diese schränken mich aber nicht groß ein und es ist, so wie es ist.

 

Ganz bestimmt war das weder eine normale Schwangerschaft, noch eine normale Geburt.

Und ich kann mein Glück nicht in Worte fassen, jetzt Mama von zwei gesunden Frühchenkindern zu sein und

diese auf ihrem Weg ins Leben begleiten zu dürfen.

 

Eure

wheelymum

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7 Kommentare

  1. Barbara

    Ufffz, ein Glück dass es “gut” ausging und ihr nen den Weg zu viert weiter gehgen dürft.

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  2. Mother Birth

    Ich habe auch Tränen in den Augen <3

    Andrea

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  3. Nici Hotopp

    Ich ahnte ja das es schwer war und dir nicht gut ging, aber das ist wirklich kein Start den sich eine Mama wünscht. Gott sei dank seit ihr jetzt eine tolle vierköpfige Familie!

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  4. Isabelle

    Unfassbar ergreifend. Ab jetzt nur noch Glück,Glück,Glück!!!

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  5. Katina Reimann

    Du bist die Tapferste überhaupt!

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  6. suomitany

    Ich hab Tränen in den Augen. Es tut mir einerseits wirklich weh, dass euch beiden nicht gut ging und es weckt alte Erinnerungen. Und ich wünsche dir, dass die Folgeschäden doch noch heilen. Du bist wirklich so tapfer und stark. Alles Liebe!

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  7. Christine S.

    Da kommen mir die Tränen. Du bist stark, so viel durchmachen für ein kleines Wunder, das können nur Löwenmamas! Passt gut auf Euch auf!

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