Familienkonferenz? Lösung oder noch mehr to do?

Familienalltag kann anstrengend sein – das steht außer Frage. Und auch wenn die Baby- und Kleinkindzeit brutal hart sein kann, so ist das Leben mit größeren Kindern auch nicht immer nur ein Zuckerschlecken. Vieles wird einfacher, keine Frage. Die Kinder schlafen meistens durch, sie können sagen, was sie möchten oder brauchen, und vieles mehr. Doch gerade im Sagen, was man möchte oder braucht, liegt auch in den weiteren Lebensjahren eine Herausforderung.

Denn Wünsche und Bedürfnisse sind nicht dasselbe, und oft unterscheidet sich das auch zwischen den Kindern und den Eltern. Wie oft denkt man: „Warum kann er nicht einfach sagen, was los ist?“ – und gleichzeitig merken wir, dass wir selbst manchmal nicht so recht wissen, was wir eigentlich brauchen. Genau hier setzt das Buch „Lasst uns reden“ von Julia Dibbern und Lou Elvarsdóttir an.

Das Buch ist eine Einladung, wieder wirklich miteinander zu sprechen – und zwar so, dass alle in der Familie gehört werden. Nicht in einem schnellen Gespräch zwischen Tür und Angel, nicht in hitzigen Diskussionen am Abendbrottisch, sondern in einem geschützten Rahmen, in dem es Raum gibt für alle Stimmen. Die Autorinnen nennen das die „Familienkonferenz“. Und auch wenn der Begriff im ersten Moment etwas nach strengem Sitzungsprotokoll klingt, ist die Idee dahinter eigentlich wunderbar einfach: sich regelmäßig als Familie Zeit nehmen, zuzuhören, zu verstehen und gemeinsam Lösungen zu finden. Ich kenne Familienkonferenzen oder Kinderkonferenzen aus dem pädagogischen Alltag und ich weiß auch um das therapeutische Setting. Das zu Hause in einem geschützen Rahmen zu praktizieren, klingt verlockend.

Beim Lesen hatte ich immer wieder diesen Gedanken: Ja, so könnte es gehen. So könnte man rauskommen aus diesem ewigen Kreislauf aus Anschuldigungen, Missverständnissen und genervtem Schweigen. Denn wer Kinder hat, kennt diese Dynamiken – man redet, aber keiner hört richtig zu, weil alle schon in Abwehr oder Verteidigung sind. Die Familienkonferenz kann eine Möglichkeit sein, wie man das aufbrechen kann, ohne dass es sich künstlich oder belehrend anfühlt.

Es gibt praktische Beispiele und Anregungen. Vorlagen für Familienregeln oder Plakate aber immer auch der Hinweis, dass es in jeder Familie so sein darf und soll, wie es für sie gerade passend ist. Dass sich das ganze entwickeln darf und soll. Es ist also kein ist kein „So musst du erziehen“-Ratgeber, sondern eher ein liebevoller Begleiter, der sagt: „Probier’s mal so – vielleicht fühlt es sich dann leichter an.“ Die Autorinnen schaffen es, Theorie und Praxis geschickt zu verbinden. Sie erklären, warum Kommunikation oft scheitert – und geben gleichzeitig ganz konkrete Ideen an die Hand, wie man es besser machen kann. Dabei helfen kleine Rituale, Fragen, die man sich stellen kann, und sogar Vorlagen für Familienkonferenzen, die sich  an den eigenen Alltag anpassen lassen.

Natürlich klingt das alles im Buch oft einfacher, als es dann im echten Leben ist. Wer kennt es nicht: Ich nehme mir vor, ruhiger zu sprechen, zuzuhören, den Kindern Raum zu geben, und dann kommt wieder ein stressiger Tag dazwischen. Aber gerade deshalb tut dieses Buch so gut. Es erinnert daran, dass Veränderung nicht Perfektion heißt, sondern Bereitschaft. Dass wir immer wieder neu anfangen dürfen, uns zuzuhören. Aber es hört sich auch aufwändig an. Fester Zeitpunkt, fester Tag, bestimmte Rituale und Abläufe die sich erst einschleifen müssen. Wenn man das durchhält und Raum gibt, dann kann das sicherlich gelingen. Eine wichtige Regel ist dabei, die Familienkonferenz als Raum zu sehen, in dem jeder gehört wird. Es wird nicht unterbrochen und es darf zu Beginn um keine zu schweren Themen gehen.

Wenn Kinder spüren, dass sie gehört werden, dann hören sie auch eher zu. Kommunikation ist keine Einbahnstraße, und es zeigt wie Eltern durch echtes Interesse und Offenheit eine Atmosphäre schaffen können, in der Vertrauen wächst. Es geht nicht darum, Konflikte zu vermeiden – im Gegenteil. Konflikte dürfen sein, aber sie müssen nicht trennen.

Kommunikation ist so oft der Schlüssel. Für mich auch die Aufgabe bereit zu sein, hinzuhören, sich selbst zu reflektieren und ein Stück Kontrolle loszulassen. Um theoretische Hintergründe geht es im letzten Teil des Buches. Hier kann man sich noch stärker in die Themen Kommunikation und Bindung hineinlesen. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Buches: Reden ist nicht nur Austausch von Worten, sondern ein Akt der Verbindung. Und diese Verbindung ist es, die Familie ausmacht.

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