Eltern mit Behinderungen: Autistische Mama in einer neurodiversen Familie (Teil 2)

Eltern mit Behinderungen

Vielen Dank für eure Nachrichten zum letzten Beitrag in der Blogreihe Eltern mit Behinderungen. Conni hat noch mehr geschrieben – und wer noch mehr über sie wissen möchte, der sollte einmal auf ihrem Blog  https://www.diversifamilies.org vorbei schauen. In diesem Beitrag schreibt sie nochmal etwas genauer über ihren Alltag und gibt einige Tipps mit auf den Weg, 

 

Alltag einer neurodiversen Familie

Wie anstrengend ist denn nun so ein Alltag in einer neurodiversen Familie, also in unserem Fall in einer Familie mit autistischen und nichtautistischen Familienmitgliedern? Zunächst muss ich sagen, dass wir in vielerlei Hinsicht privilegiert sind. Das heißt wir haben einige unverdiente Vorteile, die ich eigentlich allen Menschen wünschen würde. Wir haben Großeltern in derselben Stadt und die helfen uns sowohl mit Kinderbetreuung als auch finanziell aus, wenn es wirklich nötig ist. Mein Partner und ich arbeiten beide selbstständig, zusammen und getrennt. So können wir uns Familienzeit teilen und bei der Arbeit füreinander einspringen, wenn einer von uns mal krank ist.

Generell würde ich neurodiversen Familien empfehlen: Lasst Euch im Alltag Raum und Zeit zum ‚Atmen‘ (bildlich gesprochen). Wir mussten das auch erst mit den Jahren lernen, unsere Tage nicht so eng zu takten wie früher. Zwischen jeder Mahlzeit, jedem Rausgehen, jedem Spiel gibt es Pausen. Ich nehme mir Pausen für Übergangsrituale vor und nach der Arbeit oder zwischen einem stressigen Nachmittag auf dem Spielplatz und dem Abendessen. Das muss keine halbe Stunde Yoga sein, ein paar Atemübungen, einmal Blumengießen oder ein Lieblingslied hören sind besser als nichts. Wir nehmen uns insgesamt lieber weniger vor und genießen auch ganz bewusst das Zuhause bleiben. In der Corona-Zeit geht es uns zum Beispiel nicht viel schlechter oder überhaupt nicht viel anders als vorher. Verreisen tun wir auch nicht jedes Jahr. Dadurch bleibt wiederum ein bisschen Geld übrig für Entlastung im Alltag wie ab und zu Essen holen.

Auch unsere Wohnung ist so eingerichtet, dass unterschiedliche Bedürfnisse der Familienmitglieder sich wiederfinden. Manche mögen starke Sinneseindrücke wie ganz bestimmte Farben, andere mögen es eher reizarm im Bauhaus-Stil. Manche brauchen eine Chaos-Ecke für angefangene Spiel- oder Bau-Projekte, andere bestehen darauf, dass wenigstens ein Zimmer halbwegs aufgeräumt ist. Alle müssen sich in ihrer Mediennutzung einschränken, Musik wird nur mit Kopfhörer gehört und der Fernseher steht, wenn nicht gerade Fußball-WM ist, meistens in der Abstellkammer. Damit sind natürlich nicht alle vollends zufrieden, aber die reizempfindlichen Familienmitglieder brauchen Schutz. Wem hier etwas fehlt, der muss es sich woanders holen, bei Freund*innen zum Beispiel, auch wenn dafür nicht viel Zeit bleibt.

All das mussten wir auch erst auf die harte Tour lernen. Vor einigen Jahren bekam ich ein paar körperliche Erkrankungen, die alle nicht gefährlich, aber chronisch waren und mich unangenehm schwächten. Es war ziemlich klar, dass es sich auch um stressbedingte Symptome handelte. Dass dies mit dem Autismus zu tun haben konnte lernte ich erst später, als ich in Selbsthilfegruppen und im Internet andere Autist*innen mit ähnlichen Symptomen traf. Damals begann ich Yoga und Meditation zu üben, gesund zu essen und meine Kommoden nach Marie Kondo aufzuräumen, was ja heutzutage wenig originell ist, mir aber früher im Traum nicht eingefallen wäre. Die meiste Zeit davor hatte ich meine Energie aus Kampfsport, Tanzen, Bier, Schokolade und Nudeln bezogen. Davon sind nur die Nudeln geblieben, selbst beim Tanzen muss ich inzwischen aufpassen. Sport mache ich genau so viel, um mich für mein Familienleben und meine Arbeit fit zu halten und nicht mehr, da ich mich sonst überanstrenge und schnell wieder kränklich werde.

Leider führte all dies dazu, dass mein Partner mehr von den körperlich anstrengenden Haushaltsarbeiten wie putzen übernehmen musste, als es ihm und den meisten Menschen gerecht erscheinen würde. Hier ist mein zweiter Tipp für neurodiverse Familien: Findet Eure eigene Definition von Gerechtigkeit, die nicht immer 50/50 bedeuten muss. Wenn eine Person aufgrund einer Behinderung nicht alle Haushaltsarbeiten erledigen kann, nicht gleich viel Geld nach Hause bringen kann wie der*die Partner*in oder mehr Zeit für sich selbst braucht, dann werft es ihr nicht vor. Vielleicht lässt sich ja ein Ausgleich dafür finden, wenn die Person dafür etwas anderes besonders gut und gerne macht? Und wenn nicht, ist es trotzdem nicht ihre Schuld. Auch eine traditionelle Arbeitsteilung im Sinne von „Mann geht arbeiten, Frau bleibt zuhause“ funktioniert für neurodiverse Paare oft nicht so gut. Viele Autist*innen können ihre Stärken bei der Arbeit besser einsetzen als zuhause, anderen fällt es in Zeiten von Großraumbüros und täglichen Team-Meetings schwer, überhaupt einen Job zu halten. Auch hier müssen individuelle Lösungen gefunden werden. Klare Absprachen, Wochenpläne, Putzpläne und Kassenbücher können hier hilfreich sein und machen Autist*innen teilweise sogar Spaß.

 

Neurodiversität akzeptieren

 

Das ist Conni

Neurodiversität zu akzeptieren und sich als neurodiverse Familie zu sehen bedeutet vor allem, sich von den Gegensätzen ‚normal‘ und ‚anders‘ zu verabschieden. Einander selbstverständlich als verschieden zu erleben und aufeinander neugierig zu bleiben belebt jede Beziehung und Familie. Zwar weiß ich, dass vielen nichtautistischen Menschen eine Autismus-Diagnose ihre*r Partner*in oder ihrer Kinder Erleichterung bringt, da sie nun eine Erklärung für Missverständnisse und Konflikte haben und wissen dass keiner daran ‚schuld‘ sind. Auch bei autistischen Personen kann sich so eine Erleichterung einstellen. Meist ist diese aber gemischt mit einer gewissen Hoffnungslosigkeit, da nun feststeht, dass sich manche Dinge, die als problematisch oder stressig empfunden werden, nicht ändern lassen oder wenn, nur mit Risiken und Nebenwirkungen. Es ist also nicht hilfreich eine*r Partner*in oder anderen Familienmitgliedern eine Autismus-Diagnose überzustülpen.

Wenn eine Diagnose da ist und von beiden bzw. allen akzeptiert wird, passiert es manchmal, dass entweder die nichtautistische Person meint die Regeln vorgeben zu müssen, weil er*sie sich jetzt offiziell für ‚normal‘ hält und deswegen glaubt alles besser zu wissen, oder dass die autistische Person ihre eigenen Bedürfnisse nun priorisieren will. Zwar sollten diese Bedürfnisse tatsächlich sehr ernst genommen werden. Oft sind sie bis dahin in- und auch außerhalb der Familie zu kurz gekommen. Gerade in den Monaten nach der Diagnose braucht die autistische Person mehr Raum und Zeit zur Selbstfindung. Doch sollte in einer Partnerschaft dauerhaft ein ausgeglichenes Verhältnis angestrebt werden, damit beide zufrieden sind. Bei Kindern ist das natürlich anders. Deren Bedürfnisse sollten wirklich Vorrang haben. Autistische Kinder brauchen die Familie besonders dringend als Rückzugsraum, wenn sie ansonsten in Kita oder Schule mit vielen Menschen konfrontiert sind.

Neurodiverse Familien sollten auf jeden Fall klar kommunizieren, mündlich, schriftlich, mit Bildern oder mit Gesten und Gebärden. Das bedeutet nicht ständiges Gerede, das Autist*innen ungemein stressen kann, sondern immer wieder kurz zu checken ob noch alles okay ist, wie es den anderen geht und ob Pläne geändert werden sollten. Eine kleine sonntägliche Paar- oder Familienkonferenz schafft eine Gelegenheit offen zu kommunizieren und Abmachungen zu treffen.

Neurodiverse Familien können eigene Familienrituale erfinden. Feste dürfen ohne Lieder und etwas kleiner gefeiert werden, vielleicht indem an mehreren Tagen jeweils nur eine oder zwei Personen eingeladen werden. Bei einer abendlichen Sportrunde, einer Lesesession, einem Abendgebet oder einer kurzen Meditation können sich ein oder mehrere Familienmitglieder gemeinsam entspannen.

Und wie geht es mir? Meine Angst ist noch da, aber seit ich sie akzeptiert habe, bleibt sie meistens im Hintergrund. Ich fühle mich nicht mehr schuldig, sondern nehme die Herausforderung freudig an selbst ein Teil der Vielfalt zu sein, den ich mir in unserer Gesellschaft und meiner Familie wünsche. Das gibt mir Sicherheit, ebenso wie der schönste Liebesbeweis meines Partners: Bevor wir wussten, dass ich autistisch bin, endete jeder größere Streit zwischen uns damit, dass er meinte, er sei normal und ich sei verrückt. Seitdem er das weiß, hat er es nie wieder gesagt.

 

 

 

 

Bei vielen Punkten davon, kann auch ich mich und uns wiederfinden. Gerade der Schlusssatz zeigt auch, wie wichtig es für uns manchmal sein kann, uns selbst und unser Verhalten zu akzeptieren um friedvoller und nachsichtiger und damit auch liebevoller mit uns selbst zu sein. Ich glaube, das tut allen Menschen gut, ganz unabhängig von Diagnosen. 

 

 

Eure 

wheelymum

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