Kinder von psychisch kranken Eltern

Eine Tafel mit der roten Aufschrift STOP THE STIGMA

Psychische Erkrankungen sind so vielfältig. Es gibt schlichtweg nicht „Die eine Erkrankung“. Oder „Die Depression“. Oder gar „Die Sucht“. Vielleicht auch gerade wegen dieser Vielschichtigkeit ist das Thema noch immer eines welches viel zu wenig offen angesprochen wird. Die Schubladen in vielen Köpfen öffnen sich zu schnell. Scham behaftet und Angst vor einer Stigmatisierung ist es immer noch ein großer Schritt sich zu seiner Krankheit zu bekennen.

Gleichzeitig ist das natürlich furchtbar wichtig. Nicht nur, aber auch in Familien. Denn Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen dürfen nicht vergessen oder aus den Augen verloren werden. Das ganze Thema ist unheimlich komplex und man weiß gar nicht so richtig wo man anfangen soll. Meiner Meinung nach sind die wichtigsten Punkte:

  • Es gibt Eltern mit psychischen Erkrankungen
  • Diese Erkrankungen können sich unterschiedlich äußern
  • Die Dunkelziffer ist hoch
  • Ein Netzwerk ist wichtig
  • Wir dürfen die Kinder nicht vergessen

Aus dem letzten Grund heraus ist es in erster Linie wichtig gute Präventionsmaßnahmen für die Kinder zu haben. Dazu später im Beitrag nochmal etwas mehr. Niemand sucht sich seine Erkrankung aus. Ein prägnantes Beispiel dafür ist für mich die sogenannte Wochenbettdepression – die postportale Depression. Diese ist so viel mehr und länger als der Babyblues. Doch wann geht das eine in das andere über? Was hilft bei einer postpartalen Depression und warum fühlen sich die Frauen so alleine?

Auch hier würde im ersten Schritt Aufklärung helfen. In den Geburtsvorbereitungskursen muss frühzeitig und ausführlich darüber gesprochen werden, denn es gibt Unterstützungs – und Behandlungsmöglichkeiten. Doch das Problem ist immer wieder das selbe: Es muss erkannt, benannt werden und dann braucht man passende Therapie – und Behandlungsplätze. Hiervon gibt es noch immer viel zu wenige. Eine gute Anlaufstelle kann Schatten und Licht sein. Schatten und Licht ist eine Selbsthilfe – Organisation, die ein Beratungs – Selbsthilfegruppen und Fachleutenetz aufgebaut hat. Hier kann man Kontakt zu ehemaligen Betroffenen aufnehmen, das kann ungemein erleichternd sein, denn es nimmt einem das Gefühl: Ich bin ganz alleine. Ich versage.

Ebenso unterstützend können bei allen psychischen Erkrankungen die Familienhebammen sein. Diese können die Familie im ersten Lebensjahr begleiten und auch einen Kontakt zu den Frühen Hilfen herstellen. Voraussetzung ist hierbei aber wieder die Diagnose, die Anerkennung der Krankheit, evtl. eine Therapie und Ressourcen im Hilfesystem. Gleichzeitig scheitert es gerade daran auch sehr häufig.

2017 sagten die Zahlen dass ca. 3,8 Millionen Kinder ein Elternteil mit einer psychischen Erkrankung haben. Durch die Pandemie ist diese Zahl sicherlich noch extrem angestiegen. Gleichzeitig gibt es aber auch eine extrem hohe Dunkelziffer. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum Beispiel:

  • Unkenntnis der eigenen Erkrankung
  • mangelnde Kapazitäten
  • die Scham über die persönliche Situation zu sprechen
  • Angst die Kinder weggenommen zu bekommen

Es können dadurch toxische Systeme entstehen. Bei schlimmer Suchtkrankheit oder Krankheiten wie Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen, kann durchaus auch eine Kindeswohlgefährdung vorliegen. Doch keine Panik, auch hier werden die Kinder nur in einer Akutsituation aus der Familie herausgenommen. Es wird immer versucht, dass die Familie eine gute Unterstützung und Behandlung bekommt. So dass alle im System bleiben können. Doch das ist ziemlich komplex.

Zum einen weil die Bedürfnisse der Kinder und die der Eltern sich teilweise gravierend unterscheiden. Zum anderen weil so viele Unterschiedliche Träger und Leistungserbringer dafür mit an einem Tisch sitzen müssen. Zum dritten, weil es leider immer noch viel zu wenig Kapazitäten gibt und es insgesamt ein unheimlich anstrengender Weg ist.

In akuten Krisen – oder Notsituationen gibt es nun den § 20 im SGB 8

§ 20 SGB VIII Betreuung und Versorgung des Kindes in Notsituationen

(1) Eltern haben einen Anspruch auf Unterstützung bei der Betreuung und Versorgung des im Haushalt lebenden Kindes, wenn

1.
ein Elternteil, der für die Betreuung des Kindes überwiegend verantwortlich ist, aus gesundheitlichen oder anderen zwingenden Gründen ausfällt,
2.
das Wohl des Kindes nicht anderweitig, insbesondere durch Übernahme der Betreuung durch den anderen Elternteil, gewährleistet werden kann,
3.
der familiäre Lebensraum für das Kind erhalten bleiben soll und
4.
Angebote der Förderung des Kindes in Tageseinrichtungen oder in Kindertagespflege nicht ausreichen.

(2) Unter der Voraussetzung, dass eine Vereinbarung nach Absatz 3 Satz 2 abgeschlossen wurde, können bei der Betreuung und Versorgung des Kindes auch ehrenamtlich tätige Patinnen und Paten zum Einsatz kommen. Die Art und Weise der Unterstützung und der zeitliche Umfang der Betreuung und Versorgung des Kindes sollen sich nach dem Bedarf im Einzelfall richten.

(3) § 36a Absatz 2 gilt mit der Maßgabe entsprechend, dass die niedrigschwellige unmittelbare Inanspruchnahme insbesondere zugelassen werden soll, wenn die Hilfe von einer Erziehungsberatungsstelle oder anderen Beratungsdiensten und -einrichtungen nach § 28 zusätzlich angeboten oder vermittelt wird. In den Vereinbarungen entsprechend § 36a Absatz 2 Satz 2 sollen insbesondere auch die kontinuierliche und flexible Verfügbarkeit der Hilfe sowie die professionelle Anleitung und Begleitung beim Einsatz von ehrenamtlichen Patinnen und Paten sichergestellt werden.

 

Leider ist dieser noch viel zu wenig bekannt und auch an der Umsetzung mangelt es noch. Dennoch ist es ein wichtiger Schritt, dass es diese rechtliche Grundlage dafür gibt.

Mit dem Blick zurück auf die Kinder ist es in erster Linie wichtig, dass man in Prävention investiert. Denn Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen haben ein statistisch höheres Risiko selbst eine psychische Erkrankung zu bekommen. Somit ist Prävention eine der wichtigsten Aufgaben.

Ein gelungenes Beispiel für Prävention ist: KIPS: Was ist KIPS Prävention NRW

Ja, das ist alles sehr politisch und rechtlich. Denn es geht auch darum. Wann greift welches Sozialgesetzbuch, wer ist Kostenträger usw. Alleine das Wissen um die Verschachtlung finde ich aber wichtig. Denn es steht leider oft den Hilfemaßnahmen im Weg. Sich Hilfe zu suchen ist ein großer und Verantwortungsbewusster Schritt. Sich dann im System zu verlieren kann nicht der Sinn der Sache sein.

Aus diesen Gründen ist es wichtig, auch ganz konkret bei sich selbst oder im Umfeld die Augen offen zu halten und vielleicht kleine Impulse zu setzten. Das mag jetzt naiv klingen, denn ja, es gibt Familien da reicht das alles nicht aus. Aber auf viele unterschiedliche Punkte wollen wir in den nächsten Wochen immer wieder einmal eingehen.

Wer sich mehr in die fachliche Richtung einlesen möchte, dem kann ich die IST Analyse zur Situation von Kindern psychisch Kranker Eltern aus AG KPKE ans Herz legen:  Kinder psychisch Kranker Eltern „Forschung“ (ag-kpke.de)

 

Du hast Erfahrungen, Interesse oder eine eigene Geschichte zu erzählen?

Dann melde dich gerne bei mir unter:

wheelymum08@web.de

Eure 

wheelymum

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