Blogreihe Eltern mit Behinderungen – Wie erkläre ich meinem Kind den Umgang mit Menschen mit Behinderung und was habe ich dabei selbst gelernt ?

Eltern mit Behinderungen

Eltern oder Menschen mit Behinderungen – ist das immer noch ein Thema? Wir schreiben das Jahr 2020 befinden ins inmitten einr Pandemie, die Klimakatastrophe klopft an und es gibt so viel wichtige Themen und Dinge wie zum Beispiel: black live matters. Doch ja, genau jetzt ist es auch wichtig sich mit dem Thema Behinderung und Ableismus zu beschäftigen. Denn jeder kann etwas tun, in jedem dieser Bereiche und meistens beginnt es mit zuhören, hinschauen, reflektieren und lernen.

So freue ich mich ganz besonders, dass Hanna von Mütterinstinkte einen Beitrag für die Blogreihe: Eltern mit Behinderungen geschrieben hat, der so ganz anders wurde, als wir ursprünglich gedacht haben. Aber lest selbst:

 

Vor elf Jahren, 2009, trat in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Sie soll die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben in Deutschland sicherstellen. Laut statistischem Bundesamt (Destatis) sind 9,5% der deutschen Bevölkerung schwerbehindert. Wenn diese 7,8 Millionen Menschen also nun am gesellschaftlichen Leben teilhaben wie alle anderen– wie kann es dann sein, dass ich meinem 5-jährigen Sohn noch nie unangenehme Fragen darüber beantworten musste, warum manche Menschen anders aussehen, sich in einem Stuhl schieben lassen, sich mit einem Stock vorwärts tasten oder rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen sind? Immerhin möchte ich meinen Sohn zu einem toleranten Menschen erziehen. Ich bin ich nämlich eine moderne Mutter mit offenem Mindset – oder etwa nicht? Begleite mich auf dem Weg zu (m)einer unbequemen Wahrheit.

Wo sind die Menschen mit Behinderung?

Als ich mit Ju vereinbarte, einen Gastbeitrag für ihre Seite zu schreiben, war für mich klar, dass dieserauch thematisch relevant sein sollte. Zum Thema Behinderung also. Was habe ich mit Menschen mit Behinderung zu tun, war also die erste Frage, die ich mir stellte. Die erschreckende Antwort war: Wenig. So gut wie gar nichts. Mein Junge konnte in seinen fünf Lebensjahren, da bin ich ziemlich sicher, noch keine Begrifflichkeit für das Wort „behindert“ aufbauen. Denn er hat in seinem direkten Umfeld niemanden, auf den diese Begrifflichkeit zutrifft. Nicht in der Familie, nicht im Freundeskreis, nicht im Kindergarten und auch nicht in seiner Bücherwelt. Dort sind die allermeisten Menschen europäisch und körperlich wie geistig gesund. Wie aber kann das sein, wenn fast zehn Prozent der Bevölkerung einen Schwerbehindertenstatus haben? Ich überlegte. Nach langem fiel mir endlich jemand ein: Der Mann einer Bekannten von früher sitzt im Rollstuhl! Ha! Diese Bekannte sollten wir mal besuchen. Da könnte mein Sohn lernen, dass das auch einfach nur ein Papa ist!

Ich bin einfach nur Mama, aber nicht jede Behinderung sieht man

Die Wahrheit über Menschen mit Schwerbehinderung

Doch schon nach wenigen Minuten weiterer Recherche wurde das „Ha!“ zu einem ganz leisen „oh“ und dann musste ich erst einmal innerlich den Kopf über mich selbst schütteln. Hatte ich tatsächlich gedacht, „behindert“ würde nur bedeuten, dass jemand im Rollstuhl sitzt, blind ist oder von Geburt an mehrfach schwertbehindert ist. Die Wahrheit über jene zehn Prozent der Bevölkerung sieht tatsächlich ganz anders aus. Sie ist viel komplexer und ganz so einfach, wie ich dachte, wird es wohl nicht, ein realistisches Konzept von „behindert“ zu vermitteln. Tatsächlich gibt es einen guten Grund, warum wir in unserem Umfeld so wenig behinderte Menschen wahrnehmen.

  • Nur etwa 2% der Schwerbehinderten sind Kinder und Jugendliche.
  • Weit über die Hälfte der schwerbehinderten Menschen sind älter als 65 Jahre.
  • Die größte Gruppe leidet unter Beeinträchtigungen der inneren Organe, die man von außen also nicht immer sehen kann.
  • 2013 waren bundesweit nur 34 % der Schwerbehinderten in den gleichen Jobs wie Arbeitnehmer ohne Schwerbehinderung beschäftigt.
  • Viele Menschen mit Behinderung arbeiten immer noch in Behindertenwerkstätten.

Kann es also sein, dass wir tatsächlich schwerbehinderte in Familie und Freundeskreis haben, denen man das nicht ansieht? Aber natürlich! Meine eigene Schwägerin, die Tante meines Sohnes! Also theoretisch. Auf dem Papier. Sehen und bemerken kann mein Sohn ihre Einschränkung im Alltag kaum. Mein Kopf rattert.

Mit Kindern über Behinderung sprechen

Mir wird eines klar: Behinderung ist nicht immer sichtbar. Nicht für mich und nicht für meinen Sohn. Trotzdem kann sie da sein. In den verschiedensten Facetten. Wenn ich also möchte, dass mein Kind lernt, dass Menschen mit Behinderung gleichwertig sind, dann liegt es an mir, mit ihm darüber zu sprechen.

Ich kann nicht warten, dass ein Kindergartenfreund vom Papa im Rollstuhl abgeholt wird oder er einer Blinden auf der Straße begegnet. Toleranz gegenüber allen Menschen, die Tatsache, dass wir alle gleich viel wert sind, ist ein Wert, den ich ihm selbst vorleben kann – und ich kann mit ihm darüber sprechen.

Mit fünf Jahren interessiert er sich auch schon für abstrakte Sachverhalte. Für Geschichten und theoretische Gedankengebilde. Ich kann ihm also einfach erklären, was das Wort „behindert“ bedeutet, oder? Das wäre zumindest ein Anfang.

Durch Bücher und Geschichten lernen

Was noch? Für Kinder lässt sich so vieles in Büchern erlernen. Gibt es also gute Bücher über Menschen mit Behinderung? Ich bemühe die Suchleiste bei Amazon – und bin überrascht, wie viele Bücher es gibt, mit der Grundmessage: Anders sein ist auch gut. Mir fällt ein, dass wir sogar selbst eines besitzen: „Keinohrhase“ zum gleichnamigen Film von Till Schweiger. Ich liebe dieses Buch. Der Hase wird ohne Ohren geboren und darum von den anderen Tieren gemieden. Bis er einen Freund findet, das Zweiohrküken – ebenfalls optisch abweichend von seinen Artgenossen. Auch Bücher, in denen es konkret um das Thema Down Syndrom geht, fallen mir sofort ins Auge. „Florian lässt sich Zeit“ zum Beispiel. Ich drücke den Merken-Button.

Kleinkinder können Integration

Dann fällt mir auf, dass mein Sohn noch nie Fragen über den Keinohrhasen hatte. Warum er keine Ohren hat oder warum die anderen nicht mit ihm spielen wollen. Mir fällt eine Situation ein, als er 3 Jahre alt war und in einem Indoor-Spielplatz in Malaysia mit einem anderen Jungen spielte. Er war bereits 6 Jahre alt und außergewöhnlich fröhlich und aktiv. Ein perfektes Match für meinen Wildfang.Die beiden spielten ausgelassen und unser Kind weinte, als der andere nach Hause musste. Der Jungehatte das Down-Syndrom. Meinem 3-jährigen war das nicht einmal aufgefallen. Er hatte ihn einfach gern gehabt.

Ist am Ende dieses gleichwertige Teilhaben, von dem ich immer lese, etwas, was Kinder ohnehin können, wenn sie klein sind? Wäre es nicht wunderbar, wenn wir sie nur auf dem Weg begleiten müssten, diese Eigenschaft zu erhalten und nicht von Vorurteilen überlagern zu lassen?

Was ich über Menschen mit Behinderung gelernt habe

Ursprünglich hatte ich ja vor, einen ganz anderen Artikel zu schreiben. Einen darüber, wie schwer wir es als Eltern haben, unserem Kind den richtigen Umgang mit behinderten Menschen beizubringen – weil diese Menschen in unserem Umfeld beinahe unsichtbar scheinen. Und nun stehe ich hier und musste binnen kurzer Zeit begreifen, dass Inklusion genau bei Menschen wie mir anfangen – und scheitern kann. Denn genau darum geht es doch mitunter bei dem Thema. Zu verstehen, dass Behinderung nicht ein äußeres Merkmal sein muss, auf das ich mit dem Finger zeigen kann und das den einen Menschen von den anderen absondert. Ziel wäre es vielmehr, dass genau das gar nicht nötig wäre. Weil wir unseren Kindern nicht beibringen, die Menschen in „normal“ und „anders“ einzuteilen, sondern in Kategorien, die auf alle Menschen zutreffen.

Anstatt meinem Sohn konkret eine Begrifflichkeit von „behindert“ beizubringen, sollte ich vielleicht besser anfangen, ihm das Spektrum der menschlichen Vielfalt aufzuzeigen. Er soll in dem Bewusstsein aufwachsen, dass es so viele Besonderheiten gibt wie Menschen auf der Welt und dass jeder Menschsein darf. Dass jeder dieselben Rechte hat. Auch, wenn wir mit manchen besser zurecht kommen als mit anderen. Auch, wenn uns manche näher stehen als andere. Dieser Lernprozess fängt bei mir an.

 

 

Ich freue mich so sehr über diesen Beitrag, vielen lieben Dank Hanna. Meine Gedanken dazu, findet ihr hier. Und eine kleine Bücherliste habe ich hier für euch.

Eure

wheelymum

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1 Kommentar

  1. Lydia

    Als blinde Mutter finde ich diesen Beitrag wunderbar reflektiert geschrieben.Danke dafür.

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