Blogreihe Eltern mit Behinderungen: In den Niederlanden (Teil 1)

Eltern mit Behinderungen

Heute kommt der erste Teil eines Gastbeitrages einer Mama mit Behinderung. Sie lebt mittlerweile in NRW und früher in den Niederlanden. Es gibt es paar erschreckende Unterschiede. Aber lest selbst. Heute kommt der erste Teil:

 

Gastbeitrag:

Eine behinderte Mutter in den Niederlanden: meine Erfahrung

 

 – Die von mir beschriebenen Gesetzte und Bestimmungen in den Niederlanden haben sich möglicherweise geändert. –

 

Über 10 Jahre habe ich in den Niederlanden gelebt. Als Frau ohne Behinderung und später leider mit Behinderung. Vor ca. 5 Jahren hatte ich einen schweren MS Schub. Ich bekam damals viele Symptome, worunter Dauerschwindel und erhebliche Geh- und Stehproble. Meine Kinder waren damals 6 Monate und 2 Jahre alt. Es gab keine Familie näher als 200 km von uns.

 

Information an wen ich mich wenden muss, für praktische Hilfe war mir schnell bekannt. Ansprechpartner war das Zorgloket, eine Einrichtung der Stadt. Ich wurde gefragt, nach den praktischen Folgen und Schwierigkeiten meiner Situation. Ich konnte kaum laufen und musste mich um meine zwei Kinder kümmern. Angeboten wurden mir ganz unkompliziert einige Stunden Haushaltshilfe jede Woche, ein Elektromobiel mit Kindersitzen und viele Stunden Kinderbetreuung in der Woche. Die Kinderbetreuung für meine 2 jährige wollte ich lieber selbst regeln, mein Baby wollte ich nicht in die Betreuung geben. Ein passendes Elektromobiel für mich und zum transportieren meiner Kinder wurde geregelt. Ich brauchte nichts mehr zu regeln.

 

Daran waren mehrere Firmen beteiligt, die alle von der Stadt bezahlt wurden. Es dauerte leider immer noch sehr lange bis ich ein passendes Elektromobiel bekam. Mein Fall war komplex, wegen dem Transportieren der Kinder. Die Hilfe im Haushalt bekam ich innerhalb weniger Wochen, ganz unkompliziert. Ich hätte mehr Stunden haben können, aber ich wollte nur 3 Stunden die Woche. Die Haushaltshilfen wurden alle bezahlt von der Stadt. Wir mussten einen kleinen Beitrag zahlen von 2 Euro die Stunde. Geregelt wurde dies alles vom Zorgloket der Stadt.

Das Zorgloket bietet Hilfe

 

Das Zorgloket bietet Service an die Einwohner einer Stadt in allen Aspekten die mit Krankheit, Behinderung oder Alter zu tun haben. Wohlgemerkt SERVICE, denn der Staat wird in den Niederlanden als Dienstleister gesehen (der ja vom Volk durch Steuergelder finanziert wird) und nicht als Machtsorgan, dem gehorsam zu leisten ist. Dieser Serviceposten der Stadt informiert die Bürger über die von der Stadt finanzierten Möglichkeiten, um z. B. bestimmte Folgen einer Behinderung zu kompensieren. Zur Kompensation einer bestimmten Behinderung werden dann die Gesetze der WMO (wet maatschappelijke ondersteuning) umgesetzt. Es sind Rechte, die jedem Einwohner zustehen und deren Realisierung unkompliziert ist. Die Mitarbeiter des Zorglokets kamen auch zu mir nach Hause und informierten mich gut über die Angebote zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Für mein Elektromobiel wurde selbstverständlich ein barrierefreier platz mit abschließbarem Aufladeschränkchen geregelt. Ein Platz direkt gegenüber dem Fahrstuhl. Dies wurde alles mit der Wohnungsbaugenossenschaft organisiert und umgesetzt. Bei Fragen nahmen die involvierten Firmen alle selber Kontakt mit mir auf. Ich brauchte nichts zu regeln. Vom Finanzamt bekam ich, ohne es extra angefragt zu haben einen Betrag für Kranke und Behinderte jedes Jahr. Bijdrage zieken en gehandicapten, so hiess das, ein paar hundert Euro.

Hätte ich in einem anderen, nicht barrierefreien Haus gewohnt hätte die Stadt auch Dinge wie einen Treppenlift, Küchen- oder einen Badezimmerumbau gezahlt. Mir wurde aber Jahre bevor ich behindert wurde eine schöne 90qm große barrierefreie Wohnung zugeteilt. Die potenziellen Symptome der MS waren ausreichend als Grund. In all diesen Dingen musste ich kein ärztliches Attest vorlegen. In NL wird einem durch den Staat erstmal vertraut, Angaben werden oft, ohne sie belegen zu müssen, angenommen. Es kann aber Stichprobenartig um Nachweis gebeten werden. Dann muss alles nachgereicht werden und Gelder zurück und Strafen gezahlt werden, wenn das angegebene nicht stimmen sollte.

 

Es kam eine ganze Maschinerie von Firmen und Instanzen in Gang, die sich alle um die Kompensation meines Handicaps bemühten. Denn die Teilnahme von Menschen mit und trotz Behinderung ist in den Niederlanden ein “must”. Die beauftragten Firmen waren sehr bemüht, natürlich nur damit sie Geld durch mich verdienen konnten. Durch mich kamen sie ja an viel Geld. All diese Firmen wurden von der WMO der Stadt bezahlt. Der ganze Zirkus nervte mich nur….

Es ging aber zu allen Zeiten darum, wie und dass ich als gleichberechtigter Bürger am gesellschaftlichen Leben teilhaben konnte. Niemals wurde ich entmutigt, meine Behinderungen betont oder mir ein Hilfsmittel nicht zum ausprobieren gegeben. In den Niederlanden wird übrigens immer ein Elektromobiel durch die Stadt gegeben, dass mit einem Fahrrad mithalten könnte. Also mindestens 15 (nicht wie in Deutschland 6) kmh fahren kann. In den Niederlanden sieht man sehr viele Elektromobiele und Fahrräder. Die zahlreichen Fahrradwegen sind dafür ideal. Außerdem geschehen Wartungen unaufgefordert durch den Hilfsmittellieferanten und terminlich vereinbart alle paar Monate, sodass dafür gesorgt wird, dass die Hilfsmittel immer optimal funktionieren.

Weitere Unterstützung durch MEE

 

Desweiteren wandte ich mich noch an MEE, übersetzt MIT, eine Firma die ebenfalls von der Stadt bezahlt wird und Menschen mit Behinderung oder Krankheit über die praktischen Möglichkeiten in der Stadt zur Unterstützung in dieser Situation informiert. Ich bekam regelmäßige kostenfreie Hausbesuche, während derer ich ausgiebig beraten wurde über praktische zu beantragenden Hilfen um mit meiner neuen Situation umzugehen. Auch über die sozial emotionalen Aspekte konnte ich regelmäßig sprechen mit einer Mitarbeiterin von MEE.

 

Außer die Hilfe im Haushalt wurden auch Hausmeisterdienste angeboten und bezahlt. Glühbirnen wechseln, etwas bohren.. reparieren. Für uns ebenfalls für 2 Euro die Stunde. Hätten wir damals mehr verdient, wäre unsere Zuzahlung sicherlich höher gewesen. Es wäre aber immer eine Zuzahlung geblieben, die finanziell zu tragen gewesen wäre. Jemand mit einem Einkommen von ca 4000 Euro im Monat müsste zB. höchstens 200 Euro monatlich zahlen für die benötigten Hilfsmittel und die Dienste. Eigenes Kapital spielte dabei überhaupt keine Rolle.

 

Mee und auch das niederländische Arbeitsamt (UVW) schickten alle paar Wochen eine Zeitschrift, in der auf positive Weise Menschen mit einer sensorischen, motorischen, körperlichen und/oder geistigen Behinderung porträtiert wurden. Es ging vor allem um was sie trotz ihrer Behinderung machten. Was sie arbeiteten oder welche Interessen sie hatten und wie sie ihr Leben eingerichtet hatten und meisterten. Ich las diese Zeitschriften immer gerne und fand sie sehr inspirierend.

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Ich finde diesen Beitrag auch sehr inspiriend und denke oft, das hier in Deutschalnd einfach noch Nachholbedarf besteht. Eine Stelle die sich kümmert und Lassten abnuimmt. Und das man nicht immer um alles kämpfen muss. Natürlich ist auch in den Niederlanden nichta lles nur Sonnenschein – dazu nächste Woche gerne mehr.

 

Aber wie seht ihr das?

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

 

Weitere Beiträge der Blogreihe findet ihr hier:

 

 

Eure

 

 

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wheelymum

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8 Kommentare

  1. Thomas Rindt

    “Wohlgemerkt SERVICE, denn der Staat wird in den Niederlanden als Dienstleister gesehen (der ja vom Volk durch Steuergelder finanziert wird) und nicht als Machtsorgan, dem gehorsam zu leisten ist.”

    Das ist für mich der wichtigste Satz im Beitrag – darauf fußt alles weitere und genau in dem Punkt hat Deutschland den größten Korrekturbedarf!

    Antworten
    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Ja, es ist ein Komplett anderes Selbstverständnis und der Umgang damit.

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  2. Katja

    Puh – ich ich bin erschrocken. Über unser Land. In Deutschalnd gibt es das alles nicht? Ich habe zumnindest noch nie etwas davon gehört mit Außnahme der Pflegestufe.

    Antworten
    1. Jay

      Nein und selbst die Pflegestufe ist für eine Familie die reine Lachnummer.
      Als ich 5 war erkrankte meine Mutter an einer rapide fortschreitenden MS. Inzwischen bin ich fast 50 und meine Mutter ist seit 16 Jahren tot. Im Beruf habe ich immer wieder mit Handicapfamilien zu tun und wenn es nicht so erschütternd wäre – man könnte lachen: die Erfahrungen des fast 50jährigen sind dieselben, die der grade mal 14jährige macht.
      Für Handicapfamilien gibt es nach wie vor keine geeignete Unterstützung – geschweige denn kompetente und handlungsberechtigte Ansprechpartner. Die Gesellschaft interessiert sich nach wie vor einen Scheiß für Behinderte und deren Kinder. Man muss von einer Stelle zur nächsten rennen/rollen/humpeln und um jede noch so kleine Unterstützung oder Hilfe betteln.

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  3. Mikko

    Wie kann es denn sein, dass das Land direkt neben uns so viel weiter ist? Danke für diesen Einblick. Vielleicht überlegen wir doch noch auszuwandern.

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