Kinder tragen ganze Welten in sich. Gedanken, die kommentieren. Worte, die erst ausprobiert werden wollen. Und Beziehungen, in denen all das plötzlich eine Bühne bekommt. Was mein Kopf mir erzählt und Rosas Sprache schauen genau dorthin: nach innen, nach außen – und mitten hinein ins familiäre Miteinander. Das können sie auf beeindruckende Weise und in Form von Büchern vermitteln sie uns alle hier einen Einblick, den wir als Familie zumindest, zuvor noch nicht hatten. Der Beitrag enthält Links zum Partnerprogramm
Was mein Kopf mir erzählt – Tyrolia Verlag
In diesem Buch hat der Kopf Redebedarf. Und zwar ordentlich. Er meldet sich im Alltag, mischt sich ein, bewertet, warnt und dramatisiert gern ein bisschen. Was mein Kopf mir erzählt beginnt als Geschichte über von Toni und Pia, die Kastanien sammeln sind. Sie entdecken eine Walnuss und diese erinnert sie an das menschliche Gehirn. Damit beginnt das Abenteuer:
Während links die Geschichte weiterläuft, öffnet sich rechts eine zweite Ebene. Sachwissen tritt dazu, ruhig und erklärend. Wie groß ist unser Gehirn, wie ist es aufgebaut usw. Einfache Zeichnungen und viel kleiner Text geben die Erklärungen ab. Und so zieht sich das durch das ganze Buch. Links erleben die Geschwister etwas, das rechts erklärt wird, was in unserem Kopf und Körper passiert. Was ist eine Reaktion? Was ein Reflex und wie wird was ausgelöst? Geschichte und Wissen stehen nicht nebeneinander, sie sprechen miteinander.

Ein Buch, das stärkt, ohne zu beschweren. Es erklärt, ohne zu belehren. Und es zeigt, dass im Kopf viel los sein darf, und wie wichtig er für unseren Körper und den gesamten Alltag ist.
Gedanken bleiben selten allein. Sie treffen auf andere Menschen, andere Stimmen – und wie im Buch oft auf Geschwister. Dort kann Sprache plötzlich auch zur Beziehungssache werden.
Rosas Sprache – Kids in Balance Verlag
Rosa hat eine Schwester. Oder anders gesagt, sie ist die Schwester von Anni. Und Anni ist wütend und enttäuscht. Sie liebt Rosa sehr, aber es ist nicht einfach ihre Schwester zu sein. Anni hat sich das ganz anders vorgestellt. Sie gibt sich so viel Mühe Rosa miteinzubeziehen, aber Rosa verhält sich nicht wie die anderen Kinder. Sie macht Überraschungen kaputt und kann, obwohl sie kein Baby mehr ist, nicht viele Worte sagen. Rosa zerstört die Luftballons, die Anni für ihre Party gerichtet hat und verhält sich ganz seltsam. Rosa freut sich nicht, sie bedankt sich nicht. Anni weint und Rosa weint, Mama kümmert sich um Rosa, der alles zu viel wurde und Anni redet mit Papa. Über ihre Enttäuschung darüber, warum Rosa nicht so sein kann, wie andere Kinder. Papa erklärt:
“Rosa zeigt ihre Liebe und ihre Gefühle manchmal anders als wir. Sie hat eine ganz eigene Sprache dafür, die man nicht sofort versteht:
Eine Rosa – Sprache, denkt sie Anni. Die kennt sie noch nicht. Aber sie nimmt sich fest vor, diese Sprache zu lernen. So finden die beiden im Bilderbuch immer mehr einen Weg zueinander und dadurch zu einem miteinander.

Ich mag das Buch, unter anderem weil es viel Potenzial bietet und Rosa keine genau Diagnose hat -. die wird nicht in eine Schublade gesteckt, Ich kann es auch nachvollziehen, warum die Geschichte so geschrieben ist, wie sie es ist. Und doch habe ich ein kleines Problem damit, dass die Familie mit Anni erst nach der totalen Eskalation darüber spricht, dass Rosa ihre eigene Sprache hat. In einer Familie mit Menschen mit Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen sollte das nicht erst dann ein Thema sein, wenn etwas geschehen ist. Jeder Mensch kommuniziert auf seine eigene Weise – und jede Sprache verdient es, gehört und beachtet zu werden, das ist die Kernbotschaft und diese steht in keinster Weise in Frage. Mir ist auch bewusst, dass für die Erzählung der Geschwisterbeziehung es wichtig ist, dass Anni und Rosa ihre gemeinsame Sprache finden. Aber auch hier sehe ich ein Stück weit die Gefahr einer Parentifizierung. Die Eltern oder andere Erwachsene sollten meiner Meinung nach, hier mit eine Rolle spielen und das nicht nur die Mädchen untereinander ausmachen lassen. Das liest dich jetzt alles recht negativ – nein das soll es nicht. Ich hoffe sehr, ihr habt noch weitergelesen. Denn auch ich habe das Buch schon einer Mama empfohlen, die in einer ähnlichen Situation sind. Denn klar ist auch, dass die Botschaft wichtig ist und das beide Kinder hier gesehen werden. Das ist sehr wertvoll. Weitere Impulse bietet auch das kostenlose Onlinematerial.
Beide Bücher zeigen, wie eng Innenwelt, Sprache und Beziehung verbunden sind. Sie geben Kindern Worte für Gedanken, Gefühle und Geschwisterdynamiken – und Erwachsenen die Erinnerung, wie komplex diese Welten sind. Bücher, die nicht laut auftreten, aber lange wirken.
