Bitte bringen sie ihr Kind nicht in den Kindergarten – von der Angst vor Eltern mit Behinderungen und Kinderaugen (Wie Kinder mit Behinderungen umgehen Teil 3)

Ein ganz normaler Morgen.

Ich bringe Junior in den Kindergarten. Ein Papa hält uns die Eingangstür auf und wir gehen hinein. Eine Kurve und wir machen halt im Flur und Garderobenbereich der Gruppe von Junior. Er zieht sich um und geht die die Gruppe. Ich bleibe vor der offenen Tür stehen – wie immer, wenn ich ihn bringe. Junior kommt nochmal zu mir, nachdem er seine Erzieherinnen begrüßt hat und gibt mir einen Kuss. Wir verabschieden uns.

Ein neues Kind wird in den Kindergarten gebracht. Es sitzt mit seiner Begleitung an der Garadarobe und das Kind bekommt seine Hausschuhe angezogen. Bevor das Kind in die Gruppe gebracht wird, höre ich eine Stimme:

„Entschuldigen Sie. Mein Kind ist neu hier und klein. Es erschrickt, wenn es sie und den Rollstuhl sieht. Bitte bringen sie ihr Kind nicht in den Kindergarten, das kann bestimmt auch jemand anders tun.“

Ich schaue wie ein Auto und schlucke. Ich dachte ich habe mich verhört. Solche Aussagen sind nicht normal. Sie erschrecken mich. Sie erschrecken mich, weil sie so offen ausgesprochen werden und im ersten Moment bin ich einfach nur perplex. Ich kann nicht wirklich antworten.

Ich überlege noch wie ich reagiere oder ob ich einfach davon fahre, als ein anderes Kind kommt und sieht mich. Es hüpft auf mich zu und fragt:

„Wheelymum, darf ich mal hupen?“

Klar doch. Es „hupt“ mit meinem Rollstuhl. Die Augen der Mutter und die ihres Kindes werden groß. Ich frage das neue Kind, ob es auch einmal hupen möchte. Es nickt. Schüchtern. Und hupt.

Ich gehe – ohne mich zu verabschieden.

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Ja, ich habe mich aufgeregt.

Ja, ich habe mich geärgert über diese unverschämte und übergriffige Aussage. Natürlich habe ich mir – bevor Junior in den Kindergarten kam – Gedanken gemacht, wie die Kinder auf mich und meinen Rollstuhl reagieren werden. Wir haben mit den Erzieherinnen gesprochen, dass falls es ein Thema wäre, ich im Kindergarten vorbei kommen würde und wir das ganze in der Gruppe besprechen.

Aber es gab nicht viel dazu zu sagen. Die Kinder kennen mich im Rollstuhl.

Natürlich gibt es Fragen.

Viele Kinder im Kindergarten interessieren sich für die Knöpfe und wie das ganze funktioniert.

Einige – wesentlich weniger als bei der Technik – fragen auch was ich habe oder warum ich darin sitze. Und ich antworte.

Kinder sehen das ganze aber mit vollkommen anderen Augen. Es ist spannend und anders. Ich habe bis jetzt aber noch kein einziges Kind erlebt, welches Angst vor mir oder vor dem Rollstuhl hatte. Viele Kinder sehen diesen Rollstuhl gar nicht.

Natürlich weiß ich, dass hier die Angst der Mutter mit mir gesprochen hat. Und nicht die Angst des Kindes. Diese Unsicherheit kann sich übertragen. So entsteht ein Kreislauf, aus Angst und Scham.

Ich bin mir bewusst, dass Eltern mit Behinderungen nicht vorgesehen sind. Das wir immer noch eine Ausnahme darstellen. Weil wir zu wenig sichtbar sind. Das hört sich hart an – aber es ist so. (by the way: deswegen gibt es Wheelymum.)

Aber wir machen auch Angst. Gerade ich, die nicht von Geburt an behindert ist. Ich zeige den Leuten – schau her, so schnell kann sich alles ändern. Auch bei dir. Ganz unebwusst. Einfach nur, durch meine Anwesenheit.

Wir leben hier in keiner Großstadt. Irgendwie kennt man sich doch meistens. Oder man kennt jemanden der jemandenen kennt,…. ihr wisst schon. Ich bin mir sicher, dass sie einen Auszug aus meiner Geschichte kennt. Auch wenn sie mich nie gefragt hat. Mit meinem Verhalten dem Kind gegenüber, war ich vielleicht auch etwas übergriffig. Ich bin mir sicher, sie hat so gesehen, dass man keine Angst vor mir haben muss.

Mittlerweile denke ich auch, dass man vor dieser Mama keine Angst haben muss. Ihr Unsicherheit hat sie falsch ausgedrückt. Meine Wut hätte keinen nachhaltige Veränderung gebracht. Und auch kein Umdenken. Ein Stück weit, tut mir diese Frau auch leid. Sie tut mir leid, da sie dachte, sie habe mehr Recht als ich. Ihre Wahrnehmung ist ein Stück weit verschoben. Die Wahrnehmung der Welt und der Blick auf ihr Kind.

Ich bin die Mama von Junior.

Ich gehe mit meinem Kind auf den Spielplatz, ich bringe ihn in den Kindergarten und wir finden für ganz viele Dinge Lösungen. Kinder haben keine Angst vor mir. Ich aber manchmal vor ihnen, wenn sie so wild und stürmisch auf mich zukommen, zum Beispiel.

Kinder sind etwas wundervolles. Und genau deswegen habe ich mich an das Kind gewandt und nicht an die Mutter. Die Kinder sind unsere Zukunft.

Vielleicht hätte ich ihr antworten sollen: “Liebe Mama, fuck you. Schau auf dein Kind und lerne von ihm.”

Ich habe sie seit diesem Tag nicht mehr gesehen, aber ihr Kind lacht mich nun zumindest an. Und gestern hat es wieder gehupt und dabei die Erzieherin angelacht.

 

Wie hättet ihr reagiert?

Eure

wheelymum

Share This:

13 Kommentare

  1. Lydiaswelt

    Ein super Beitrag. Kinder gehen so ungezwungen mit unserer Behineerung um. Ein besonders schlauer Junge meinte, dass man an meinem Blindenstock doch einen Schrubber befestigen, und so die Spinnweben leichter weg kriegt.

    Antworten
  2. Lisa

    Hi Wheelymum,

    wow, diese Situation hätte mich umgehauen! Und ich wäre ausgerastet 😉 Da hast du wirklich meiner Meinung nach bestmöglich reagiert. Denn im Endeffekt hast du dadurch, dass du dich an das Kind gewandt hast, diese dämliche, unverschämte Aussage nicht nur entkräftet sondern ad absurdum geführt. Super!

    Leider müssen wir mit der Ignoranz, der Angst und der Unsicherheit von anderen leben. Wir sind durch unsere Behinderungen meistens viel reflektierter als andere Menschen und verstehen (glücklicherweise? dummerweise?) häufig besser als sie, was eigentlich ihr Problem ist. Schade, dass Kinder das alles viel leichter nehmen und später dann den Gesellschaftsstempel aufgedrückt bekommen und ihre Leichtigkeit verlieren… schön, wenn man ihre Offenheit genießen kann und bei manchen bleibt sie zum Glück auch.

    Diese dummen Sprüche, die einen schon aus der Fassung bringen können, kenne ich auch gut. Einmal sagte eine Frau am Flughafen zu mir, nachdem ich ihr erklärte, dass ich fast blind sei, ich solle doch eine Brille aufziehen, dann könne ich besser sehen. Ich erwiderte, dass ich hochgradig sehbehindert bin und das bei mir kaum einen Unterschied mache und sie meinte daraufhin, dass Brillen anderen ja auch helfen würden. Wozu da Zeit und Kraft verschwenden?

    Sowas ist jedes Mal eine Prüfung – auf das wir diese weiterhin bestehen!

    Danke für den schönen Beitrag und deine Offenheit!

    Liebe Grüße
    Lisa von Lizzis Welt

    Antworten
  3. Ulrike

    Kinder haben viel weniger Hemmungen, mit Menschen umzugehen, die “anders” sind, als man sich vorstellen kann. Sie haben (noch) keine Vorurteile, jedenfalls im Kindergartenalter. Ich kenne das vor allem beim Umgang mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen. Da wo die Eltern vor lauter Hemmungen sprachlos sind, plaudern ihr Kinder einfach drauflos, egal ob chinesisch oder arabisch. Ich versuche, mir das vor Augen zu halten, wenn ich Menschen begegne, die anders sind.
    Ich finde, Du hast wunderbar reagiert. Und die andere Mutter schämt sich.
    LG
    Ulrike

    Antworten
  4. Alu

    Genau so und nicht anders. Wäre ich da gewesen, ich hätte der Frau selbst was gehupt. LG alu

    Antworten
  5. Petra

    Mir hätten vermutlich auch die Worte gefehlt vor Schreck. Dass es solch dumme, unsensible Menschen gibt. Immerhin für ihr Kind besteht noch Hoffnung. Und meinen Kindern sage ich seit vielen Jahren: Zum Glück gibt’s mehr nette als blöde Menschen. Sie finden völlig absurd, dass die Welt nicht barrierefrei und voll gleicher Rechte für alle ist.

    Antworten
  6. EsistJuli

    Wow, ich bin richtig geschockt!

    Ernsthaft jetzt???

    Also ich habe wirklich, wirklich wenige Berührungspunkte mit behinderten Menschen, aber trotzdem kann ich das gar nicht verstehen! Schickt diese Mutter auch alle Rollifahrer aus den Geschäften, bevor sie einkaufen geht? Aus dem Bus?

    Ich bewundere dich wirklich, dass du da so gelassen bleiben kannst… mir platzt ja schon beim Lesen die Hutschnur!

    Wenn das Kind Angst hat, dann ist es doch super, dass du da bist und man sieht – hey, ich muss gar keine Angst haben! Ist auch eine ganz normale Mama!

    Also ich hoffe, diese Mutter, die dir das da an den Kopf geschmissen hat, reflektiert ihr Verhalten noch mal und schämt sich ganz, ganz dolle!

    Liebe Grüße,
    EsistJuli

    Antworten
  7. Claudia

    Ich finde deine Reaktion bewundernswert.
    Ich kann mir nicht vorstellen das ich so ruhig geblieben wäre.
    Ich hätte vermutlich mindestens einen bissigen Kommentar gebracht.
    Es ärgert mich so maßlos, auch jetzt schon wieder, beim lesen.

    Gut das du die Angst der Mutter sehen konntest, gut das du so ruhig bleiben könntest und damit dem Kind gezeigt hast das man vor dir keine Angst haben braucht.
    Schade, das Betroffene irgendwie immer die “netten” sein müssen um die Ignoranten zu erleuchten.

    Antworten
  8. Lia

    Was für eine schreckliche Reaktion der Mutter, ich kann es gar nicht fassen. Es war wirklich Schicksal, dass grad das andre Kind kam und hupen wollte, so dass sich die Situation so gelöst hat. Und ich finde du hast total richtig reagiert!!!
    Und Gott sei Dank leben wir nicht in einer Zeit, wo du oder Menschen, die irgendwie anders sind, tatsächlich nicht am Leben ihrer Kinder teilhaben haben dürfen!!!

    Antworten
  9. Elke Wirth

    Keine Reaktion war in dem Fall wohl die beste Lösung. Nicht auf die Mutter eingehen, sondern gleich direkt auf das Kind.
    Die Reaktion der neuen Mutter auf den Rollstuhl war eine unglaubliche Frechheit!
    Man könnte solchen Personen auch antworten, dass sie mit ihrer großen Nase die Kinder verschrecken und besser zu Hause bleiben sollten (oder wegstehende Ohren, oder was auch immer man beanstanden könnte … irgendwas ist bei jedem Menschen nicht ganz nach der “Norm”)

    Antworten
  10. gerda kazakou

    sehr gut reagiert, denn wenn Sie sich aggressiv gegen die Mutter gewendet hätten, hätte das Kind sich hinter der Mutter versteckt. Es hätte natürlich nicht verstanden, warum Sie wütend geworden sind, hätte nur gesehen,dass Sie böse zu dem Menschen sind, das es am meisten liebt: die Mutter.
    Kleine Kinder halten in Konfliktsituationen immer zur eigenen Mutter. Die Behauptung der Mutter hätte sich bestätigt: mein Kind hat Angst vor Menschen wie Ihnen. Selffulfilling prophecy.

    Antworten
  11. Simone

    Schlimm, wie diese Mutter versucht, sich und ihre eigene Unsicherheit hinter ihrem Kind zu verstecken. Die Reaktion darauf hingegen finde ich klasse. Überhaupt merke ich immer wieder, dass Kinder viel offener und empathischer sind und einen viel ausgeprägteren Gerchtigkeitssinn haben als die meisten Erwachsenen. Ich habe die besten Erfahrungen damit gemacht, die Fragen meiner Kinder so offen wie möglich zu beantworten. Kinder haben feine Antennen und merken meist ohnehin, wenn man ihnen was vormacht.

    Antworten
  12. Martine Ulmer

    Danke fürs Teilen von diesem Erlebnis. Mein Kompliment für Ihre Selbstkompetenz in diesem Augenblick, liebe Wheelymum. Der öffentliche Raum ist für alle und soll die Diversität von uns auch wiedergeben. Es freut mich immer, wenn ich von Menschen lese, die sich aktiv dafür einsetzen, obwohl sie sich damit exponieren und es auch mit negativen Erlebnissen, wie diesem konfrontiert sind. Umso schöner, dass Sie es hier mit Ihrer Reaktion geschafft haben, etwas Positives daraus zu machen. Eine grosse Chance für das “neue” Kind und für unsere Gesellschaft.

    Antworten
  13. Wolfgang Klug

    Hallo wheelymum,

    ich bin einfach beeindruckt! Manchmal ist nichts antworten und die Kinder anzusprechen sicher die beste Lösung.

    Meine Frau sitzt im Rollstuhl und unsere Enkel haben sich um eine Rollstuhlfahrt gerissen.. manchmal sogar ganz alleine die Rampe vor der Haustür runter..

    Gruß

    Wolfgang

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.