Mit kleinen Kindern über den Krieg reden

Ein Schild mit bunten Buchstaben Frieden, und eine gebastelte Friedenstaube liegt auf dem Tisch

Peng“ dröhnt es aus dem Kinderzimmer. Ich schaue nach, was denn los sei. Das Januarwunder beruhigt mich: „Es is alles dut Mama. Das Haus ging kaputt aber die Menschen sind gesund. Is besorge ihnen etwas zu Essen und was zu spielen.“

Mein Herz bricht. Das was mein Kind hier spielt sollte er niemals spielen. Er sollte kein Krieg spielen und eigentlich das Wort gar nicht kennen. In mir macht sich ein Gefühl breit. Ein Gefühl welches ich so oft habe, seit ich Mama bin. Versagen. Ich habe versagt. Weder kann ich ihn im Ernstfall schützen, noch habe ich ihn nun vor den Bildern des Krieges in der Ukraine geschützt.

Die Gedankenmaschine in meinem Kopf rattert auf Hochtouren:

  • Habe ich den TV zu spät ausgeschaltet?
  • Hat er Bilder gesehen?
  • Hat er das Gespräch von uns Eltern mitbekommen?
  • Woher kommen diese Gedanken?

Er geht in die Küche und kommt mit Bananen wieder. Drückt sich an mich. Ich rieche an seinem Kopf und mir läuft eine Träne herunter. Er beginnt zu reden…

Wie naiv ich war, zu denken, er würde es nicht mitbekommen. Alleine durch unser Bekannten aus Syrien, war Flucht eigentlich schon immer ein Thema. Ich spüre, wie müssen hier ansetzten, damit er nicht von sich aus eigene Bilder in seinem Kopf entwickelt, die vielleicht noch viel schlimmer sind (wie hier bereits erklärt)

Also reden wir. Darüber, dass es so einen dollen Streit gab, dass der Chef eines Landes gar nicht mehr mit dem anderen Land reden wollte und dann furchtbar gemein wurde. Bis ich mich umschaue, befinden wir uns nicht mehr auf dem Kriegsfeld, sondern im Kindergartenhof bei dem die Schaufeln geflogen sind. Das ganze zu abstrahieren gelingt an diesem Tag nicht. Mir ist es aber wichtig ihm klar zu machen, dass nicht die Kinder hier etwas tun können oder müssen, sondern dass es die Aufgabe der Erwachsenen ist, das zu klären. Für diesen Tag reicht ihm das und wir vertiefen es nicht weiter. 

Doch die weiteren Fragen kommen. Ich bin bedacht darauf, immer nur das zu beantworten, was wirklich gerade ansteht. Wichtig ist mir, dass er weiß, dass er immer mit all seinen Fragen zu mir kommen kann. Denn das in sich hineinfressen, lässt Monster erwachen die noch größer sein können. Wir sind die Eltern, wir sind der sichere Hafen. Wir sind da. Ich wollte ihn schützen vor diesen Fragen, vor den Bildern und antworten. Doch diesen Schutz kann ich ihm nicht geben. Die Welt dreht sich weiter. Auf dem Schulhof und im Kindergartenhof wird darüber gesprochen. Entweder weil es von den großen Geschwistern aufgeschnappt wird oder weil geflüchtete Kinder in den Kindergarten dazu kommen. Ganz gleich warum. Wir können versuchen, es von den Kindern fernzuhalten aber noch wichtiger ist es, dass wir da sind und Sicherheit geben. 

Wie kann ich den Kindern Sicherheit geben?

Angst und Unbehagen lösen immer ein Bindungsverhalten aus. Auch bei uns Erwachsenen. Ich wünschte mir so sehr, selbst nochmal Kind zu sein und nicht diese Verantwortung tragen zu müssen, sondern dass ich mich einfach an meine Eltern kuscheln kann. Die Rollen ändern sich und so ist es nun unsere Aufgabe unseren Kindern diese Sicherheiten zu geben. Das kann geschehen durch:

  • Ich bin für dich da“
  • Zuhören und die Gefühle der Kinder annehmen
  • sich Zeit nehmen
  • Körperkontakt anbieten (Unser Januarwunder isst seit einiger Zeit nur noch, wenn es tatsächlich unmittelbar neben einem Erwachsenen sitzt oder auf dem Schoß von uns)
  • ein sicheres Nest zu Hause bauen, mit Dingen die besonders sind z.B. Höhle bauen und darin lesen, kuscheln, einen Videoabend mit Snackteller auf dem Sofa, Frühstück im Bett,…)
  • Rituale (hier hat jede Familie wohl ihre eigenen) zum Beispiel Gute – Nacht – Geschichte anstatt Nachrichten oder Was war heute schön? Oder eine Kindermassage zum Entspannen.
  • Leichtigkeit in den Alltag bringen: zusammen lachen, Blödsinn machen, fröhlich sein. (absolutes Highlight bei uns ist die Kissenschlacht oder Verkehrt – Herum – Tag)

Ganz wichtig:

Schöne Erlebnisse. Wir dürfen es uns gut gehen lassen. Wir dürfen lachen, Freude haben, Schönes Erleben und daraus Kraft ziehen und den Alltag vergessen.

Das Januarwunder zeigte in seinem „Spiel“ bereits was auch unheimlich wichtig sein kann. Aus der Ohnmacht ins Tun kommen. Wie das aussieht ist wahrscheinlich auch von Familie zu Familie unterschiedlich. Wir können keine Familie bei uns aufnehmen. Die große Geste fällt raus. Aber wir können ganz viel anderes tun. Zum Beispiel: Spenden . Es muss gar nicht die große Spende sein, um den Kindern ihre Hilflosigkeit zu nehmen, können sie selbst etwas suchen, das sie gerne spenden würden. Oder ins Kreative tun kommen. Bei uns sieht man mittlerweile überall Peacezeichen oder Friedenstauben. Es kann ein Gebet sein oder eine Kerze. Der Besuch einer Demonstration oder Frieden zu verteilen. Wir können damit den Krieg nicht beenden aber wir und unsere Kinder können so etwas aus ihrer eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit herauskommen.

 

 

Eure

wheelymum

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