Wie Corona unseren Alltag beeinflusst: Die Risikogruppe erzählt – Schulöffnungen

Regenbogen aus Straßenkreiden Alles wird gut

Da bin ich wieder einmal.

Vieles läuft hier noch immer nicht ganz in geordneten Bahnen. Alltag ist mal mehr und mal weniger zu sehen, ES gibt Rituale die uns tragen und doch entdecken wir gleichzeitig jeden Tag ganz neu. Dazu sind hier immer noch Sommerferien, auch wenn bei vielen von euch der Alltag bereits wieder normal begonnen hat. Oder zumindest ein neuer Alltag. Denn nichts ist aktuell so, wie noch zu Beginn dieses Jahres.

 

Corona ist immer noch da. Auch wenn es für viele Menschen im Alltag kaum eine Rolle spielt. Einmal mehr Händewaschen und zum Einkaufen einen Mundschutz tragen? Ansonsten ist alles wieder normal?

 

Bei uns noch lange nicht. Und bei vielen Menschen die selbst zur Risikogruppe gehören auch nicht.. Und was ist mittlerweile eigentlich mit den Angehörigen der Risikogruppe?

Ich habe das Gefühl, dass genau wir, mit immer mehr Einschränkungen leben, damit die breite Masse, ihr Leben wie zuvor leben kann.

In dieser Woche erreichte mich eine Nachricht einer Mama die ebenfalls zur Risikogruppe gehört. Ihre Kinder bleiben bis zu den Sommerferien zu Hause. Nun muss und soll sie sie nach den Sommerferien wieder in den Regelunterricht schicken. Volle Kassenstärke ohne Mundschutz oder Abstand. Diese Mama hat Angst. Angst um ihr Leben. Und damit ist sie nicht alleine. Aus diesem Grund möchte ich mit euch, einen  Offenen Brief einer Elterngruppe teilen, die sich um individuell flexiblere Lösungen bei der Unterrichtspräsenz von Schüler*innen mit Angehörigen der Corona-Risikogruppe bemühen.

Wenn ihr selbst aktiv seid, bitte berücksichtigt auch diese Interessen bei euren Beteiligungen in Gremien und Tagungen insbesondere, wenn es um die Corona-Beschränkungen und deren Auswirkungen auf Eltern mit Behinderungen geht. Die Lösung vom Bundesland Berlin erscheint derzeit gut geregelt. Wem es gesundheitlich zu gefährlich ist, das Kind zur Schule zu schicken, kann mit Attest eines Arztes das Kind vom Präsenzunterreicht befreien lassen.

 

Eine pauschale Befreiung gibt es allerdings nicht. Wir müssen uns aber auch dafür stark machen, dass die Lehrer*innen, die das ebenfalls betrifft, zeitnah technisch und didaktisch so gut ausgestattet werden, dass sie den Distanz-Unterricht dann übernehmen können.

 

Es bleibt dabei, jedes Bundesland kocht hier sein eigenes Süppchen und wir müssen uns irgendwie durch hangeln. Und nein, es geht nicht darum, unsere Kinder in einen goldenen Käfig zu sperren. Es ist an der Zeit neu zu denken und individuelle Lösungen zu ermöglichen.

 

Offener Brief

an die Kultusministerder Länder der Bundesrepublik Deutschland

sowieBundesbildungsministerin Anja Karliczek

sowieBundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel

 

Sehr geehrte Damen und Herren,heute meldet sich bei Ihnen eine Minderheit zu Wort, auf die bei den landesweitenSchulöffnungen nach den Sommerferien nur am Rande eingegangen wurde, und derennach Artikel 2 Absatz 2 Grundgesetz verbrieftes Recht auf Gesundheit/körperliche Unversehrtheit offensichtlich weniger zählt, als die Präsenzpflicht an Schulen. Vielleicht,weil durch die Vorerkrankungen, an denen wir leiden, unsere Gesundheit ohnehin schoneingeschränkt ist und viele von uns daher kaum in der Lage sind, sich gegen die bestehenden Missstände zu wehren. Daher haben wird uns auch zusammengetan, um an Sie zu appellieren! Wir alle sind Angehörige von Kindern und wir gehören zur Risikogruppe und/oder habenKinder, die zur Risikogruppe gehören, manche offiziell, andere nur zur erweiterten Risikogruppe, aber für uns alle kommt zu den üblichen Sorgen die Eltern während dieser Pandemie haben, noch die Sorge hinzu, dass unsere Kinder sterben oder ohne unsaufwachsen müssen, wenn wir uns zusätzlich, zu den bereits vorhandenen Krankheiten oder Behinderungen auch noch mit Covid19 infizieren, da bei uns nicht zu erwarten ist,dass wir nur Erkältungssymptome haben.Wir haben beispielsweise Asthma, MS, COPD, Krebs, Blutgerinnungsstörungen,Herzerkrankungen, Diabetes, Fibromyalgie, das Alport Syndrom und viele andere Erkrankungen. Zusätzlich sind viele von uns auch noch psychisch belastet und der Stress und die Angst uns nicht mehr schützen zu können, wenn unsere Kinder oder Enkelkinder wieder in die Schule müssen, verstärkt gerade bei vielen die Symptome noch erheblich!

Negativer Stress schwächt auch erwiesenermaßen das Immunsystem. Einige von unserziehen ihre Kinder alleine und können deswegen vielfach nicht auf die Unterstützung dervorerkrankten Großeltern verzichten. Der Schulbesuch eines Kindes gefährdet dann direktmehrere Angehörige. Während man sich vor drei Monaten noch sicher fühlen konnte, weil es allgemein hieß:„Schützt die Risikogruppen!“ wird gerade die Luft sehr dünn und die Risikogruppen zum Angriffsziel oder sie werden einfach ignoriert und totgeschwiegen.  Ich denke, das Gefühl, das wir gerade empfinden, lässt sich durchaus mit jemandem vergleichen, der zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Wir können unsere Kinder nicht mit gutem Gewissen in die Schule schicken, dürfen sie aber auch nicht ohne Konsequenzen zu Hause lassen. Egal, was wir machen, wir können eigentlich nur verlieren. Was für uns nicht nachvollziehbar ist, ist, warum vorerkrankten Angehörigen in den meisten Bundesländern Steine in den Weg gelegt werden, wenn es um die Befreiung der Kinder vom Präsenzunterricht geht. Und dass es mittlerweile Bundesländer gibt, in denen selbst vorerkrankte Kinder zwingend am Unterricht im Regelbetrieb teilnehmenmüssen.Besonders, da andererseits in nahezu jedem Bundesland gerade daraufhingewiesen wird, dass generell in den Schulen eine hohe Infektionsgefahr besteht. Vor den Sommerferien war die Befreiung überall problemlos möglich. Nach denSommerferien differenzieren die Bundesländer gewaltig und es ist noch nicht überall entschieden, wie der Umgang mit uns gehandhabt wird.

Wer in Baden-Württemberg seine Kinder zu Hause lässt, kann dies problemlos, selbst ohne Vorerkrankung, denn dort ist die Präsenzpflicht aufgehoben, während man in Nordrhein-Westfalen mit dem Entzug des Sorgerechts bestraft werden kann.In Nordrhein-Westfalen werden Lehrer und Schüler, die vorerkrankt sind, geschützt. Für vorerkrankte Angehörige gilt eine bundesweit einzige Anweisung .Vorerkrankte Eltern, Geschwisterkinder und Großeltern sollen sich ab jetzt zu Hause selber schützen. Wie das z.B. bei Alleinerziehenden mit Grundschulkindern undbegrenztem Wohnraum ,aussehen soll, können wir uns selber überlegen. Das ist bei vielen gar nicht möglich. Alleine weil die räumlichen Bedingungen es nicht zulassen. Abgesehen davon, ist auch die eigene Wohnung als Schutzraum in den Grundrechten erfasst. Sollen wir mit FFP3 Masken schlafen, wenn unsere Kinder im selben Raum schlafen? Darf man seine Kinder nicht mehr in den Arm nehmen? Ein zweites Badezimmer einbauen? Die Regelung ist nicht durchführbar und grausam für alle Beteiligten!

Beurlaubungen wegen vorerkrankter Angehöriger sind nur noch vorübergehend bei akuter Vulnerabilität erlaubt. Unsere Erkrankungen sind aber nicht vorübergehend und vulnerabelsind wir immer, also hilft auch keine vorübergehende Beurlaubung, sondern nur einumfassender Schutz, solange die Pandemie anhält. In Brandenburg können sowohl Schüler mit Vorerkrankungen, als auch Schüler mitvorerkrankten Angehörigen unter Vorlage einer Bescheinigung problemlos beurlaubtwerden.Sachsen hat nicht einmal mehr Erbarmen mit Kindern, die selber in der Risikogruppe sind.In Mecklenburg-Vorpommern wiederum, können sowohl Kinder, die selber erkrankt sind,als auch Kinder mit vorerkrankten Angehörigen befreit werden.Rheinland-Pfalz sieht, genau wie Hessen und Schleswig-Holstein, eine Beurlaubung für vorerkrankte Schüler vor. Auf Angehörige mit Vorerkrankungen wird in den dortigenKonzepten leider gar nicht eingegangen. In der Praxis hatten einige von uns dort abersogar bei attestiert vorerkrankten Kindern Schwierigkeiten, Lernen auf Distanz durchzusetzen. Bayern beurlaubt auch nur noch Schüler, die selber vorerkrankt sind, genau wie das Saarland , Thüringen und Sachsen-Anhalt. In Bremen und Hamburg enthält der Rahmenplan zu den Schulöffnungen keinerleiInformationen über Schüler und Eltern in der Risikogruppe. In Niedersachsen können nur noch vorerkrankte Schüler selber befreit werden, eine Befreiung wegen vorerkrankter Angehöriger ist ausdrücklich nicht mehr vorgesehen.In Berlin ist geregelt, dass sowohl vorerkrankte Schüler als auch Schüler mit vorerkranktenAngehörigen unter Vorlage eines Attests, nach Entscheidung der Schulleitung in Kleingruppen, 1:1 Unterricht oder zu Hause lernen dürfen. Sieht das Landesrecht einen Spielraum vor, ist man auf das Gutdünken der Schulaufsichtoder der Schulleitung angewiesen. Wer eine verständnisvolle Schulleitung, die sich engagiert hat, wird auch da befreit, wo es eigentlich nicht vorgesehen ist, wer keineverständnisvolle Schulleitung hat, eben nicht. Da wurde z.B. von Schulleitungen vorgeschlagen, dass Grundschulkinder dann halt mit FFP3 Maske in die Schule kommen müssen. Für viele von uns ist die Frage nicht, ob sie an Covid19 erkranken, sondern wann. Besonders, da laut dem aktuellen Steckbrief des RKI, Kinder als nicht weniger infektiös als Erwachsene angesehen werden müssen und die Übertragung durch Aerosole mittlerweile ebenfalls im Raum steht.

Das Grundgesetz sieht nicht vor, dass über Leben und Tod während einer Pandemie entscheidet, in welchem Bundesland man lebt. Wir haben alle dieselben Rechte.Kein Konzept stützt sich auf tatsächliche wissenschaftliche Fakten, sondern es wird, in unseren Augen totale Willkür ausgeübt. Niemand fragt unsere Kinder, was sie psychisch mehr belastet. Eine begrenzte Zeit ihre  Schulkameraden nicht zu sehen und Kontakte zu reduzieren oder die Eltern nicht mehr in den Arm nehmen zu dürfen oder Eltern/Großeltern für immer zu verlieren. Dass viele Kinder mit chronischen Erkrankungen oder chronisch kranken Eltern ohnehin weniger Kontakte haben und viele von uns auch ohne Coronavirus generell achtsamer leben  müssen, ist den Gesunden auch oft nicht bewusst. Keiner von uns lässt sein Kind zu Hause, wenn es ihm dort nicht gut geht oder er der Meinung ist, das das Kind dies psychisch nicht verkraftet. Wir möchten nachdrücklich darauf hinweisen, dass wir den Kindern keinesfalls jeglicheSozialkontakte verweigern oder sie isolieren. Die meisten von uns haben ihre Kontakte lediglich eingeschränkt und z.b. Kontakte zum spielen im Freien sind etwas ganz anderes, als die volle Klassenstärke in geschlossenen Räumen. Größere Kinder und Jugendlichetreffen ihre Freunde zusätzlich online, was sie auch vor Covid19 oft schon getan haben. Wenn andere Menschen aus der Risikogruppe sich entscheiden, aus individuellen Gründen ihre Kinder am Präsenzunterricht teilnehmen zu lassen, respektieren wir diesebenfalls. Wir sind der Überzeugung und werden dafür kämpfen, dass alleine uns und unseren Kindern die Entscheidung obliegt, ob wir das für uns individuelle, meistens hohe Risiko eingehen möchten.Wir lassen uns nicht von Frau Gebauer, Herrn Tonne und den andern Kollegen vorschreiben, dass wir uns nicht weiter schützen dürfen. Wir sind derzeit alle in der Lageuns vollumfänglich selber um unsere Kinder kümmern zu können.

Manche Alleinerziehenden benötigen die Unterstützung der Großeltern, damit sie Therapien und Arzttermine wahrnehmen können. Wenn wir uns auch noch mit Covid19 infizieren und selbst, wenn wir überleben mit immensen Folgeschäden rechnen müssen, können wir unswahrscheinlich nicht mehr richtig um unsere Kinder kümmern. Unter uns sind auch Eltern die austherapiert sind und denen Covid19 die wenige Zeit, diesie ohnehin noch mit ihren Kindern haben, noch mehr verkürzen würde. Oder Geschwisterkinder, teilweise noch Säuglinge, die schwer herzkrank sind. Und Eltern, dieselber chronische Erkrankungen haben, die nicht Covid19 relevant sind, aber dazu führen,dass sie ohne die Hilfe vorerkrankter Großeltern ihre Kinder nicht alleine betreuen können.Und krebskranke Eltern, die überlegen, während einer Chemotherapie ins Hotel zu ziehen.Es tut niemandem weh, wenn man diese Minderheit empathisch und individuell unterstützt. Akut sind uns mehrere Fälle bekannt, in denen Eltern ihre Kinder deswegen ohne Beurlaubung zu Hause gelassen haben. Es darf nicht sein, dass Eltern, die umsichtig handeln und sich und ihre Familien schützen möchten, wie notorische Schulverweigerer behandelt werden und auch noch Bußgelder,Sorgerechtsentzug oder gar Inhaftierung fürchten müssen. Wir können uns nicht vorstellen, dass das Bundesverfassungsgericht mit diesen willkürlichen Konzepten einverstanden wäre!

Daher bitten wir nicht, sondern fordern Sie auf, kurzfristig ein bundesweit einheitlichesKonzept zu erarbeiten, dass den Angehörigen mit Vorerkrankungen, die auf einen regelmäßigen engen Kontakt mit ihren Kindern oder Enkelkindern nicht verzichten können,endlich Rechnung getragen und unkompliziert ermöglicht wird, ihre Kinder nicht in den Präsenzunterricht geben zu müssen.Und natürlich Unterstützung und Begleitung beim Lernen auf Distanz ermöglicht, die inden meisten Bundesländern vor den Ferien auch so gut wie gar nicht stattgefunden hat.

Mit freundlichen Grüßen

Silke Aretz, NRW – Silke Mouine, NRW – Yvonne Schulte, NRW – Tanja Baumann, NRW- Tanja Woltermann, NRW – Daniela Kallausch, NRW – Diane Q., NRW – Fiona G., NRW – Tanja B., NRW – Anja Elflein, NRW – Dr. Vera Leininger, NRW – Nicole Ahl, NRW – Andrea Kiesewetter, NRW – Sandra Kujat-Kos, NRW – Nicole Lagauf, NRW — Kathrin Marks, NRW – Yvonne Meyer, NRW – Sabrina Czezorra, NRW – Sandra von Ameln, NRW – Melanie Grützner, NRW – Maike O., NRW –  Yvi Wendeler, NRW – Lilli Kaiser, NRW – Janine Micchia-Kluck, NRW – Susanne Lepper, NRW – Brigitte Stephan, NRW – Marianne Epp, NRW – Natalie Benke, NRW – Sabine Weidenfeller, NRW – Dirk Bastubbe, NRW – Kirsten Albi, NRW – Julia, NRW – Rebekka Müller, RLP – Ariane Müller, RLP – Katja B., RLP – Franziska Kristina, MV – Stephanie Franz, MV – Kai F., MV – Tanja Ahlf, NDS – Nadine Michell Thee, NDS – Kerstin Pettke, NDS – Alexandra L., NDS – Steffi M., NDS – Kathrin San, Sachsen – Julia Blenk, Sachsen – Jana Walther, Sachsen – Heike Weber, Sachsen – Meike Fehse,BW – Milla Brechten, BW – Pamela Bakies, Hamburg – Tanja H., Hamburg – Mariam Sayedi, SH  – Myriam Bobka, SH – Olga Barinova, SH – Tanja Schumm, BY – Barbara G., Bayern – Lina D., Hessen

 

Wenn auch du gerne von deinem und eurem Alltag während Corona berichten möchtest, schreibe mir gerne an wheelymum08@web.de

 

Eure

wheelymum

Share This:

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.