Wie Corona unseren Alltag beeinflusst – Eine Mama aus der Risikogruppe erzählt

Regenbogen aus Straßenkreiden Alles wird gut
Ich bin 46 Jahre alt und habe schon über zwei Jahrzehnte MS. Ich habe einen Grad der Behinderung von 100% und Pflegegrad 3. Ich kann mich schlecht noch selber fortbewegen und fahre in einem elektrischen Rollstuhl. Meine zwei Kinder sind 12 und 10 Jahre alt.
Meine Kleine noch in der Grundschule, mein Großer auf dem Gymnasium.
Wenn ich mich mit dem Coronavirus infizieren sollte, könnte es ganz schlecht für mich laufen. Durch meine Immobilität, funktioniert mein Körper anders als normale Körper. MS ist eine Autoimmunerkrankung. Mein Immunsystem ist also auch beeinträchtigt. Aufgrund all dieser Faktoren gehöre ich einer Risikogruppe an.
Jeder Tag ist sehr anstrengend für mich und ich komme nicht ohne Hilfe zurecht. Das war auch schon vor der Coronakrise so. Aber die Coronakrise hat alles noch viel schlimmer gemacht. Meine Brot nötigen gewohnte Unterstützungen und Entlastungen sind auf einmal weggefallen. Schule, Betreuung und Oma konnten uns nicht mehr entlasten. Das führte zu großer Überbelastung und letztendlich auch zu negativen Folgen für meinen Gesundheitszustand, der sich deutlich verschlechterte in diesen Monaten. Lähmungen nahmen zu, Entzündungen traten auf, Medikamente mussten dafür eingenommen werden. Die Überbelastung ist seit der Coronakrise enorm.
Ich kann nicht mehr meine Kinder einfach raus zum Spielen schicken oder Freunde von ihnen zu uns einladen. Die Kinder sind auch nicht mehr ganze Tage unterwegs durch Schule, Betreuung, Oma oder mit Freunden. Das ist ganz schwierig für uns. Denn wir brauchen regelmäßig und zuverlässig Zeit ohne Kinder um zur Ruhe zu kommen und zu regenerieren. Nonstop Kinder im Haus zu haben, ist ein ständiger, nicht zu vermeidender Stress. Wir können den ständigen Reizen nicht mehr ausweichen. Für jemanden mit Entzündungen im zentralen Nervensystem eine Qual.
Um trotz Krankheit und Behinderung das zu leisten, was ich tagtäglich leisten muss, brauche ich eben Zeit und Ruhe für mich. Mein Mann ist wegen meiner Behinderungen und Erkrankung und Vollzeit arbeiten, extra beansprucht und braucht diese Zeit genauso. Wir haben also wirklich sehr darunter gelitten, dass wir die Kinder nonstop zu Hause haben mussten, auch wenn wir sie über alles lieben.
Aber arbeiten, meine Krankheit, Symptome und den Haushalt managen während die ganze Zeit Kinder zu Hause sind, die auch noch Homeschooling bekommen müssen ist eben sehr schwierig¡ Und dies war auch für nicht behinderte und kranke Eltern auch so. Wir hätten nichts lieber getan, als unsere Kinder einfach in die Schule und in die Betreuung zu schicken. Aber noch lieber möchten wir, dass ich nicht schwer krank werde, Corona-spätschäden erleiden und sterben muss. Eine Autoimmunerkrankung haben, und einen hohen Grad von Immobilität sind große Risikofaktoren bei einer Corona Infektion (Link). Diese zu vermeiden hat für uns also oberste Priorität.
Ich wohne in NRW und seit August sollten die Kinder hier also wieder in den Präsenzunterricht gehen. Die deutsche Gesellschaft für Virologie schrieb in ihrer Stellungnahme, wie dies so sicher wie möglich gehen könnte. In der Stellungnahme war Sprache von kleinen und festen Lerngruppen, Abstand halten, Maskenpflicht in allen Jahrgangsstufen und guter Ventilation. Die Schulen meiner Kinder haben davon vieles davon nicht umgesetzt. Auf dem Gymnasium meines Sohnes war es schon gut. Es gab zumindest eine Maskenpflicht, für einige Fächer online Unterricht, eine eigens dafür eingerichtete Online-Plattform und manchmal Unterricht draußen. Das hat mich relativ sicher fühlen lassen. Er konnte deshalb auch die Schule besuchen. Entscheidend für mich war auch eine grundsätzlich kooperative Haltung von Schulleitung und Klassenlehrerin.
In der Grundschule meiner Tochter aber, dürfen die Kinder die Masken in ihren Klassen ausziehen. Sie können dann unbegrenzt Aerosole in die Luft ausatmen. Und auch einatmen. Die Klassen sind groß, wie immer, und Abstände können nicht eingehalten werden.
Eine Mama mit Ohrenschützern auf den Ohren und verzehrtem Gesicht, schreit und stellt so das Bild Schrei nach, das auch im Hintergrund zu sehen ist

Bildrechte: privat

Ein Infektionsschutz ist also nicht gegeben. Das finde ich sehr beunruhigend, zudem bekannt ist dass die Ansteckungsgefahr in Innenräumen 19 Mal höher ist als draußen (Link). Das ist der Grund, warum meine Tochter nicht in die Grundschule darf. Wir finden das sehr schwer. Zumal sie auch beschränkt ist um mit ihren Freundinnen zu spielen oder Gruppensport zu betreiben. Draußen darf sie das. Drinnen aber nicht. Dem Direktor ihrer Grundschule habe ich einen Attest vorgelegt und meine Situation geschildert. Meine Diagnose und Behinderungen gehen aus diesem hervor. Ich hatte verschiedene Ideen vorgestellt, damit meine Tochter weiterlernen kann. Auch hatte ich ihm die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Virologie mitgeschickt. Seine Antwort war nur ein Zitat des Schulministeriums und der Verweis, dass Infektionsschutz für gefährdete Angehörige in der Familie geschehen muss. Und wenn wir unseren Sohn nicht in die Schule schicken würden, wäre er gezwungen weitere Maßnahmen der Schulpflichtüberwachung einzuleiten. In einem Gespräch mit ihm sagte er uns, wir wären die Einzigen in der Schule und in der ganzen Stadt, die einen alternativen Präsenzunterricht benötigen. Selbst krebskranke Eltern würden ihre Kinder in die Schule schicken, erzählte er uns. Diese Schule hat offensichtlich keine Alternative zum Präsenzunterricht. Und unser Verdacht ist, dass der Direktor gerade dies verblumen möchte.
Die Schulen sind wie wir von anderen Lehrern erfuhren total durch das Schulministerium in Stich gelassen. Manche engagierte Schulleitungen und Lehrer kompensieren diese Tatsache und ermöglichen eine Alternative zum Präsenzunterricht. Wie das Gymnasium meines Sohnes. Die Schule bietet Lehrer und Schüler weiterhin, die Nase – Mundbedeckung anzutragen, auch wenn das Schulministerium ist nicht mehr für notwendig findet. Andere Schulen (wie die Schule meiner Tochter) möchten keine extra Mühe machen, scheuen vielleicht die Verantwortung, und finden es in Ordnung das Leben von Eltern und Kinder zu bedrohen.
Echt gruselig finde ich, dass in Deutschland Anno 2020 Regeln (Gesetze und Erlasse) gelten, die vor dem Recht auf und Schutz des Lebens stehen. Und dass diese Regeln, völlig selbstverständlich und willentlich von zuständigen Autoritäten umgesetzt werden. Es erinnert mich an eine Zeit, von der ich nur gehört und gelesen habe sie aber zum Glück nie mitgemacht habe. Wir Eltern fühlen uns bedrückt, gestresst, bedroht und sehr wütend. Durch unsere körperlichen Umstände, die in Kombination mit der Pandemie beschränkten Möglichkeiten sind wir mehr als die Meisten belastet. Statt uns zu unterstützen und mit uns nach Lösungen zu suchen, lassen uns Schule, Schulministerium und letztendlich das Land aber im Stich und werden wir selbst von Selbigen bedroht.
Ich bin immer wieder dankbar, wenn Ihr so offene Worte findet. Danke!
Wenn auch du Teil davon sein möchtest, melde dich gerne unter wheelymum08@web.de
Eure
wheelymum

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2 Kommentare

  1. Lydia

    Dieser Beitrag zeigt mal wieder deutlich, dass wir Eltern mit Behinderung noch nicht sichtbar genug sind, und dass es an einheitlichen Regelungen fehlt.

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  2. Isa

    Es ist ohne Worte…..

    Hier ist der Mann Lehrer….natürlich muss er arbeiten, auch mit Frau aus der Risikogruppe und es gibt nullkommanull Schutz. Aber auch die meisten Lehrer aus den Risikogruppen arbeiten unter diesen Bedingungen wieder. Furchtbar

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