Wenn man ein neurodivergentes Kind begleitet, liest man irgendwann ziemlich viele Ratgeber. Man sucht nach Erklärungen, nach Ideen für den Alltag und nach Antworten auf Fragen, die sich nicht immer so einfach beantworten lassen. Auch ich kenne dieses Bedürfnis, Zusammenhänge besser verstehen zu wollen. Deshalb war ich gespannt auf Der Vulkan in meinem Kind von Sarah Ockwell-Smith.
Schon im Vorwort hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch nicht einfach davon ausgeht, wir müssten nur noch die richtige Methode finden. Es nimmt uns Eltern an die Hand und benennt etwas, das ich besonders wertvoll finde: Oft ist es eben nicht das erste Buch, das wir zu diesem Thema lesen. Wir haben bereits gesucht, ausprobiert, nachgedacht und manches vielleicht auch schon wieder verworfen. Und trotzdem stehen wir im Alltag immer wieder vor Situationen, in denen wir uns fragen, was jetzt helfen könnte.
Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, gesehen zu werden. Nicht, weil das Buch auf alles eine passende Antwort liefert, sondern weil es Situationen beschreibt, die wir aus unserem Familienalltag kennen könnten. Allein dieses Wiedererkennen kann unglaublich wertvoll sein. Denn manchmal brauchen wir nicht noch mehr
Verhalten verstehen, statt nur darauf zu reagieren
Die ersten Kapitel erklären explosives Verhalten und ADHS, räumen mit Mythen auf und verändern den Blick auf das Kind. Besonders der Gedanke „Dein Kind kann nichts dafür“ ist dabei zentral. Er lädt dazu ein, Verhalten nicht vorschnell als Absicht oder Provokation zu deuten, sondern nach dem zu fragen, was dahinterstecken könnte.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten einfach hingenommen werden muss. Aber es verändert die Perspektive: Weg von der Frage, wie ein Kind endlich damit aufhört, hin zu der Frage, was es in diesem Moment braucht und wie wir es unterstützen können.
Besonders aufgefallen sind mir der Verhaltensbaum und die Vulkangrafik. Beide machen Zusammenhänge anschaulich und helfen, hinter das unmittelbar sichtbare Verhalten zu schauen.

Tipps für einen Alltag, der sich nicht nach Ratgeber richtet
Im weiteren Verlauf geht es um Möglichkeiten, explosives Verhalten zu verhindern oder Kinder zu begleiten, wenn sie die Kontrolle verloren haben. Auch Schule und Schlaf finden ihren Platz. Die praktischen Tipps und Anregungen sind hilfreich, wenn sie zur eigenen Situation passen. Aber natürlich gelingt nicht alles, nur weil man es gelesen hat. Der Familienalltag hält sich schließlich nicht an die Kapitel eines Buches. Was bei einem Kind funktioniert, muss bei einem anderen noch lange nicht helfen. Und manchmal weiß man durchaus, was hilfreich sein könnte, schafft es in einer herausfordernden Situation aber trotzdem nicht, es umzusetzen.
Der Wert liegt für mich nicht darin, jede Empfehlung als Anleitung zu verstehen, die nur richtig befolgt werden muss. Das Buch bietet Ideen, neue Blickwinkel und Möglichkeiten zum Ausprobieren. Nicht alles ist neu, manches stößt dennoch etwas an. Und nicht jeder Tipp muss sich bewähren, damit man aus der Lektüre etwas mitnehmen kann.
An einigen Stellen merkt man, dass das Buch aus dem Englischen übersetzt wurde. Wenn beispielsweise die Vorschule beschrieben wird, schwingt ein Bildungssystem mit, das sich vom deutschen unterscheidet. Das ist keine Schwachstelle, sondern eine Besonderheit: Nicht jede Alltagssituation lässt sich eins zu eins übertragen.
Nicht nur das Kind braucht Verständnis
Wichtig finde ich, dass das Buch am Ende auch die Eltern in den Blick nimmt. „Unsere eigenen Masken ablegen“, „Es ist nicht deine Schuld“ sowie das Kapitel über Erschöpfung, Schuldgefühle, Scham und Verzweiflung greifen Gefühle auf, die im Alltag leicht untergehen können.
Bei wiederkehrenden Herausforderungen richtet sich der Blick schnell darauf, was das Kind braucht. Die Erwachsenen, die all das begleiten, geraten dabei manchmal aus dem Blick. Auch sie sind erschöpft, zweifeln an sich und wünschen sich, dass Dinge leichter werden.
Dass diese Gefühle benannt werden, empfinde ich als wertvoll. Es geht nicht darum, immer gelassen zu bleiben oder jede Situation perfekt zu begleiten. Es geht auch darum, die eigene Belastung wahrzunehmen und sich nicht für alles verantwortlich zu machen.

Der Vulkan in meinem Kind ist für mich mehr als ein Buch, das Wissen und Erziehungstipps vermittelt. Es bietet Erklärungen und Anregungen – vor allem aber das Gefühl, mit bestimmten Erfahrungen nicht allein zu sein.
Nicht alles war neu für mich, nicht jeder Tipp wird im Alltag funktionieren. Das macht das Buch für mich aber nicht weniger wertvoll. Ich nehme Gedanken mit, die helfen können, Verhalten anders zu betrachten, und finde es wichtig, dass auch die Erschöpfung und die Gefühle der Eltern Raum bekommen.
Denn manchmal brauchen wir nicht noch eine Liste mit Dingen, die wir besser machen sollen. Manchmal brauchen wir zunächst ein Buch, das uns zeigt: Du bist mit diesen Situationen nicht allein. Und du musst nicht alles perfekt machen, damit du dein Kind gut begleiten kannst.
Ratschläge, sondern zunächst das Gefühl, mit unseren Fragen und Erfahrungen nicht allein zu sein.
