Mein Kind ist zu laut

Es beginnt ganz leise. Man könnte beinahe eine Stecknadel fallen hören:

Du liegst neben mir. Dein Oberkörper bewegt sich ruhig und gleichmäßig auf und ab. Deine Augen sind geschlossen und du kuschelst dich in die Decke ein. In diesem Moment denke ich daran, wie dankbar ich bin, dass du unser Leben bereicherst. Wie glücklich und stolz ich bin deine Mama zu sein. Gleichzeitig denke ich daran, wie lange ich dein Zufluchtsort noch sein werde. Du beginnst du Welt zu entdecken. Auf deine ganz eigene Art.

 

Und dann?

10 Minuten später schlägst du die Augen auf und rufst laut und glücklich: „Guten Morgen“.

In diesem Moment entgegne ich dir noch sanft: „Guten Morgen“ und gebe dir einen Kuss.

Voll gepackt mit guter Laune und Tatendrang beginnt dein Tag. Du singst ein Guten – Morgen – Lied. Immer lauter und lauter. Du lässt einen lauten Freudenschrei heraus – und ich bin kurz davor dir zum ersten Mal an diesem Tag zu sagen: „Sei bitte etwas leiser“

Und das ist erst der Anfang. Die Laune ändert sich, die Lautstärke bleibt gleich laut oder nimmt noch zu. Bei jedem vertieften Spiel, bei jedem gesungen Lied,…. es wird lauter und lauter. Zu laut für mich. Zu laut für unsere Familie. Aber auch zu laut für den Kindergarten.

Immer wieder sprechen wir darüber, sind auf der Suche nach Lösungen und Ideen. Von Leisespielen wie z.B. Flüsterpost oder dem Glöckchenspiel, von bewussten Zeiten zum Laut sein, Musizieren und ganz viel draußen sein… Wir kommen nicht weiter. Die Grundlautstärke ist zu hoch und die Extreme nach oben, sind für uns alle anstrengend. Natürlich sind Kinder laut. Ich gestehe ihnen das auch vollkommen zu. Und dennoch ist und bleibt es schwierig für mich, damit umzugehen.

Die Tiere sind laut, die Autos sind noch lauter…..

 

Wenn ein Kind im Flow ist und spielt, ist es schön zu sehen, wie es sich darin vollkommen verliert. Und genau in diesem Momenten wird es lauter und immer lauter. Hörtechnisch ist alles ok – das ist abgeklärt. Er verarbeitet mit dieser Lautstärke viel, das weiß ich. Und er verliert sich einfach darin – eigentlich ist das etwas schönes – zu tun, ohne nachzudenken. Kinder sind authentisch, ungehemmt und frei. Sie lassen ihre Gefühle und (An-)Spannungen frei. Sie versinken im Spiel und der Stimmpegel steigt, er drückt Leidenschaft, Freude und Freiheit aus. Wieso sollten sie diesen dämpfen? Die meisten Kinder bemerken dies in diesem Fall auch gar nicht frei. Und wenn doch?

„Mama, dann springt das Laute einfach aus mir heraus. Ich will gar nicht so laut sein.“

Diese Situation geht nun schon seit Monaten so. Wir dachten, wir warten ab, es ist vielleicht nur eine Phase und wird sich legen. Aber es verändert sich nicht. Und in der Herbstwinterzeit sind wir dennoch mehr drinnen. Und im Inneren ist es einfach lauter. So schüchtern und zurückhaltend er manchmal ist, es zeigt sich dann immer wieder das genaue Gegenteil. Schon die Sprechlautstärke ist beinahe doppelt so laut, wie bei anderen.

 

Die Stimme des Kindes ist sein Ausdrucksmittel. Und die Kontrolle darüber lernen Kinder erst mit der Zeit. Vor allen Dingen aber, brauchen sie die Möglichkeit, sich damit auszutoben und sie auszuprobieren.

Ich bin mir bewusst, dass ein: «Du bist zu laut» oder Nachfragen «Warum machst du das denn immer?» nur Abwehr erzeugt. Ein Zurückschreien oder ein vergebliches Rufen des Namens, wird uns hier keine Entspannung bringen. Eine Kommunikation auf Augenhöhe, ein erklären warum einem selbst dieser Ton zu laut ist z.B. piepsen hier manchmal auch die Ohren, kann für den Moment helfen. Zu sensibilisieren, dass man die Grenzen der anderen achtet.

Mama und Junior, so viel wie möglich draußen sein….

 

Aber, wenn einem Kind nicht bewusst ist, es die Situation in dem Moment nicht kontrollieren kann, dann ist das alles schwierig. Wir schauen nach Situationen in denen die Lautstärke angenehm ist und versuchen diese zu „schaffen“. Ich weiß, dass auch ich ein Teil des Problems bin.

Er ist MIR zu laut. Die Erwachsenen haben hier vielleicht durchaus die Aufgabe genau hinzuschauen. Wo ist das Problem? Bei mir oder beim Kind? Wie gehe ich auf das Kind ein? Denn sobald ich auch laut werde, wird es für das Kind noch schwieriger: Warum soll ich leise sein und mein erwachsenes Gegenüber schreit.

 

Und ja, diesen Punkt muss ich mir selbst immer wieder bewusst machen, denn das ist gar nicht so einfach. Und hier sehe ich meinen Sohn wieder. Es ist nicht einfach. Es erfordert Arbeit. Von uns allen. Kinder sollen Kinder sein dürfen, laut und wild. Ich will nicht ermahnen, oder ihm den Mund verbieten. Ich will, dass er Freude an seinem Tun hat, dass er Selbstbewusst auftritt, dass er seine Stimme einsetzt – für sich und andere. Und ich möchte ihn dabei begleiten, dies auf eine Art und Weise zu tun, die für uns alle erträglich ist.

 

Und in den kleinen ruhigen Momenten, denke ich an den Morgen, an dem der kleine Junge ruhig neben mir schläft und ich ihn anlächle.

 

Eure

wheelymum

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3 Kommentare

  1. Birgit

    Guten Morgen,
    das ist eine wirklich schwierige Situation! Ich habe nicht das Gefühl, dass man das ändern kann und dem Kind “sagen” es soll leise sein. Mein Sohn war von 2 bis fast 6 Jahre unglaublich laut, beim Spielen, Reden, Singen. Für mich war das kein sooo großes Problem, aber einige Freunde von uns konnten kaum damit umgehen. Und plötzlich war er leise, wir hätten es fast nicht bemerkt. Und haben uns gefragt, ob die 3.000 “Sei leise”-Rufe denn irgend etwas gebracht haben. Mein Neffe ist jetzt 3 und quasi gleich laut. Und auch kaum zu bremsen. Aber auch das wird sich hoffentlich irgendwann geben.
    Wir waren immer viel draußen, sobald möglich, da konnte er weiter weg von mir laut sein.
    Ich wünsche dir viel Kraft, um diese Zeit zu überstehen!
    Birgit

    Antworten
    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Danke für deinen mutmachenden Kommentar. Ja, Abstand ist das was uns auch ganz gut tut. Und auch ich denke, dass: “Sei leiser” nichts bringt und doch rutsct es mir immer wieder heraus.

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  2. Rita

    Ich bin selbst sehr lärmempfindlich und fühle mit dir.

    Aber: Ich kann nicht ganz glauben, dass dein Sohn wirklich “zu laut” für die Kita sein soll, und “doppelt so laut” wie alle anderen Kinder spielt. Außer vielleicht, es ist eine ganz kleine Kita und ganz zufällig sind dort ansonsten nur “leise Kinder”. 😉 Das ist imho ein Vorteil von großen Kitas – es gibt immer schon ein anderes Kind, das sehr laut ist oder mal jemanden gehauen hat oder ein Auto gemopst hat oder auf den Tisch gekotzt hat. 😉

    Wichtig ist sicher, dass der Rest der Familie auch irgendwie ruhige Momente bekommt – wie auch immer man das anstellt. Bringt es was, Vereinbarungen zu treffen, wie: Zu Hause gehen “laute Spiele” nur im Kinderzimmer bei geschlossener Tür, “leise Spiele”, z.B. lesen, sind aber überall erlaubt? Und zusätzlich vielleicht extra Tobezeiten, in denen man in der ganzen Wohnung herumtoben darf?
    Natürlich kann ich nicht so ganz mitreden, da mein Sohn erst 1,5 ist und noch nicht so laut spielt. Daher kann ich mich nur so abstrakt in die Situation hineinversetzen.

    Ich würde aber auch auf keinen Fall zurückschreien, sondern lieber das Gegenteil versuchen und erst recht leise mit dem Kind sprechen. Dadurch bemerkt es dann auch eher, wie laut es selbst ist. Vielleicht auch demonstrativ die Ohren zuhalten, wenn es dir gerade zu viel wird. Denn einerseits soll dein Sohn ja er selbst sein dürfen, andererseits soll er aber auch nicht deine/eure persönlichen Grenzen überschreiten. Und mittlerweile ist er ja so groß, dass er sich so langsam schon in andere Menschen hineinversetzen kann und verstehen kann, dass sich andere gestört fühlen.
    Ich verstehe andererseits aber auch sehr gut, dass er seine eigene Lautstärke nicht regulieren kann – das kenne ich sogar selbst: Im einen Moment nimmst du dir etwas ganz fest vor, aber im nächsten bist du eben schon wieder so im Flow, dass du gar nicht mehr darauf achten kannst. Und dein Sohn soll sich ja auch gar nicht ständig selbst kontrollieren müssen, das wäre ja total zwanghaft. Insofern ist das ein echt kompliziertes Problem.

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