Darf man behindert sagen?

Junior lernen in der Schule gerade Personenbeschreibungen. Er hat mich beschrieben. Unter anderem mit den Worten:

Sie ist hübsch und lieb. Aber manchmal ist ihre Stirn sehr runzelig. Dann kann es bald Ärger geben. Sie hat einen Rollstuhl weil sie eine Behinderung hat……“

Sachlich, lustig und auf den Punkt würde ich sagen.

Heute Abend startet im TV die Serie:  Weil wir Champions sind“

Es soll eine Art großartiges Projekt für Inklusion sein. Doch leider ist es wie bei so vielem: gut gemeint, ist nicht gut gemacht. Mit dabei ist Wotan Wilke Möhring. Er hat ein Interview gegeben:

Wer es schafft, das ganz anschauen, dem möchte ich eine Frage stellen: Hast du gemerkt, dass hier ganz viel Othering drin steckte?

Was genau ist Othering?

Othering beschreibt den Prozess, sich selbst und sein soziales Image hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig, „fremd“ klassifiziert bzw. stereotypiert. Es findet also eine betonte Unterscheidung und Distanzierung von „den Anderen“ statt, sei es wegen des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Religions­zugehörigkeit, der ethnischen Zugehörigkeit, der Nationalität, der sozialen Stellung innerhalb einer Gesellschaft, wie z. B. der Klassenzugehörigkeit, der Ideologie oder auch vermeintlicher biologischer Unterscheidungskriterien zwischen Menschen (vgl. Rasse bzw. Rassismus).

Othering bedeutet also, sich mit anderen zu vergleichen, sich von ihnen abzuheben und zu distanzieren, wobei die Vorstellung existiert, dass Menschen und Gesellschaften sich durch deren Lebensform, Kultur oder andere Merkmale von der eigenen sozialen Gruppe erheblich unterscheiden.“

Quelle: Wikipedia

 

In diesem Interview macht der Schauspieler genau das. Er bezeichnet die marginalisierte Gruppe als „Anders“

Doch damit ist es noch nicht genug. Denn vielleicht, ohne es zu merken, setzt Wotan Wilke Möhring nochmals eins nach. Mit dem Satz:

“Sind wir nicht alle ein bisschen anders“

und indem er sagt, er vermeidet den Begriff behindert.

 

Ganz kurz: Das ist ableistisch.

 

Manche Menschen sind behindert. Es gibt Menschen die haben eine Behinderung. Und damit sind sie nicht nur irgendwie anders, als andere und eigentlich sind wir ja alle irgendwie anders. Merkt ihr, wie verworren mein Text gerade wird?

Das liegt daran, weil wir Behinderung immer noch nicht als neutrales Merkmal in unseren Sprachgebrauch etabliert haben. Ja, als soll selbstverständlich nicht als Schimpfwort benutzt werden. Aber das Wort Behindert oder Behinderung zu sagen, ist nicht schlecht.

Ich gebe zu, es ist etwas tricky, denn manche Menschen wollen lieber Mensch mit Behinderung genannt werden, andere behinderte Menschen. Wenn ihr diese beiden Begrifflichkeiten aber abwechselnd benutzt, wird euch niemand böse sein. Mehr dazu findet ihr in diesem Beitrag.

Der entscheidende Unterschied ist, dass diese Begriffe als Selbstbezeichnung gewählt wurden. Ebenso wie sich damals die Krüppelbewegung selbst Krüppelbewegung genannt hat.

Für Menschen ohne Behinderung ist es vielleicht einfacher, vermeintlich beschönigende Begriffe wie: Handicap, Anderssein, besondere Merkmale usw. zu benutzen. Doch das ist nicht Sinn und Zweck. Behinderung als Merkmal zu erkennen und so zu beschreiben, das ist es was wir brauchen.

Was ist die Alternative?

Hört Menschen mit Behinderungen zu. Lernt von Ihnen. Macht ihre Stimmen lauter indem ihr Allys seit.

Denn wir sind da. Jeden Tag.

Und dann kommt ein bekannter Schauspieler und erzählt in jedem Interview, dass behindert ein böses Wort sei und es bessere Begriffe dafür gibt. Begriffe die inklusiver seien. Nein. NEIN. NEIN! 

Doch das verbreitet sich in den Medien und unsere Stimmen, die Stimmen von Betroffenen werden wieder leiser. Ungehörter. Denn wir nicht diese Lobby. Wir haben nicht die Aufmerksamkeit wie bekannte Schauspieler oder Serien im TV die irgendwelche Sterotypen festigen. Sprache verändert sich. Bilder in unseren Köpfen auch. Wenn wir es gemeinsam anpacken.

Es ist einfach. Steht an unserer Seite.

Habt keine Angst.

Behindert ist kein böses Wort.

Wenn Junior das in seiner Personenbeschreibung schreiben und sagen kann, dann könnt ihr das auch.

 

Eure

wheelymum

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5 Kommentare

  1. Tina

    Ein schwieriges Thema, Danke dass du hier immer wieder sensibilisierst. Aber es fällt mir immer noch sehr schwer.

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  2. Rollipack

    Ich habe den Trailer des Films vor einiger Zeit gesehen und ich muss sagen, mir wird es immer ganz anders, wenn behinderte Menschen so stereotyp dargestellt und vorgeführt werden. Zu dem Wort “behindert” habe ich auch eine nette Anekdote. Ich bin eine Lehrerin im Rollstuhl und meinen Schülern rutscht schnell mal ein “das ist doch behindert” oder “du bist doch behindert” raus. Als ich ihnen sagte, dass es hier nur einen Menschen im Raum gibt zu dem sie das sagen dürfen, nämlich zu mir, waren sie sich einig und riefen entsetzt: “Sie!? Sie sind doch nicht behindert!” Und ich so: “Doch, das bin ich!” und klärte sie auf. Die Aussage von Junior hat mich wieder daran erinnrt und mich schmunzeln lassen.

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Vielen lieben Dank, für deine Rückmeldung. Dein Erlebnis in der Klasse ist tief beeindruckend. Denn ja, wir sind behindert. Aber wir sind noch so viel mehr.

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    2. Annina

      Ich nenne mich auch behindert. Warum auch nicht..Schließlich bin ich es ja. Irgendwelche Spezialformulierungen machen mir sowieso zu viel Mühe.
      Klar es gibt ja überall die “Superwoken”..die einen obwohl man behindert ist “blöd” anmachen weil man “behindert ” sagt. Und oft sind diese Personen dann auch noch Nicht-behindert. Meine Erfahrung, leidet.

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  3. kommunikatz

    Danke für diesen wahren und gar nicht verworrenen Text! Du sprichst mir aus der (nicht existenten) Seele.

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