Throwback: Ich sitze auf einer Lesung von Raul Krauthausen. Er stellt sein Buch Als Ela das All eroberte vor, das er gemeinsam mit Adina Hermann geschrieben hat. In der Fragerunde meldet sich mein Sohn und stellt eine Frage:
War schon mal ein Rollstuhlfahrer im All? Und wenn nicht, warum eigentlich nicht?
Das ist jetzt ungefähr zwei Jahre her.
Heute halte ich das Buch Zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit von Michaela Benthaus in den Händen. Ich rufe meinen Sohn zu mir und frage ihn, ob er sich noch an seine Frage von damals erinnert. Ja, kann er.
Und ich kann ihm nun sagen, dass es eine Rollstuhlfahrerin geschafft hat und ins All geflogen ist. Doch damit nicht genug. Sie war die erste Frau mit einer körperlichen Behinderung, die diesen Schritt geschafft hat. Und sie ist eine Frau!
Ich halte das Buch voller Stolz in meinen Händen. Ich habe das Gefühl, Michi hat etwas für mich geschafft. Für mich als Frau. Für mich als körperlich behinderte Person. Beinahe ein Manifest. Und das, obwohl ich selbst zu keinem Zeitpunkt meines Lebens den Wunsch hatte, ins All zu fliegen.
Wenn aus einer Frage eine Antwort wird
Kinder stellen manchmal Fragen, auf die wir Erwachsenen keine Antwort wissen. Und manchmal dauert es ein paar Jahre, bis das Leben selbst sie liefert.
Wer darf eigentlich ins All? Wer kann Astronautin oder Astronaut werden? Wem trauen wir zu, Dinge zu schaffen, die bisher kaum jemand geschafft hat? Und wer kommt uns überhaupt in den Sinn, wenn wir an solche Menschen denken?
Wir haben ziemlich klare Bilder im Kopf. Von Astronauten, von Wissenschaftlerinnen, von Menschen, die Grenzen verschieben und Unmögliches möglich machen. Aber wie oft sitzt in diesen Bildern ein Mensch im Rollstuhl?
Dabei mangelt es Menschen mit Behinderung nicht an Träumen, Fähigkeiten oder Neugier. Es sind vielmehr die Vorstellungen in unseren Köpfen und die tatsächlichen Barrieren, die aus einem Vielleicht allzu oft ein Nein machen.
Deshalb ist es so wichtig, dass Michaela Benthaus ihren Weg gegangen ist. Nicht, weil plötzlich alle Menschen mit Behinderung ins All fliegen müssten. Sondern weil sich unser Bild davon verändert, wer überhaupt dorthin gehören kann.
Michi, du hast da etwas verändert
Es gibt Erfolge, die feiern wir für die Person, die sie erreicht hat. Und dann gibt es Erfolge, die etwas in Bewegung setzen, das weit über diese eine Person hinausgeht.
Für mich gehört Michis Geschichte zur zweiten Kategorie. Vielleicht klingt das pathetisch. Aber manchmal darf man Dinge auch großartig finden, ohne sie sofort wieder kleinzureden. Ich bin stolz auf Michaela Benthaus. Und dankbar für dieses Bild, das sie geschaffen hat.
Die Vorstellung, dass eine Frau im Rollstuhl nicht nur auf der Erde ihren Platz beansprucht, sondern auch dort sein kann, wo wir sie bisher kaum gesehen haben. Dass sie nicht erst in eine Geschichte hineingeschrieben werden muss, in der Behinderung eigentlich gar nicht vorkommt. Sondern dass ihre Geschichte selbst Teil dieser großen Erzählung wird. Sie hat ihren Traum gelebt. Nicht aufgegeben. Obwohl sie, gerade frisch nach der Diagnose, nicht nur einmal an dem Punkt war, aufgeben zu wollen. Davon erzählen auch die ersten Kapitel des Buches. Doch plötzlich fügt sich alles. Und auch an dieser Stelle nimmt das Buch Fahrt auf. Es wird leichter zu lesen, finde ich. Und dabei geht es hier noch nicht um Schwerelosigkeit. Zumindest geht nicht nur um Schwerelosigkeit. Es geht auch um das Gewicht all der Vorstellungen, die wir mit uns herumtragen. Um die Schwerkraft von Erwartungen, Vorurteilen und dem, was angeblich möglich oder eben nicht möglich ist.
Und dann kommt da eine Frau und hebt ab. Mit offenem Mund lese ich.
Michaela Benthaus muss dabei niemanden repräsentieren. Will sie auch gar nicht. Im Vorwort hebt sie hervor, dass sie ihre Geschichte erzählt und nicht für andere Menschen mit Behinderungen sprechen kann und will. Sie ist ein eigener Mensch mit ihrer eigenen Geschichte. Aber natürlich bekommt ihr Erfolg eine Bedeutung, die über sie selbst hinausgeht. Weil wir in einer Welt leben, in der Menschen mit Behinderung noch immer viel zu selten dort sichtbar sind, wo Geschichte geschrieben wird.
Beides darf nebeneinanderstehen: Michi hat etwas Großartiges für sich erreicht. Und ihr Erfolg bedeutet auch anderen Menschen etwas.
Mir jedenfalls bedeutet er etwas.
Ich brauche keinen Traum vom Weltall, um mich wiederzufinden
Als Wheelymum schreibe ich oft darüber, wie selbstverständlich oder eben nicht selbstverständlich Teilhabe ist. Darüber, dass ich Mutter bin, obwohl ich im Rollstuhl sitze. Dass ich mit meinen Kindern unterwegs sein möchte, ohne dass Barrieren schon vor dem eigentlichen Erlebnis alles kompliziert machen. Dass ich nicht jedes Mal erklären möchte, warum ich dazugehöre.
Vielleicht ist genau deshalb die Geschichte von Michaela Benthaus für mich so groß.
Wir müssen nicht selbst die größten Träume haben, um von den Erfolgen anderer berührt zu werden. Manchmal reicht es, zu sehen, dass jemand einen Weg gegangen ist, den wir uns für Menschen wie uns bisher kaum vorstellen konnten.
Ich muss nicht ins All fliegen wollen, um mich darüber zu freuen, dass Michi dort war. Ich muss keine Astronautin werden wollen, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn eine Frau mit körperlicher Behinderung in einem Bereich sichtbar wird, in dem sie bisher gefehlt hat.
Natürlich verschwinden mit diesem einen Flug nicht alle Barrieren. Ein außergewöhnlicher Erfolg ersetzt keine Barrierefreiheit im Alltag. Er sorgt nicht automatisch dafür, dass Menschen mit Behinderung überall mitgedacht werden.
Aber er verschiebt etwas. In unseren Köpfen. In den Vorstellungen unserer Kinder. Vielleicht auch in den Möglichkeiten, die wir uns selbst zugestehen.
Wenn mein Sohn heute fragt, ob eine Rollstuhlfahrerin schon einmal im All war, kann ich ihm sagen: Ja.
Und vielleicht fragt er irgendwann nicht mehr, ob jemand wie Michi das überhaupt schaffen kann. Sondern was es braucht, damit noch viel mehr Menschen ihre Möglichkeiten entdecken und ihre eigenen Wege gehen können.
Ein Buch wie ein kleines Manifest
Zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit ist für mich mehr als die Geschichte einer Frau, die ins All geflogen ist. Es ist eine Erinnerung daran, wie viel es bedeutet, wenn Menschen sichtbar werden, die in unseren Vorstellungen bisher keinen Platz hatten.
Ein bisschen fühlt sich dieses Buch für mich wie ein Manifest an. Nicht laut, nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern allein dadurch, dass es diese Geschichte gibt und ich sie lesen und mit meinen Kindern teilen kann.
Zwei Jahre sind vergangen. Mein Sohn ist ein Stück größer geworden. Und ich halte ein Buch in den Händen, das eine Frage beantwortet, die damals noch offen war.
Danke, Michi.
Ich wollte nie ins All. Aber ich bin froh, dass du dort warst.
