Blogreihe Eltern mit Behinderungen: Vater im Rollstuhl?!

Eltern mit Behinderungen

Über das Internet dufte ich Jürgen kennen lernen. Einen Papa im Rollstuhl. Er selbst bloggt auch – unter httpss://www.barrierefrei-reisen.info/.

Natürlich habe ich mir die Chance nicht nehmen lassen und Jürgen gleich zu einem Gastbeitrag, für die Blogreihe:  Eltern mit Behinderungen, eingeladen. Und was soll ich sagen – ich bin begeistert. Ganz besonders von dem Zirkusteil – aber lest selbst.  Ein Vater im Rollstuhl?!

 

Wer bin ich?

 

Mein Name ist Jürgen, ich bin Rollstuhlfahrer aufgrund einer spinalen Muskelatrophie! Meine Behinderung spielte und spielt für mich persönlich in meinem Leben nur eine untergeordnete Rolle, als Vater und Ehemann ist das etwas anders, aber dazu später.

Zunächst möchte ich mich ein bisschen vorstellen. Ich bin 50 Jahre, auf den Rollstuhlstuhl bin ich seit 35 Jahren angewiesen, laufen konnte ich aber nie besonders gut, ich war immer wackelig auf den Beinen und irgendwann ging das laufen gar nicht mehr.

 

Seit 8 Jahren arbeite ich beim Reiseveranstalter runa-reisen, ein Spezialist für reisen für Menschen mit Behinderung. Dort arbeite ich im Marketing und prüfe Unterkünfte auf ihre Eignung für unsere Kunden. Außerdem reise ich auf Messeveranstaltungen, oder besuche Verbände und Gruppen für Menschen mit Behinderung.

 

 

Gleichzeitig arbeite ich in Soest, wo ich auch wohne, beim Circuszentrum Balloni e.V. welcher pädagogisch mit Kindern arbeitet. Dort trainiere ich Kinder und Jugendliche in der Kunst des Zaubern, der Clownerie, Fakire und Jonglage. Darüber hinaus bilden wir Menschen aus pädagogischen Berufen weiter, zum Thema Circuspädagogik.

 

Aber um meine Arbeit soll es hier ja nicht gehen, sondern um die Frage wie ich Vater wurde und wie es ist Vater im Rollstuhl zu sein.

 

Der Wunsch Vater zu werden!

 

Bei mir war es nie so, dass ich unbedingt Vater werden wollte, also ich habe nie den Wunsch Vater zu werden aktiv vorangetrieben. Vielmehr war es so, dass ich eine Vaterschaft nie ausgeschlossen habe und dem Gedanken Vater zu werden durchaus toll fand. Aber um Vater zu werden, braucht man ja nun mal eine Partnerin. Im Gegensatz zu vielen Menschen mit Behinderung, hatte ich nie Probleme Frauen kennen zu lernen und eine Beziehung einzugehen. Allerdings waren diese Beziehungen aus unterschiedlichen Gründen nie von langer Dauer. Das Thema Kinder wurde meist vermieden, außer bei einer längeren Beziehung die ich hatte, ich hätte mir gut vorstellen können mit ihr Kinder zu haben, sie war sich aber sicher mit mir keine haben zu wollen. Das Risiko ein Kind mit Behinderung zu bekommen, war ihr zu hoch. So hatte ich das Thema Vater zu werden mit Mitte dreißig für mich eigentlich schon abgeschlossen.

Doch dann lernte ich bei einer Fortbildung meine jetzige Frau kennen, schnell wurden wir ein Paar. Meine Frau äußerte auch ziemlich bald, dass sie unbedingt Kinder haben wollte und ich fand den Gedanken mit ihr Kinder zu haben auch gut. Wir haben uns gar nicht lange darüber unterhalten, welche Folgen das haben könnte. Ich wusste das meine Behinderung durchaus vererbbar sein könnte, genau kann man das aber bei mir nicht sagen, da nicht ganz klar ist welche Form der Atrophie ich eigentlich habe. Das Risiko ein Kind mit Behinderung zu bekommen war uns durchaus bewusst, wir waren uns aber einig, dass wir dieses Risiko eingehen würden. Schließlich kann ich gut mit meiner Behinderung leben und wir waren uns sicher, unser Kind würde auch lernen mit einer Behinderung gut zu leben.

 

Schwangerschaft und die Reaktionen der Umwelt! – Ein Vater im Rollstuhl

 

Ein paar Monate später wurde meine Frau schwanger und damit fingen die ersten Probleme an. Ein Teil ihrer Familie fand es schon nicht gut, dass meine Frau eine Beziehung zu einem Rollstuhlfahrer hat und jetzt wurde sie auch noch schwanger von mir. Ob sie sich das wirklich gut überlegt hat? Zumal wir uns ja noch gar nicht so lange kannten. Mich hat das nicht sehr berührt, ich kannte diese Diskussionen schon aus anderen Beziehungen, Beziehungen zwischen Menschen bei denen einer der Beiden eine Behinderung hat, werden doch oft sehr kritisch beäugt. Meine Frau hat das aber schon sehr beschäftigt, auch wenn sie es mir nicht immer so gesagt hat, vielleicht aus Angst mich zu verletzen.

Ich wiederum hatte mit anderen Verletzungen zu kämpfen. Ein Teil meiner Familie und Freunde stellte in Frage, ob ich denn überhaupt der Vater sei und selbst wenn, wie sollte das denn funktionieren. Bei meinen „Freuden“ hatte sich das Thema schnell erledigt, sie waren einfach nicht mehr meine Freunde. Bei meiner Familie war das anders, bis heute verletzen mich die Gedanken daran. Die Beziehung zwischen meinem Sohn und meiner Familie ist und bleibt dadurch auch immer etwas belastet. Auch wenn schnell klar war, es ist mein Sohn, denn er sieht mir sehr ähnlich. Unsere kleine Familie, meine Frau, meinem Sohn und mich hat das aber umso mehr zusammen geschweißt.

 

Bildrechte Jürgen Klug

 

Stand heute!

 

Jetzt ist mein Sohn zwölf! Was kann ich sagen über die letzten zwölf Jahre Vater sein sagen?

Mein Sohn wurde im Geburtshaus Soest geboren, in einer wunderbaren Atmosphäre mit tollen Hebammen.

Im Grunde und das findet der ein oder andere jetzt vielleicht ein bisschen langweilig, führen wir ein ganz normales Familienleben. Meine Frau und ich arbeiten Beide, meine Frau als Krankenschwester und ich habe ja schon geschrieben was ich mache. Wir arbeiten aber Beide nicht in Vollzeit, so können wir viel Zeit miteinander verbringen, was uns immer wichtig war.

Die Reaktionen der Umwelt auf uns sind sehr unterschiedlich. Wer uns näher kennen lernt, stellt schnell fest, dass wir nicht anders sind als viele andere Familien auch. Wer uns nur oberflächig kennt oder uns nicht näher kennen lernen will, hat so seine Vorurteile. Uns ist aber wichtig zu wissen, dass es nicht unsere Aufgabe ist diese aus den Weg zu räumen.

Andere Kinder gehen mit unserem Sohn so um, wie mit anderen Kindern auch. Sicher Kinder sind neugierig, sie fragen meinem Sohn aber auch mich wie das denn alles funktioniert, warum ich nicht laufen kann und vieles mehr. Da ich schon lange mit Kindern arbeite, weiß ich darum und beantworte Fragen gerne und mit großer Ausdauer. Im Gegensatz zu vielen Fragen Erwachsener, steckt bei Kindern nie eine Wertung in einer Frage. Sie wollen einfach nur Wissen sammeln. Mein Sohn findet das zwar gelegentlich nervend, aber im Grunde beantwortet auch er Fragen seiner Mitschüler geduldig.

 

Was wünsche ich mir?

 

Eine Frage die mir die Autorin des Blogs gestellt hat, war was ich mir für meine Familie wünsche. Für uns als Familie wünsche ich mir, dass was sich die meisten Familien wünschen, einfach das unsere kleine Familie so lange wie möglich Bestand hat.

Für alle Familien in denen ein Partner eine Behinderung hat, wünsche ich mir, dass das Thema mehr in die Öffentlichkeit gelangt, so dass es irgendwann kein besonderes Thema mehr ist und so normal angesehen wird wie es ist. Die allermeisten Themen oder auch Probleme decken sich mit denen aller Eltern. Mein Sohn kommt jetzt in die Pubertät, ich habe jetzt schon Spaß wenn ich nur daran denke. Dazu mehr in einem späteren Blogbeitrag?!

 

 

Lieber Jürgen,

ich würde mich sehr freuen, wenn noch weiter Beiträge von dir folgen. Vielen dank für deinen ganz natürlichen und wunderbar frischen Einblick in euer Leben.

 

 

Weitere Beiträge zur Blogreihe Eltern mit Behinderungen findet ihr hier:

 

Eure

Save

wheelymum

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2 Kommentare

  1. EsistJuli

    Ein wirklich toller Beitrag! Vielen Dank dafür 🙂

    Antworten
  2. Pingback: Papa werden mit Muskelerkrankung - Eltern mit Behinderung

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