5. Mai – Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen

Auf der Straße steht groß STOP . Mein Schattenbild steht davor und schaut in Richtung O

Der Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung erinnert nicht nur. Er legt offen, wie groß der Abstand noch ist zwischen dem, was versprochen wurde und unserem Alltag. Ich schreibe das nicht aus einer abstrakten Perspektive. Sondern aus einer, die unmittelbar betroffen ist. Ich vermische in diesem Beitrag zwei Elemente- der Prottesttag der nächste Woche ansteht und den aktuellen Gesetztesntwurf zur Reform der Kinder- und Jugendhilfe. Denn ich kann diesen nicht einfach als „Fortschritt“ zu lesen. Und damit bin ich nicht alleine. Genau deswegen stehen die beiden Punkte für mich auch in einem Zusammenhang.

 

Ja, es gibt Bewegung.

Ja, es gibt Ansätze, die lange gefordert wurden.

Aber gleichzeitig verschiebt sich etwas Grundlegendes.

Was wie Strukturreform klingt, greift tiefer. Der Entwurf liegt vor. Die nächsten Schritte Richtung Deutscher Bundestag stehen an. Und mit ihm eine Entscheidung, die sich nicht neutral anfühlt:

Wird Unterstützung weiterhin am einzelnen Menschen ausgerichtet – oder zunehmend daran, was Systeme gerade bereitstellen können?

Die Idee sogenannter „infrastruktureller Lösungen“ wirkt auf den ersten Blick pragmatisch. In der Realität bedeutet sie: weniger individuelle Ansprüche, mehr standardisierte Angebote. Das ist kein technischer Unterschied. Das ist eine Verschiebung von Haltung. Und damit wohl leider auch der Beginn von weiteren Ausreden und Begründen warum eine Indiviuelle und notwenige Unterstützung nicht möglich sein wird.

Ich kenne, was es bedeutet, auf passende Unterstützung angewiesen zu sein. Nicht als Ausnahme. Sondern als Teil von Alltag.

 

Und genau deshalb ist klar: Unterstützung funktioniert nur dann, wenn sie wirklich passt.

Nicht ungefähr. Nicht im Durchschnitt. Nicht, weil sie gerade verfügbar ist. Nicht wenn sie gerade mal noch so passt.

Sobald individuelle Ansprüche eingeschränkt werden, entsteht Druck. Sobald Unterstützung gepoolt wird, geht Verlässlichkeit verloren. Sobald Entscheidungen an Ressourcen gebunden sind, wird Teilhabe verhandelbar. Das mag auf dem Papier funktionieren in der Praxis und im Lebensalltag tut es das nicht.

Und genau hier beginnt das Problem.

Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, Teilhabe als Recht zu sichern.

Nicht als Angebot.

Nicht als Option.

Nicht als Ergebnis funktionierender Haushaltsplanung.

Wenn ein Gesetz beginnt, dieses Recht an Strukturen zu knüpfen, wird aus einem Anspruch eine Unsicherheit. Oder in meiner Schwarzmalerei: dann wird aus einem Anspruch eine Ablehnung. Weil es immer Gründe gibt. Warum etwas nicht funktioniert.

 

Was mich besonders irritiert: die Sprache der Einsparung. Im Entwurf ist von Milliardenbeträgen die Rede, die künftig eingespart werden sollen.

Gleichzeitig wird das System ausgeweitet. Mehr Menschen haben Anspruch. Diese Rechnung geht nicht auf, ohne dass etwas gekürzt wird. Und gekürzt wird selten dort, wo es laut ist. Sondern dort, wo Menschen ohnehin schon darauf angewiesen sind, dass ihre Bedarfe ernst genommen werden

Das ist kein Randthema. Es betrifft nicht „einige wenige“.

 

Es betrifft die Frage, ob unsere Gesellschaft bereit ist, Teilhabe konsequent zu sichern –

oder ob sie beginnt, sie zu relativieren, sobald sie Geld kostet.

Ich sehe jeden Tag, wie fragil Teilhabe sein kann. Wie schnell sie kippt, wenn Strukturen nicht tragen. Wie viel Organisation, Energie und Widerstand es braucht, um Selbstverständliches möglich zu machen. Und wie anstrengend das ist. Wie viele Menschen und Familien dafür keine Kraft haben. Keine Zeit. Weil der Alltag sie auffrisst. Alle Ressourcen beansprucht sind.

Und genau deshalb wirkt dieser Entwurf nicht wie ein sicherer Schritt nach vorn. Sondern wie ein Punkt, an dem entschieden wird, in welche Richtung es weitergeht.

Der 5. Mai ist kein symbolischer Tag. Er ist ein Moment, in dem sichtbar wird, ob Gleichstellung ernst gemeint ist.

Nicht in Worten. Sondern in Entscheidungen. Gesetze entstehen nicht unabhängig von Öffentlichkeit.

Sie verändern sich, wenn Druck entsteht. Wenn klar wird, dass genau hingesehen wird. Es geht darum, ob Teilhabe weiterhin vom Menschen aus gedacht wird oder vom System.

wheelymum

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