„Entschuldige, ich habe deine Nachricht erst eben gehört. Wir waren in der Sauna.“
Ein ganz normaler Satz. Eine Freundin antwortet auf meine WhatsApp-Nachricht und erklärt, warum es etwas länger gedauert hat. Alles gut.
Und trotzdem bleibe ich an diesem einen Satz hängen.
Wir waren in der Sauna.
In meinem Kopf könnte sie genauso gut schreiben: Wir haben ein Raumschiff gekapert, sind einmal durch die Milchstraße gedüst und haben auf dem Mond gepicknickt.
Klingt absurd? Ist es auch. Zumindest für einen Freitagnachmittag.
Denn Sauna ist für mich nicht einfach Sauna. Sauna ist Wärme, Entspannung, eine Wohltat für den Körper. Wenn die Wärme durch mich hindurchströmt, tut mir das unfassbar gut. Schmerzen werden erträglicher, der Körper darf ein bisschen aufatmen.
Eigentlich eine ziemlich gute Sache, so eine Sauna.
Wäre da nicht dieses kleine Detail: Ich gehe so gut wie nie hin.
Nicht, weil ich keine Lust hätte. Nicht, weil ich nicht wüsste, wie gut mir das täte. Sondern weil zwischen Das würde mir guttun und Ich mache das jetzt einfach ungefähr sieben Galaxien liegen.
Fangen wir mit der Barrierefreiheit an. Viele Saunen sind für mich gar nicht oder nur schwer zugänglich. Und bei manchen reicht es nicht, ein Ticket zu kaufen und hineinzugehen. Ich brauche eine erwachsene Begleitperson. Spontan saunieren? Natürlich. Ich muss nur kurz die örtlichen Gegebenheiten prüfen, eine Begleitung organisieren und die allgemeine Weltlage mit meinem Terminkalender abgleichen.
Dann wäre da noch die Anreise. Eine Sauna in erreichbarer Nähe? Fehlanzeige. Ein Auto? Habe ich nicht. Öffentliche Verkehrsmittel? Eher eine theoretische Möglichkeit als ein brauchbarer Plan. Und nach einem Saunabesuch bin ich möglicherweise genau so entspannt, dass ich mich nicht noch auf eine kleine Expedition durch den Nahverkehr freue.
Bleibt die Frage nach der Kinderbetreuung. Wenn mein Mann mitkommt, brauchen wir jemanden, der auf die Kinder aufpasst. Ein Babysitter wäre praktisch. Fast so praktisch wie eine Sauna, die ich ohne logistische Vorbereitungen erreichen könnte.
Und dann ist da dieser Freitagnachmittag. Einfach losziehen. Ein paar Stunden Wärme. Den Alltag vor der Tür lassen. Das Wochenende mit etwas beginnen, das nur einem selbst guttut. Welch eine schöne Vorstellung.
Und während ich mich für meine Freundin freue, merke ich, wie weit entfernt sich diese Vorstellung für mich anfühlt. Nicht, weil sie etwas Außergewöhnliches unternimmt. Sondern weil sich in diesem ganz gewöhnlichen Satz plötzlich all die Dinge sammeln, die bei mir eben nicht selbstverständlich sind.
Manchmal macht mich das traurig.
Nicht auf meine Freundin bezogen. Ihr wünsche ich ihre Auszeit von Herzen. Sie hat so Recht, dass zu machen und auf sich zu achten. Sie ist großartig! Es geht um diesen Moment, in dem mir auffällt, wie unterschiedlich ein und dieselbe Welt aussehen kann.
Für manche Menschen bedeutet Selbstfürsorge, sich zu überlegen, worauf sie heute Lust haben. Für andere beginnt sie mit der Frage, ob das Gewünschte überhaupt zugänglich ist. Ob jemand mitkommen kann. Ob der Weg machbar ist. Ob sich die verschiedenen Puzzleteile irgendwie zusammenfügen lassen.
Und ehe man sich versieht, ist aus einer kleinen Auszeit ein Organisationsprojekt geworden. Mit Vorlaufzeit, Personalplanung und logistischem Gesamtkonzept.
Die Sauna ist dabei längst nicht mehr das Problem. Sie ist nur das besonders warme Beispiel.
Denn wie viele Dinge gibt es, die für andere ganz nebenbei passieren? Ein Cafébesuch, ein Ausflug, ein spontaner Nachmittag irgendwo. Dinge, über die niemand lange nachdenken muss. Dinge, für die keine Sonderplanung erforderlich ist.
Wenn man selbst ständig mitdenken, vorausplanen und Hindernisse einkalkulieren muss, verändert das den Blick auf solche Selbstverständlichkeiten.
Manchmal reicht dann ein einziger Satz.
„Wir waren in der Sauna.“
Und plötzlich ist der Mond gar nicht mehr so weit hergeholt.
Vielleicht sollten wir deshalb etwas genauer hinschauen, wenn wir über Freizeit, Erholung und Selbstfürsorge sprechen. Denn sich etwas Gutes zu tun, ist nicht immer nur eine Frage der Entscheidung. Manchmal braucht es dafür eine Umgebung, die es überhaupt möglich macht.Ich wünsche mir keine Sonderwelt. Ich wünsche mir eine Welt, in der gewöhnliche Dinge gewöhnlicher sein dürfen. In der Erholung nicht schon an der Eingangstür scheitert und ein freier Nachmittag nicht erst durch eine kleine Organisationsabteilung ermöglicht werden muss.
Bis dahin bleibt die Sauna für mich ein bisschen wie der Mond: Ich weiß, dass es sie gibt. Ich kann mir vorstellen, wie schön es dort wäre.
Nur mal eben hinfahren ist leider nicht.
