Eltern mit Behinderungen: Übergriffigkeit oder Hilfe

Eltern mit Behinderungen

Unser Kind darf in Pfützen hüpfen und barfuß laufen. Und das ganze immer dann, wenn er es möchte. Matschkleidung haben wir aber selbst wenn wir diese nicht dabei haben, why not? Die Körpererfahrungen sind nicht zu ersetzten, er bekommt ein Gefühl für die Natur und er hat einfach Freude daran.

Das führt hin und wieder zu Problemen mit anderen Eltern und Kindern. Mit Eltern deren Kinder, weder in Pfützen springen dürfen, noch selbst entscheiden können, ob sie barfuß laufen möchten oder nicht. Die Gründe hierfür mögen vielfältig und unterschiedlich sein. Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe Mitleid mit den Kindern, wenn unser Sohn das darf und sie nicht. Ich verstehe auch die Eltern, die wir mit unserer Entscheidungsfreiheit in Schwierigkeiten bringen. Was ich nicht verstehe, sind Eltern, die von uns oder unserem Sohn verlangen, dass er sich so zu verhalten hat, dass sie keine Auseinandersetzung mit ihrem Kind haben.

Ich kann meinem Kind nicht vorschreiben, wann er zu frieren oder zu schwitzen hat. Wann es für ihn warm genug ist, um das Gras unter seinen Füßen zu spüren oder dass er schlichtweg das Gefühl von Sand im Schuh ertragen muss. Für ihn ist das kaum auszuhalten und er zieht dann ganz selbstverständlich, ohne zu Fragen seine Schuhe aus. Für mich ist dies ein Zeichen für eine gute (Körper – ) Wahrnehmung.

Immer wieder führt das aber auch zu Auseinandersetzungen und Diskussionen mit anderen Eltern. Im Mai hatten wir ein Beispiel, dass aber alles übertraf. Hier wurde ich, auf Grund meiner Behinderung, von anderen Eltern übergangen und mein Sohn bevormundet.

Wir waren, wie ihr es euch denken könnt, auf einem Spielplatz. Junior spielte und zog sich seine Schuhe aus. Es war warm, aber noch nicht heiß. Er spielte mit einem anderen Kind, als dieses zu seiner Mama ging und fragte ob es die Schuhe ausziehen dürfte.

„Nein, natürlich nicht.“

„Aber Mama, der Junge ist auch barfuß und mir ist echt heiß.“

„Ich habe nein gesagt und der Junge sollte eigentlich auch Schuhe anziehen.“

Junior spielt weiter, ich sage noch nichts.

Das andere Kind weint etwas, geht aber zurück zu Junior und sagt. „Ich darf nicht“. Es kommen weitere Kinder dazu und sie spielen verteilt auf dem Spielplatz. Junior ist das einzigste Kind, welches barfuß unterwegs ist. Ich sitze im Rollstuhl auf der anderen Seite des Spielplatzes, als ich Junior kurz „aua“ rufen höre. Ich schaue zu ihm und er gibt mir ein Zeichen, alles ok.

Im nächsten Moment ist eine andere Mama bei ihm und schaut sich seinen Fuß an. Eine weitere Mama bringt seine Schuhe und die beiden reden auf ihn ein, diese Schuhe jetzt aber anzuziehen. Ich komme von hinten nun doch angefahren. Ich höre wie die eine Mama sagt: Deine Mama sitzt im Rollstuhl, sie kann die nicht sagen, dass das zu gefährlich ist. Sie spürt das ja gar nicht. Und jetzt zieh endlich deine Schuhe an.“

Am liebsten hätte ich die Mamas einfach von hinten umgefahren. (Ja, ich weiß, aber bei sowas muss ich mich sehr beherrschen)  Ich gehe dazwischen, nehme Junior zu mir und frage die beiden wo denn das Problem sei. Was ich mit dieser Frage nun möchte? Nun ja, ziemlich genau das was ich auch sagte. Meinem Sohn geht es gut, er ist wohl in etwas hineingetreten und hat mir ein Zeichen gegeben, dass alles in Ordnung sei.

Aber es sei sowieso unverantwortlich und viel zu kalt zum barfuß laufen. Ich erwiderte, dass sie das vielleicht so sehen und es mir leid tut, wenn ich sie nun in Schwierigkeiten mit ihren Kindern bringe. Aber diese Übergriffigkeit verbiete ich mir.

Die beiden haben mit ihren Kindern den Spielplatz verlassen. Junior schaukelte noch ein wenig, aber wir sind kurz danach auch nach Hause. Weil Junior traurig war, dass seine „Freunde“ nun weg mussten.

 

 

 

Für mich hat das nichts mit Hilfe zu tun. Ich empfand das einfach unverschämt. Hier wurde meine Behinderung ausgenutzt, um unsere Erziehungsmethoden zu untergraben und das ist einfach ein absolutes no go.

Wie hättet ihr reagiert?

 

Eure

wheelymum

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10 Kommentare

  1. Lydiaswelt

    Liebe Ju,Du solltest die Mütter beim nächsten mal anlächeln und sagen: “Ich bin schon groß”.
    Als blinde Mama, deren Kinder ihre eigenen Erfahrungen beim Klettern, Balancieren und Matschen machen durften kenne ich diese selbsternannten Miterzieher nur allzu gut. Und ich finde sie einfach respektlos Dir gegenüber. Ich meine, Du schreibst den anderen Kindern schließlich auch nicht vor, daß sie ihre Schuhe ausziehen.

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  2. Britta Sommer

    Ich finde die Reaktion auf das Handeln der anderen Eltern vollkommen richtig.das Wichtigste ist, dass Dein Sohn (Solidaritäts-Du, hoffentlich OK von einer Co-Mutter) mitbekommen hat: Du stellst dich vor ihn, denn Du hast das Sagen und nicht andere Mütter!

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  3. JoJansen

    Liebe Ju, ich finde die Reaktion der anderen Mütter respektlos und arrogant. Sie sahen sich ihren eigenen Kindern gegenüber in Erklärungsnot – “Warum darf das Kind, was ich nicht darf?” – und nutzten einen Moment der scheinbaren Schwäche schamlos aus. Scheinbare Schwäche, denn diese existiert nur ihn ihren Augen, ist dass Dein Sohn sich verletzte. “Ha, wir haben’s ja gleich gewusst, dass Barfusslaufen sooo gefährlich ist.” Dies wäre noch halbwegs erträglich und menschlich zumindest nachvollziehbar. Aber die Bezugnahme auf Deine Beeinträchtigung ist einfach nur armselig und respektlos. Ganz deutlich klingt da für mich an: Die Frau kann sich ja nicht richtig um ihr Kind kümmern, weil sie behindert ist. Gerade so, als wäre körperliche Beeinträchtigung zwingend mit geistiger Behinderung verbunden. Eure unterschiedlichen Auffassungen von Erziehung werden somit unter den Tisch gekehrt, denn Du kannst ja gar nicht recht haben. Diese Arroganz macht Dich zu Recht wütend und mich auch. Vielleicht solltest Du Dir einen Hund anschaffen, der bei solchen Begegnungen der unheimlichen Art ein bisschen knurrt.
    Liebe Grüße Jo

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  4. Nicki

    Liebe wheelymum,

    Solche unerfreulichen Szenen gab es auch vor über zehn Jahren schon, als meine drei Kinder noch klein waren. Ich habe ihnen auch viel Vertrauen in ihre Fähigkeiten entgegen gebracht und Bewegungsfreiheit im Spielen und Erleben der Welt “erlaubt”. Das hat ihre Sinne und ihre Wahrnehmung sehr gut geschult und ich würde es genauso immer wieder machen. Ebenso habe ich ihrer Entscheidung überlassen, wie viel sie essen und trinken wollen und wie lange sie gestillt werden wollten und wie lange sie in der elterlichen Nähe schlafen wollten… Das gehört alles zur körperlichen Autonomie des Kindes. Die Unkenrufe “die werden ja nie selbstständig werden!” habe ich noch im Ohr…
    Komisch, dass unser Großer vor zwei Wochen mit gerade 18 Jahren über 400km weiter weggezogen ist. Im Ernst, ich glaube, dass in diesem Fall wie Du ihn schilderst, vor allem zwei komplett konträre Einstellungen gegenüber Kindern ( und Erziehung) aufeinandergeprallt sind. Deine Behinderung hat dem Ganzen dann die Krone aufgesetzt und den anderen beiden Müttern die innere Legitimation erteilt, hier mal gegenüber deinem Sohn tätig werden zu müssen….Eigene Vorstellungen einfach ungefragt anderen überzustülpen…das ist in der Tat ein No-Go, besonders perfide unter dem Deckmantel von “Wir habens ja nur gut gemeint und wollten helfen.” Gut gemeint ist eben oft nicht gut gemacht.
    Behalte Dir bitte Deine Unabhängigkeit im Denken und Handeln, liebe wheelymum, dann wird Junior noch viele spannende Kinderjahre vor sich haben.
    Und wie schön, dass es Dir wieder langsam besser geht.
    Einen fröhlichen Sommer mit ganz viel Sand, Wasser, Matsch wünscht euch Nicki

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  5. EsistJuli

    Bei sowas platzt mir ja echt die Hutschnur!
    Ich finde es sowieso übergriffig, wie manche Menschen sich verhalten.
    Als ich grade 18 war und Auto fahren durfte, hab ich meine Schwester von der Orchester-Probe abgeholt. Die war noch nicht draußen und ich wartete mit laufendem Motor. Ich wusste, es kann maximal 60 Sekunden dauern, bis sie kommt und hatte auch keinen Parkplatz, sondern wartete am Rand und hätte sofort weg fahren können. Schon kamen direkt andere wartende Eltern und sagten, ich müsse den Motor ausmachen, sonst ginge die Batterie leer. Ist natürlich nicht “so schlimm” wie bei dir, aber im Nachhinein ärgert es mich. Das war kein gut gemeinter Tipp, sondern so aggressiv gesagt und so auf mich eingeredet, dass ich letztlich total nervös wurde und später beim anfahren gefühlt 1000 mal abwürgte. Letztendlich war es ja auch einfach totaler Unsinn, was mir da erzählt wurde. Zum Glück bin ich inzwischen selbstbewusst genug, um in solchen Situationen zu reagieren.
    Aber diese Bevormundung, nur weil ich eine Frau oder Jung oder sonstwas bin, macht mich echt fuchsig! Ein netter Tip ist ja okay, aber dieses “du musst das so machen, denn du KANNST es ja gar nicht besser wissen.” Hallo? Geht gar nicht!!
    Du hast richtig toll reagiert! Sowas freut mich dann wieder 🙂 für Junior war das natürlich trotzdem Schade…

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  6. Rebecca

    Wow! Starke Reaktion. Ich bin in solchen Situationen oft sprachlos. Es ist so schade, dass diejenigen, die am meisten unter solch sinnlosen Konflikten leiden, die Kinder sind. Denn so würde eine schöne Spielsituation gestört und sogar beendet. Aber dir kann man daraus keinen Vorwurf machen. Du hast das beste aus der Situation gemacht.

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  7. Paty

    Von Seiten der anderen Mütter war es ein Frechheit sowas zu sagen. Ich würd hier gern mehr schreiben, aber gerade fällt mir echt nix ein das ich im Internet verewigen will, weil mich solche Herablassenden Menschen nur noch wütend machen!

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  8. Helena

    Ich bin für nächstes Mal Umfahren 😉

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  9. Rii

    richtig schlimm finde ich, dass sie deine fähigkeiten und dein verantwortungsbewusstsein als elternteil vor deinem kind negiert haben, ohne auch nur einen hauch deiner und eurer geschichte zu kennen. ich glaube, dazu hätte ich in der situation noch einen satz sagen wollen.

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  10. Susanne Aatz

    Am bittersten finde ich diese Sache für Junior. Ganz ehrlich wir behinderten Menschen, egal ob wir Kinder oder Hunde haben, in meinem Fall ein Blindenführhund, kenne das ja nur zu gut und haben unsere Strategien. Natürlich ist es jedes Mal wieder nervig und gelegentlich Platz und auch der Kragen. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Was ich wirklich schade finde ist: Die Folgen haben die Kinder zu tragen. Einmal Junior, weil ihm seine Freunde weggenommen werden, die anderen Kinder, weil sie etwas wollen, was die Mutter nicht will und sie deswegen nach Hause müssen. Sehr sehr schade! Eine wirkliche Lösung gibt es dafür nicht, außer Junior was Gutes tun!

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