Blogreihe Eltern mit Behinderung: Sprich mit mir und nicht mit meiner Begleitung

Eltern mit Behinderungen

Heute kommt in der Blogreihe ein Gastbeitrag von Lydia. Sie hat sich bereits hier , bei euch vorgestellt. Und ich freue mich immer sehr von ihr zu lesen. Unsere Einschränkungen sind ganz unterschiedlich aber dennoch sind viele Situationen gleich. Heute schreibt sie einen Gastbeitrag bei mir – und auch ich habe diese Erfahrung schon oft gemacht:

 

Sprich mit mir und nicht mit der Begleitung

Es ist Freitagnachmittag, als ich mit meinem Sohn unterwegs bin. Und da der Coppi Shop auf unserem Weg liegt, beschließe ich die Visitenkarten abzuholen, die ich gestern bestellt habe. Denn diese brauche ich für eine Veranstaltung am kommenden Wochenende.
Als wir dort ankommen, ist der Druck noch nicht fertig. Der Angestellte im Laden hält es nicht für nötig sich mit mir abzustimmen, sondern spricht den Inhalt mit meinem Sohn ab, der überhaupt nicht involviert ist. Ich versuche mir Gehör zu verschaffen und äußere meine Wünsche. Doch ich hätte auch mit der Wand reden
können. Normalerweise würde ich diesen Laden jetzt und hier verlassen. Denn wer meine
Wünsche nicht respektiert, hat mein Geld nicht verdient. Aber ich habe Zeitdruck und keine Alternative.
Und so kommt es wie es kommen muss. Ich bekomme meine Karten, deren Aussehen ich auf die Schnelle nicht kontrollieren kann, zahle und gehe. Die Karten lege ich auf meiner Veranstaltung aus, nehme sie aber weg, als mir ein sehender Freund erklärt, dass meine Blogadresse fehlt, und bei meinem Twitter
Account steht: „Folge mir Twitter“. Das einzig Korrekte ist der Link zu meiner Facebookseite. Kurz, die Karten können direkt in die Mülltonne.
Diese und ähnliche Situationen erleben Menschen mit einer sichtbaren Behinderung immer wieder, wenn sie von einer nicht behinderten Person begleitet werden. Viele Menschen ohne Behinderung unterliegen dem Irrtum,
dass die Begleitung verantwortlich für alle möglichen Angelegenheiten ist. Ich habe lediglich eine Sinnesbehinderung. Alles andere funktioniert. Sprich, ich kann selbst denken, selbst für mich sprechen, und die Verantwortung für mein Tun und meine Entscheidungen tragen.
Also, liebe sehende Mitmenschen, bitte sprecht nicht mit meiner sehenden Begleitung über mich und meine Wünsche. Es geht hier um mich. Und ich bin diejenige, die mich selbst ab besten kennt. Auch blinde Personen werden mit 18 volljährig, sind voll geschäftsfähig und damit auch für sich und ihre Schutzbefohlenen verantwortlich. Wenn ich also Kinder habe, dann trage ich die Verantwortung für sie, und nicht umgekehrt.
Meine Tochter konnte kaum laufen, als uns eine Dame ansprach, und zu meiner Tochter sagte: „Pass schön auf die Mama auf“. Wäre ich damals schlagfertiger gewesen, so hätte ich sie gern gefragt, ob sie sich einem Kleinkind blind im Straßenverkehr anvertrauen würde.
Fazit, sobald sich Menschen mit einer sichtbaren Behinderung in Begleitung einer nicht behinderten Person befinden, wird gern angenommen, dass diese die Aufgabe einer Betreuung übernimmt. Hier ein paar Beispiele aus der Praxis:
– frage an die Begleitung im Café: „Was möchte sie denn trinken“?
– In einer Behörde die Frage „Kann sie denn unterschreiben“?
– Im Bus zu meinem Kindergartenkind „Deine Mutter kann hier sitzen“.
das sind nur wenige Fettnäpfchen, die aus dem Gefühl entstehen, dass Menschen mit einer sichtbaren Behinderung grundsätzlich hilfebedürftig und betreuungspflichtig zu sein haben. Dabei wäre es das Einfachste der Welt direkt mit uns zu sprechen.
Fragen wie
„was möchten Sie trinken“,
„Wie machen Sie das mit dem Unterschreiben“, oder
„Hier ist noch ein freier Platz, wollen Sie sitzen“,
sind wesentlich geschickter und garantieren eine direkte Antwort auf eine direkte Frage.
Wenn jemand direkt mit mir spricht, dann respektiert er mich als Menschen mit eigenem Denkvermögen. Wird hingegen mit der Begleitperson über mich gesprochen, fühlt sich das an, als wäre ich nur ein notwendiges Übel, das nur durch die Begleitperson lebensfähig ist.
Also, liebe Menschen ohne Behinderung, sprecht mit uns. Und nicht über uns.
Auf lydiaswelt schreibe ich für sehende Personen verständlich über meinen Alltag
als blinde Mutter mit sehenden Kindern. Ich beantworte Fragen, die sich um meinen Alltag und meine Herkunft aus Jordanien drehen. Und so findet Ihr mich:
Blog: http://www.lydiaswelt.com
Besuche meine Facebookseite: https://www.facebook.com/Lydiaswelt
oder folge mir auf Twitter: https://twitter.com/lydiazoubek
Danke für diese offenen Worte – sie erinnern mich an diesen Beitrag und an die Angst einer Mama, die nicht wusste wie sie mit Menschen mit Behinderung umgehen sollte. Und ich kann euch nur ebenfalls bitten, sprecht mit uns.
Eure
wheelymum

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1 Kommentar

  1. Tanja

    Kenne ich auch zur Genüge: Da mein Mann durch ALS verbal kaum mehr verständlich ist, werde ich zu seinem Sprachrohr, wenn er nicht gerade durch seinen Sprachcomputer kommuniziert. Da wir uns seit der Schulzeit kennen, weiß ich seine Antwort meistens und kann sie nach kurzem Blickkontakt mit ihm wiedergeben. So weit so gut. Wenn ich ihn aber bei dem Gespräch direkt anspreche, um seine Antwort zu erfahren, reagieren Dritte dann höchst irritiert, versuchen dann selbst die Antwort zu geben oder übergehen ihn komplett. Wenn ich dann sage, “Moment mal, ich spreche mit meinem Mann und möchte wissen, was er dazu sagt”, entschuldigen sich die meisten Menschen. Es muss ein Sch…ß-Gefühl sein, nicht ernst genommen zu werden. Als weniger eingeschränkte Menschen kommunizieren wir natürlich viel schneller als er. Da bedarf es ständiger Achtsamkeit, dass wir ihn nicht übergehen.
    Wir wünschen Dir viele, Liebe und achtsame Menschen um Dich❣

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