Eine Krankheit verändert nicht nur den eigenen Körper. Sie verändert Strukturen. Abläufe. Rollen. Was dabei oft in Vergessenheit gerät, ist dass sie auch Familien verändern kann.
Im Bezug auf Krankheit geht es mir hier um schwere Krankheiten, Behinderungen oder chronische Erkrankungen.
Mir ist das erst bewusst geworden, als ich gemerkt habe, dass Diagnosen zwar einzelne Menschen betreffen, der Alltag aber immer ein gemeinsamer bleibt. Termine werden organisiert, Belastungen verteilt, Stimmungen aufgefangen. Die Krankheit einer Person, die in einer Familie liebt, ist keine Einzelgeschichte. Sie ist eine Familienrealität.
Trotzdem erlebe ich medizinische Gespräche häufig stark auf den einzelnen Körper fokussiert. Befunde, Werte, Therapien. Alles wichtig und unerlässlich, das ist keine Frage. Doch wenn diese bleibenden, lebensverändernden Diagnosen Erwachsene Menschen betreffen, die Eltern sind, dann bleibt dieser zentrale Teil des Lebens immer noch oft unsichtbar: die Elternrolle.
Eltern bleiben Eltern, auch wenn sie Patientinnen oder Patienten sind. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung, aber eben auch mit dem Wissen, von ganz vielen Betroffenen Eltern. Die sich in ihrer Elternrolle nicht gesehen gefühlt haben.
Mit einer chronischen Erkrankung oder einer schweren Diagnose verschwindet der Familienalltag nicht. Die Kinder gehen weiter zur Schule. Emotionen entwickeln sich weiter und das vielleicht in einem Maß, das man vorher nicht kannte. Dies kann ich alle Richtungen gehen – Unsicherheiten wachsen weiter. Gerade Kinder spüren Veränderungen oft früh, auch wenn sie nicht alles verstehen.
Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, dass Medizin diesen Kontext aktiv einbezieht und nicht außer Acht lässt. Nicht als Zusatz, sondern als Routine.
Der Satz „Wie geht es Ihnen als Mutter oder Vater in dieser Situation?“ verändert Perspektiven. Er öffnet einen Raum, in dem nicht nur Symptome vorkommen, sondern Verantwortung, Sorge und Beziehung. Und unsere Kinder gehören zu dieser Realität dazu. Das Gesamtsystem sollte in der Verantwortung sein, Elternschaft hier anzusprechen. Ganz egal ob der Neurologe, der Onkologe, die Psychiaterin oder die Sozialpädagigik. Dadurch kann ein innerer emotionaler Raum entstehen, der Eltern unterstützt. Je nach Situation auch im Bezug auf: “Wie sage ich es meinem Kind?” Es kann zusätzlich helfen, Schuldgefühle abzubauen. Allzu oft kommen diese nämlich noch on top, zu den ganzen Belastungen.
Kinder brauchen keine vollständigen medizinischen Details. Was sie brauchen ist Orientierung und Vertrauen. Kinder reagieren nicht in erster Linie auf Diagnosen, sondern auf Unsicherheit. Wenn Erwachsene beginnen zu schweigen, entstehen eigene Bilder. Diese sind häufig belastender als altersgerechte Informationen.
Deshalb wird in vielen Bereichen zunehmend betont, dass Familienkontexte strukturell in Behandlung integriert werden müssen. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt chronische Erkrankungen ausdrücklich als Lebenssituationen, die soziale Systeme betreffen, nicht nur individuelle Körper.
Das Ärzte das nicht alles alleine leisten können, steht außer Frage. Aber dass diese Aspekte ganz außer Acht gelassen oder an andere Professuren abgegeben werden, reicht auch nicht aus.
Eine ganzheitliche Perspektive verändert auch den Blick auf Unterstützungsmöglichkeiten.
Hilfsangebote für Kinder dürfen nicht erst dann beginnen, wenn Belastung sichtbar eskaliert. Sie brauchen eine selbstverständliche Einbettung. Eine Atmosphäre von Routine statt Ausnahme.
Kinder profitieren davon, wenn Gespräche, Gruppen oder Begleitung nicht als „Notmaßnahme“, sondern als normaler Bestandteil von Versorgung stattfinden.
Besonders deutlich wird das in Bereichen wie Onkologie oder Palliativmedizin. Organisationen wie die Deutsche Krebshilfe oder die International Assoziation for Hospice and Palliative Care betonen seit Jahren die Bedeutung familienorientierter Begleitung. Krankheit betrifft emotionale Systeme – nicht nur biologische.
Dabei geht es nicht ausschließlich um schwere Krankheitsverläufe.
Auch bei chronischen Erkrankungen oder Behinderungen von Eltern entstehen langfristige Anpassungsprozesse. Kinder übernehmen wahrnehmend Verantwortung, oft sehr leise. Sie beobachten Belastung, ohne sie einordnen zu können. Genau hier entsteht ein sensibler Punkt.
Kinder dürfen helfen. Sie dürfen Anteil nehmen. Doch sie dürfen nicht zu stabilisierenden Säulen werden. Sie dürfen nicht zu Young Careern werden oder Parentifizierung erleben. Es gibt Unterstützungs- – und Hilfemöglichkeiten. z.B. Haushaltehilfen, Elternassistenz und vieles mehr.
Ich erlebe im Alltag, wie entlastend es ist, wenn Fachpersonen Kinder aktiv mitdenken. Wenn beiläufig gefragt wird, ob es Kinder gibt. Wenn Hinweise auf altersgerechte Materialien oder Gesprächsangebote selbstverständlich integriert sind. Wenn nicht erst ein Problem entstehen muss, bevor Unterstützung sichtbar wird. Routine nimmt Druck. Und diese Routine signalisiert: Familien gehören dazu. Ich muss nicht zig Internetrechenrechen betreiben, mich an unzählige Stellen wenden, wenn ich mir Sorgen um die Kinder mache. Sondern wir werden neben der Krankheit auch als Familie gesehen.
Krankheit verändert Energie und nicht selten saugt sie die Energie leer. Sie verändert Planung. Sie kann manchmal auch emotionale Verfügbarkeit der Elternteile verändern. Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, wenn Kinder zusätzliche Orientierungspunkte außerhalb der eigenen Familie haben.
Für mich bedeutet das auch, meine Elternrolle bewusst im Blick zu behalten. Meine Krankheit erklärt Einschränkungen, aber sie definiert nicht unsere Beziehung. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen verlässliche Strukturen und ehrliche Einordnung.
Und hier kann auch Medizin dazu beitragen, indem sie Eltern nicht nur als Patientinnen und Patienten sieht, sondern als Teil eines Familiensystems.
Jede Krankheit bleibt individuell spürbar. Ihre Auswirkungen sind es nie.
