Blogreihe: Ich habe MS – hätte ich das vorher gewusst, hätte ich kein Kind bekommen

Eltern mit Behinderungen

Manche Geschichten kann nur das Leben schreiben. Manche sind nachvollziehbar, andere kann man vielleicht nicht immer ganz nach voll ziehen, aber niemand darf und soll über andere Menschen urteilen, denn niemand weiß, was sie zu diesen Entscheidungen bewogen hat.

So war es zum Beispiel der Fall, als Birgit zu mir sagte:

Ich liebe mein Kind über alles, aber hätte ich vor der Schwangerschaft gewusst, dass ich MS habe, hätte ich dieses Kind nicht bekommen.

Puh, ich musste schlucken. Da sprang das Kind im Garten herum. Lachte und tobte. Kam immer wieder zu seiner Mama und neckte sie, kuschelte sich an sie und gab ihr einen Kuss. Die Mama strahlte zurück.  Wer bin ich, um mir anzumaßen, über diesen Satz zu urteilen? Ich wollte mehr erfahren und habe einfach nachgefragt. Wir erzählten miteinander und waren ganz vertraut. Sie begann zu erzählen, dass sie völlig gesund war, als sie die Schwangerschaft planten und dann auch als sie schwanger wurde. Ein echtes Wunschkind.  Die Schwangerschaft und die Geburt verliefen völlig unauffällig. Als das Kind 3 Jahre alt war, traten die ersten Ausfallerscheinungen bei Birgit auftraten. Es beschlich sie ein Gefühl und sie ging sofort zum Neurologen. Der Verdacht bestätigte sich. Nach einigen Untersuchungen kam heraus: Diagnose Multiple Sklerose.

Diese Diagnose ist Birgit nicht unbekannt. Auch ihre Mama hatte diese Krankheit, mit einem ziemlich schweren Verlauf. Depressionen kamen dazu und sie starb relativ unbeweglich, vor allen Dingen aber Unglück. Birgit zog das den Boden unter den Füßen weg und gleichzeitig war ihr klar:

„So leiden wir meine Mutter möchte ich nicht. Ich möchte weder meinem Kind zur Last fallen, noch die Krankheit als Ausrede benutzen, für Dinge die nicht gehen. Ich weiß, wie es enden kann, aber auch dass es nicht so enden muss. Diese zwei Herzen schlagen in meiner Brust.

Damit sie ihr Leben als Frau, im Beruf, als Familie so frei und beschwert wie möglich meistern und weiterleben kann, entschließt sie sich, nur ihren Partner einzuweihen. Allen anderen verschweigt sie ihre Krankheit. Weder das Kind weiß davon, noch ihre Geschwister. Auch bei der Arbeit hat niemand eine Ahnung.

Das Versteck spielen ist anstrengend und kostet Kraft. Und dennoch nimmt Birgit die Krankheit an, kämpft nicht gegen sie, sondern versucht ihr gemeinsam mit ihrem Körper so wenig Raum wie möglich zu geben. Wie lange das gut geht? Das weiß sie nicht. Sie ist glücklich, ihr Kind zu haben und dennoch bleiben die Zweifel – wenn es doch eine erbliche Komponente geben sollte, hat sie die Krankheit weiter vererbt? Wie geht es weiter, wenn irgendwann die Diagnose heraus kommt? Aktuell gibt es keine sichtbaren Einschränkungen. Aber ob das so bleiben wird? Wird man ihr die Verschwiegenheit verzeihen? So viele Fragen und doch gibt es keine Antworten. Gibt es ein richtig oder ein falsch? Wahrscheinlich gibt es doch nur Wege und jeder muss seinen eigenen gehen.

Ich bewundere Birgit für ihre Klarheit. Sie wirkt weder hadernd noch verbittert – sie hat es vollkommen angenommen. Und Dann sagt sie diesen Satz, der mich völlig aus der Bahn wirft.
Sie sagt aber auch –

ich hätte einfach gerne die Wahl gehabt. Diese Wahl hatte ich nicht. Ich liebe mein Kind und ich bin ihm die beste Mutter die ich sein kann. Aber ich bleibe dabei, hätte ich meine Diagnose früher gewusst, gäbe es diesen wundervollen Menschen heute nicht. Das wäre schade – es sollte wohl alles so sein, wie es gerade ist.

 

Ich danke dir, liebe Birgit für deine Offenheit und deine ehrlichen Eindrücke.

 

Wie geht es euch damit, wenn ihr den Beitrag lest?

Eure

wheelymum

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7 Kommentare

  1. Ralph von Mühldorfer

    Vollkommener Unsinn. Ich leide wahrscheinlich seit meinem 18 Lebensjahr an MS ohne es zu wissen. Ich habe 10 Jahre später meine erste Tochter bekommen und weitere 6 Jahre später, meine 2 Tochter. 2006 wurde meine MS diagnostiziert, weil ich meine Beine nicht mehr richtig koordinieren konnte. Seit 11 Jahren fahre ich nun Rollstuhl. Ich habe 2 wundervolle Töchter. Vor 4 Jahren lernte ich meine heutige Frau kennen. Wir haben vor 2 Jahren geheiratet. Wenn ich das mit meiner MS gewusst hätte, wäre wahrscheinlich vieles anders gelaufen. Noch nun ist alles ganz o.k. so.

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Ich denke nicht dass es Unsinn ist. Ja, es ist vielleicht eine harte Aussage, aber ich finde es auch mutig, das so klar zu äußern. Dass es Eltern mit MS gibt, ist ja bekannt und dass es in den allermeisten Fällen gut läuft, ebenfalls. Genau das möchte ich hier ja auch darstellen. Aber eben auch Vielfalt. Und vielleicht wäre die Aussage auch eine ganz andere gewesen, wenn es positive Beispiele im Umfeld gegeben hätte. Das zu werten, finde ich schwierig. Seine eigene Meinung kundtun, die gerne auch anders sein kann, sehr bereichernd. Lg

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  2. Tabea

    Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr MS. Bald werde ich 35.
    Mit meinem Mann habe ich eine 5Jährige Tochter. Sie ist das langersehnte Wunschkind. Als sie 9 Monate alt war, haben 3 Schübe mich halbseitig gelähmt. 7 Monate Reha und volle Erwerbsminderung folgten.
    Ich kann wieder kürzere Strecken am Rollator gehen.

    Wir sind keine normale Familie und haben unsere Sorgen.
    Aber unsere kleine Pippi Langstrumpf ist das größte Geschenk für mich und sie macht mein Leben so perfekt, wie es geht!

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Das ist so wunderschön zu lesen. Ich wünsche dir alles, alles Liebe un viel Gesundheit

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  3. Conny

    Hallo,

    du fragtest was wir beim Lesen deines Beitrags empfinden.

    Ich finde es sehr, sehr gut geschrieben. Als Mensch mit Handycup , gerade bei solchen Diagnosen, ist es sicher eine sehr schwere Entscheidung. Aber keiner kann in die Zukunft schauen. Keiner weiß wirklich was noch kommt.Ein Unfall kann ja auch zum Handycup führen. Und warum sollten Menschen nur wegen einer Einschränkung auf Kinder verzichten?

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  4. Lydia

    Liebe Birgit, ich finde es mutig von Dir diesen Beitrag zu schreiben. Als blinde Mama höre ich von vielen anderen blinden Menschen, dass sie aufgrund ihrer Sehbehinderung keine Kinder bekommen möchten. Ich sehe es so, dass jeder sich für oder gegen eigene Kinder entscheiden darf, fertig.

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  5. Johanna

    Ich kann diesen Gedanken verstehen. Ich möchte meinem Kind eine gute und starke Mutter sein. Es soll mich als Stütze haben, ich will ihm keine Last sein oder Sorgen bereiten.
    Natürlich ist das auch das Leben. Es kann immer etwas passieren. ABER auch ich habe eine Krankheit, deren Verlauf schlecht einschätzbar ist. Falls es mir schon bald viel schlechter geht, wie wird das für mein Kind sein?
    Diese Gedanken kenne ich gut.
    Manchmal frage ich mich aber auch, wie viel von dem Gedanke “Kranke/Behinderte fallen anderen zur Last und das ist unerwünscht und schlecht” dahinter steckt. Und diesen Gedanken finde ich sehr gefährlich, in vielerlei Hinsicht.

    Danke Birgit für deine Ehrlichkeit und schön, dass du dein Leben mit Kind aktuell trotzdem genießt!

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