Eltern mit Behinderung: Eine Begegnung

Erstellt am 28. April 2016

Liebes Praxisteam,

ich  hatte heute Morgen einen Termin bei meinem Neurologen. Als ich in der Wartereihe vor den Arztzimmern im Rollstuhl saß, lief eine junge Frau, weinend und schluchzend an uns 5 wartenden Personen vorbei. Sie war in Begleitung einer medizinischen Fachangestellten und wurde in ein Zimmer gesetzt. Wir wartenden Menschen blickten beschämt zur Seite oder starrten die Frau an. Es war zum fremdschämen. Diese Frau leidete und hatte sichtbar und spürbar Angst. Ihr habt sie vorgeführt, ohne Euch dabei etwas zu denken. Das war Menschenverachtend.

Dann saß die Frau im Behandlungszimmer. Kurz darauf öffnete sie mit rot verweinten Augen die Tür. Sie blickte zum Boden und sah meinen Rollstuhl. Sie begann unvermittelt zu schluchzen,  sah sie kurz auf und ich konnte deutlich spüren, wie die Angst sie gerade überrollte. Ich hielt ihr wortlos ein Taschentuch hin. Sie verschwand wieder im Behandlungszimmer. In meiner Magengrube machte sich ein Unbehagen breit. Ich musste noch warten.

Der Arzt kam aus dem Behandlungszimmer der Frau und gab an den Empfang diskrete Arbeitsanweisungen. Er verschwand in einem anderen Zimmer, die Frau saß alleine in einem Behandlungsraum. Ich und 4 weitere Personen in einem Bereich vor den Behandlungsräumen. Dann bekam ich laut und deutlich folgendes Telefongespräch mit:

“ Unsere Patientin braucht heute noch dringend einen MRT – Termin zur MS – Verlaufskontrolle “

„Morgen ist zu spät, sie hat gerade einen akuten Schub. Dieses Mal schlägt er auf die Beine.“

„Ja, wir werden heute auf jeden Fall mit der Cortisoninfusionstherapie beginnen.“

„Melanie Müller geb. 1.1.1984. Gut, vielen Dank. “

Ich saß sprachlos da. Kurz darauf wird die Tür in den Behandlungsraum von einer weiteren Mitarbeiterin geöffnet. „Ich nehme sie jetzt mit, wir beginnen mit der Cortisontherapie und MRT – Termin haben sie heute um 14 Uhr in der Praxis  Dr. XY.“

Mit ein paar Worten, in weniger als 5 Min kannte ich – und nicht nur ich – die Krankheitsgeschichte einer mir total unbekannten Frau. Ich kannte  ihren Namen, wusste, dass sie kaum älter ist als ich, musste intime Dinge über jemanden erfahren, der selbst keine Ahnung hatte, wie viele fremde Menschen das mitbekommen.

Schweigepflicht ist das oberste Gebot in einer Arztpraxis

Liebes Praxisteam,

so funktioniert das nicht. Es gibt eine ärztliche Schweigepflicht und Menschenwürde. Ihr habt heute innerhalb von ein paar Minuten gegen alle diese Dinge grob fahrlässig verstoßen. Einen stressigen Alltag, Notfälle usw. mögen Euch in eine angespannte Lage bringen, aber dennoch .So geht das nicht!

Nicht nur, dass hier gegen Gesetzte verstoßen wird. Es geht um Menschen und nicht nur um irgendwelche Diagnoseschlüssel. Bitte überlegt wie ihr euch fühlen würdet, wenn ihr in so einer Situation wärt. Ihr habt Türen, die man schließen kann um zu telefonieren. Ein Päckchen Taschentücher in einem Behandlungsraum schadet nicht. Wir kommen zu euch, weil wir Hilfe von Euch erwarten. Auch negative Diagnosen, die überbracht werden müssen, sollten in irgendeiner Art und Weise begleitet werden. Die Hilflosigkeit, Verzweiflung und Angst müssen in einem geschützten Rahmen einen Platz finden.

Und niemanden!!!!! sonst in dieser Praxis, geht die Diagnose, die Weiterbehandlung oder der aktuelle Stand etwas an.

Danach hatte ich meinen Termin – bei einem anderen Arzt. Dennoch musste ich zunächst meinem Unmut Luft machen. Wir besprechen danach das weitere Vorgehen, als mir mein Arzt mitteilt: „Liebe Wheelymum, ich mache mir Sorgen um Sie. Leider ist das aktuell zu umfangreich. Bitte kommen Sie nächste Woche, nach meiner Sprechstunde, mit ihrem Mann vorbei. Dann können wir in Ruhe sprechen.“

Ähm… ja danke. Empathie und Verantwortungsbewusstsein war heute wohl leider nicht im Angebot in der Praxis.

Bitte, bitte vergesst nicht, dass ihr mit Menschen arbeitet. Wir sind mündige und vollwertige Menschen, wir wollen gesehen und geachtet werden. Egal in welcher Situation.

 

Wartezimmer Arzt.jpg

 

Im Fahrstuhl später traf ich auf die Frau, deren Krankheitsgeschichte ich nun kannte. Ich wusste nicht wo ich hinschauen sollte, so beschämt war ich in diesem Moment. Sie bedankte sich bei mir, für das Taschentuch und entschuldigte sich für ihr Verhalten. Ich meinte nur, ich weiß wie es ist, wenn einfach alles gerade zuviel ist und der Boden unter einem wackelt. Sie lächelte mich kurz an und erzählte mir dann, überraschend offen, davon, dass sie zu Hause ein kleines Kind hat und als sie mich im Rollstuhl sah, sie sich vorstellte, wie das wohl wäre, wenn sie nun, als Mama, im Rollstuhl sitzen würde.

Das gab ihr den Rest.

Eine Mama im Rollstuhl, das kann sie sich nicht vorstellen.

Ich habe sie angelächtet und ihr ganz kurz erzählt, dass auch das geht.

Wir haben unsere Nummern ausgetauscht. Jetzt muss aber erst mal jede ihre Nachrichten verarbeiten.

 

 

wheelymum

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