Und plötzlich ist alles anders: Es tut mir leid

Timehopp: Ich bin an einem Samstag Abend tanzen. Meine Beine tragen mich. Der Boden vibriert, die Musik füllt den Körper mit Leben. Die letzte Arbeitswoche ist vergessen. Dieser Abend gehört meinen Freunden und mir…. Diese Sätze sind nichts besonderes. Vielen (jungen)Menschen wird es Samstag so gehen. Und dennoch sind diese Sätze für mich etwas ganz besonders. Denn als ich am nächsten Morgen aufwachte, ist nichts mehr wie es war. Meine Beine tragen mich nicht mehr. Ich wache auf und habe das Gefühl sie seinen eingeschlafen. Ich stehe auf und falle einfach wieder um.

Unsicherheit macht sich breit. Angst kommt hinzu. Was dann folgt sind jahrelange Klinikbesuche, Arztkonsultationen und vieles mehr. In diesem Moment, weiß ich das alles noch nicht. Ich habe keine Ahnung und keine Vorstellung davon. Doch das ist nicht der Inhalt dieses Textes.

Denn was dann folgte war komplette Unsicherheit und Angst. In den nächsten Tagen, Wochen und Jahren, konnte mir niemand sagen, was ich denn habe oder wie sich diese scheiß Krankheit entwickeln würde.

Dieses Gefühl: dem Körper geht es schlecht und man hat keine Ahnung wohin das führt, wirkt sich natürlich auch auf die Psyche aus. Und bei mir war das ziemlich schnell so.

 

Ein paar Tage nach Ausbruch der Symptome, mussten diese -meine – Unsicherheit, Menschen in meinem ganz persönlichen Umfeld spüren. Ich bekam Fragen gestellt, auf die ich keine Antwort hatte. Ich wurde unfair, traurig und gereizt. Ich habe Menschen verletzt, die einen festen Platzen in meinem Herzen hatten und haben. Es waren so viele Fragen und es gab keine Antworten.

Auf die Fragen: Wie geht es dir? Oder: Was hast du denn? Konnte ich keine Antworten geben. Dabei spürte ich in meinem Umfeld eine große Unsicherheit, wie man mit mir und der Situation umgehen sollte. Ich versuchte das aufzufangen, positiv zu denken. Es blieb beim Versuch.

 

Es klingelte an meiner Tür und ich konnte nicht öffnen. Ich wartete auf den nächsten Klinikbesuch.

Das Flugzeug für den Urlaub wartete und ich konnte nicht mit. Ich wartete auf die Lumbalpunktion.

Zu diesem Zeitpunkt hat die Krankheit mein Leben zerstört.

Das Leben welches ich vorher hatte war von einem auf den anderen Tag vorbei.

Alles war zu viel. Und ich konnte damit nicht umgehen.

 

Selbstverständlich hatte dies Auswirkungen auf mein soziales Umfeld. Unmittelbar und gleich aber auch längerfristig und nachhaltig. Das Band der Freundschaft. Bei manchen Riss es. Das tat furchtbar weh. Bei wenigen wurde es mit der Zeit noch stärker. Das sind die Menschen die auch heute noch an meiner Seite sind und auf die ich zu jeder Zeit zählen kann.

 

Ein ganz besonderes Band wurde durchgerüttelt, es hat sich verheddert und verknotet. Es wurde bis zur größten Spannung gezogen. Doch gerissen ist es nie. Aber es wurde andres. Anders, obwohl wir beide zueinander standen. Anders, aber wir konnten es nicht beschreiben. Dem Zustand keine Wort geben. Ganz anderes als zuvor. So sehr anders, das ich nie so richtig wusste damit umzugehen. Und damit bin ich, nicht alleine. Jedes Jahr auf neue spüre ich die Unsicherheit, unausgesprochenes und irgendwie soviel. Alles ist voller Gefühle und wir wissen nicht so richtig das auszusprechen. Aber wir sind da. Da füreinander. Wir haben uns noch. Unser Band ist nicht gerissen. Wir haben uns weiterentwickelt. Unsere Leben stehen nicht still. Sie sind miteinander verbunden. Und auch wenn der Kontakt viel weniger wurde, denke ich ganz oft daran, wie ich dieses Band wieder stärken und glätten kann. Es ist trubelig, wenn wir uns sehen. Vielleicht bräuchten wir wirklich einmal ein paar Stunden – nur für uns – in denen ich dich in den Arm nehmen, Tränen weinen und sagen kann – es tut mir leid. Einfach nur da sein. Und dankbar sein, das wir unser Band noch haben.

 

Das Band der Freundschaft hat sich verändert, aber es ist nicht gerissen

Ich weiß ich kann nichts dafür. Die Situation ist, wie sie ist. Sie war, wie sie war. Und gleichzeitig habe ich dieses tiefe Bedürfnis in mir. Ich habe Fehler gemacht und ich bin unsicher und falsch anderen Menschen umgegangen. Plötzlich ist alles anders gewesen. Von einem Moment auf den anderen.  Es lgibt eider kein Buch, kein Programm oder sonstiges, das dir erklärt: “Wir wissen nicht was sie haben, wie sich das entwickelt, aber seien sie freundlich zu ihren Mitmenschen – sie müssen jetzt so oder so mit ihnen umgehen. Kopf a ist für….. ” Das gibt es nicht und das ist auch git so. Ich hatte große Hoffnung und gleichzeitig war ich so mit mir beschäftigt das ich das um mich herum zu wenig wahrnahm. Auf Fragen konnte ich nicht antworten, weil ich keine Antworten hatte. Ich wollte nie unfair sein und doch war ich es. Ich war überfordert. Ich war jung und unsicher. Ich wollte nach vorne blicken. Es waren so viele Fragen in meinem Kopf, das ich anderen vor den Kopf gestoßen habe.

Und das tut mir leid.

 

 

 

wheelymum

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13 Kommentare

  1. Jessica

    Du hast mir so sehr aus der Seele gesprochen. Als ich deinen Text und deine Krankheitsgeschichte gelesen habe,dachte ich,du beschreibst mein Leben.
    Liebe Grüße aus Nußloch
    Jessica

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Danke das tut so gut zu lesen. <3

      Antworten
  2. Beate

    Hab vielen Dank dafür!!!
    Ja, auch ich war garstig zu manchen (mir sehr lieben) Menschen nach der Diagnose..
    die Karten werden in so einem Moment neu gemischt und man muss sich neu erfinden oder auch wieder-finden…

    Ich drück dich 💞

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  3. Martina von Jolinas Welt

    Das berührt mich sehr

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      <3

      Antworten
  4. Mother Birth

    Was soll ich sagen… ganz viele Emotionen, aber keine Worte, die passen mögen. Alles erscheint mir als leere Worthülsen und genau DIE brauchst du nicht mehr. Hast du nie gebracht. Braucht niemand.

    Ich kenne das Gefühl emotional so aus dem Takt gekommen zu sein, dass man hilflos mit sich selbst ist. Rettungslos verloren. Da kann und mag man niemanden an sich heranlassen. Alles ist zu viel, jeder ist zu viel. Ich habe andere von mir weg gestoßen. Konnte ihre Emotionen nicht ertragen, da ich meine nicht einmal mehr schultern konnte.
    Auch wenn meine “Ausgangslage” nicht annähernd so dramatisch und lebensverändernd war, wie bei dir.
    Unvorstellbar.

    Ich drücke dich – ganz fest. Möchte dich halten und dir damit stumm sagen: “Ich bin da.” (auch wenn nur virtuell).

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Weißt du was das tolle ist? Ich weiß, das du da bist und das tut unheimlich gut. <3 Danke dir

      Antworten
  5. Mo Zart

    Liebes,
    Ich finde es unfassbar, dass das Band noch da ist. Das liegt an Euch beiden, nicht an einer Seite.
    Ich hatte viel weniger zu ertragen und hab kein Band mehr übrig. Ich habe großen Respekt für Deine, Eure Leistung.
    Es ist ein Geschenk, denn es ist eine Möglichkeit.
    Hast Du Dich denn damals verstanden gefühlt? Ich vermute nein. Und Du konntest nicht an noch mehr Baustellen kämpfen. Wie denn?!
    Volles Verständnis. Und Bewunderung.

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Liebe Mo, Eure/deine Worte tuen so gut.
      Ich glaube ich hatte gar keine Kraft soweit zu denken oder zu fühlen, ob mich jemand versteht.
      Mother Birth hat es ganz toll beschrieben – es waren so viele eigene Gefühle da (und gleichzeitig nichts) das ich nicht noch die Gefühle der anderen spüren konnte. Aber sie waren so präsent – egal ob ausgesprochen oder unausgesprochen. Es war zu viel für mich. Für uns. Und dennoch haben wir es geschafft. Beide. Zusammen.

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  6. Pingback: Freitagslieblinge 27. Januar - Erinnerung - Wheelymum

  7. Freiland_Pingu

    Super Text mit vielen Aussagen, die ich 1zu1 übernehmen könnte…..
    Die lange Unsicherheit sowie die Frage “und was folgt jetzt?” hat mich wohl einen Grossteil meiner letzten Jahre beschäftigt.

    Schlussendlich war ich sogar auf eine komische Art froh, dass jetzt endlich eine Diagnose gestellt wurde, auch wenn sie nicht gerade schön ist 🙂

    Freue mich mehr von deinem Blog lesen zu können.

    Always Look on the Bright Side of Life 🙂

    Antworten
    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Ja, dieses absurde Gefühl kannte ich auch. Es ist immer schön zu wissen, das man nicht alleine ist. Danke für deinen Kommentar <3

      Antworten
  8. Pingback: Januarrückblick - Wheelymum

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