Wie Corona unseren Alltag beeinflusst: Wir sind die Familie eines Risikopatienten

Regenbogen aus Straßenkreiden Alles wird gut

Die Risikogruppe erzählt ist eine kleine Blogreihe, in der wir ganz unterschiedliche Menschen, ihre Familien kennen lernen. Diese Reihe soll uns allen einen kleinen Einblick geben, wie sich unser Alltag und das Leben mit und durch Corona verändert. Heute freue ich mich, dass Tanja hier schreibt, aber lest unbedingt selbst.

 

Hallo Ihr Lieben,

ich bin Tanja und ich bin hier, weil die wundervolle Ju mich gebeten hat, Euch eine Geschichte zu erzählen. Normalerweise erzähle ich meine Geschichten – zur Zeit viel zu selten – bei der lieben Kerstin auf dem Blog „Kerstin & das Chaos“.

Hier geht es um eine Geschichte, die Ju und viele andere zur Zeit selbst auch umtreibt. Ähnlich und doch jede für sich besonders.

Es geht um eine Geschichte aus 2020 und trotzdem fängt sie schon viele Jahre früher an. Es geht um Corona, um Covid19 und was das mit uns macht. Wir, das sind die, die vorerkrankt sind, die einer Risikogruppe angehören oder Angehörige, Lebensgefährten, Freund:innen von Risikopersonen sind.

Unsere Geschichte fängt vor mehr als 10 Jahren an. Mein Freund – schlank, jung, gesund – wacht morgens auf und kann kaum atmen. Ein sogenannter Spontan-Pneumothorax. Da die angedachte Behandlung nicht greift, muss ihm ein Teil der Lunge entfernt werden. Nach der Operation erholt er sich ziemlich gut. Lediglich die Narben erinnern an eine nicht undramatische Zeit.

„Ach Du mein Nudelsieb.“ ist noch heute ein Satz, der ab und an fällt und mit dem ich für mich versucht habe, der Zeit und den Narben den Schrecken zu nehmen.

Durch den Lungenriss vor vielen Jahren ist mein Mann also nun Risikoperson. Seine Lunge wird wahrscheinlich eine Covid Infektion nicht so ohne weiteres wegstecken.

Mein Mann ist nicht offensichtlich als Risikoperson erkennbar. Er ist schlank, dieses Jahr 40 geworden, Vater von 8jährigen Zwillingen – unseren Murmels. Also augenscheinlich erst mal ein total normaler Typ.

Im Frühjahr und Sommer waren wir eigentlich auch noch relativ entspannt. Wir hatten das Gefühl, es selbst in der Hand zu haben, ob wir uns mit dem Virus infizieren. Wir dachten, wenn wir nur gut genug aufpassen, uns weitestgehend isolieren, dann kommen wir schon irgendwie dadurch. Meine größten Sorgen galten meiner Familie in Norditalien.

Der Murmelpapa ist seit Mitte März im Home Office, die Schulen wurden geschlossen und ich musste nur jede zweite Woche ins Büro. Unser Büro wurde für den Kundenverkehr geschlossen, Außendienst war ebenfalls sehr eingeschränkt.

Als die Schulen vor den Sommerferien doch noch wieder öffneten, konnten wir die Murmels relativ problemlos vom Präsenzunterricht freistellen lassen.

Ich will die Zeit zu Hause gar nicht in rosa rot malen. Es gab durchaus Spannungen, besonders im Homeschooling. Ich wollte in meinem Leben nie Lehrerin werden und weiß jetzt auch besser denn je, warum nicht. Wir kamen oft genug an unseren Grenzen, aber wir haben auch viel gelernt. Wir wissen jetzt, wir vier kommen auch über eine längere Zeit auf uns reduziert miteinander klar. Hätte ich Anfang März geahnt, dass wir bald 5 Monate zusammen zu Hause sein werden, hätte ich es nicht für möglich gehalten. Ich wäre überzeugt gewesen, dass das Mord und Totschlag gibt. Wir sind alle vier – diplomatisch formuliert – sehr willensstarke Charaktere.

Kompliziert und richtig anstrengend ist es erst, seit die Ferien – hier in NRW seit Mitte August – vorbei sind. Die Murmels sind wieder in der Schule und der Betreuung. Da sie in der Grundschule sind, gibt es bis heute keine Maskenpflicht im Unterricht. Ich habe wieder uneingeschränkte Präsenzpflicht und mache auch wieder relativ normal Außendienst. Als Sozialberaterin in der Wohnungswirtschaft bedeutet das, dass ich regelmäßig in andere Haushalte gehe. Ja, ich trage immer eine Maske und fordere auch meine Kunden auf Maske zu tragen. Nicht nur mein Mann, sondern auch viele meiner Kunden sind Risikopersonen. Machen wir uns nichts vor, in kleinen Mietwohnungen kann man Abstände nicht einhalten. U. a. mache ich Wohnraumberatung für alte und/oder pflegebedürftige Menschen… Menschen, die diesem Virus nicht viel entgegen zu setzen haben.

Im Privaten schränken wir uns seit März nahezu komplett ein. Wir sind nicht einen Tag im Urlaub gewesen. Wir haben im Sommer zwei Mal Freunde von mir getroffen. Einmal zu Beginn meines zweiwöchigen Sommerurlaubs und einmal zur Einschulung im engsten Familienkreis einer Freundin.

Seit die Murmels wieder zur Schule müssen und dort im Unterricht ohne Maske neben ihren Freunden sitzen, durften sie nachmittags auch Freunde aus ihren Klassen treffen. Meine Murmels sind so aufgeblüht. Im Prinzip habe ich erst im Nachhinein gemerkt, wie sehr ihnen ihre sozialen Kontakte doch gefehlt haben.

Sie waren die ganzen Monate zu Hause so toll, so tapfer. Sie haben das so großartig gemacht. Für mein Empfinden wird immer viel zu wenig gesehen und gewürdigt, was all die Kinder in diesem Jahr aushalten und leisten mussten. Bei den Murmels kommt noch hinzu, dass sie natürlich wissen, wie gefährlich die Situation für ihren Papa sein kann. Als Corona für uns aktuell wurde, war ihr Opa, mein Papa, gerade mal 9 Monate tot. Sie wissen, was Krankheit und Tod bedeutet.

Dieses Paket, was die Kinder gerade alle tragen, ist zu groß. Viel zu groß.

Es wird nicht kleiner, wenn Schule Pflicht und Risiko zugleich ist.

Lehrer:innen, die die Kindern auffordern Masken abzunehmen, weil man sie dann besser versteht. Der Kreis fordert Maskenpflicht auch für Grundschüler. Schule nennt es Empfehlung. In der Betreuung gibt es jahrgangsübergreifende Gruppen. Im Bereich der Schule geht es nicht um den Schutz vor einer möglichen Infektion, sondern lediglich um Nachverfolgung. Wir kriegen alle in den Medien mit, dass die Gesundheitsämter in dem Punkt bereits vielerorts resigniert haben.

Grundsätzlich sagt unser Bauch, wir müssen wieder auf Null mit unseren Kontakten. Nur funktioniert das nicht. Wie soll ich 8 jährigen klar machen, dass sie zwar in der Schule keine Maske tragen brauchen, wenn sie neben ihren Freunden sitzen, sich aber nachmittags nicht treffen dürfen? Auch die Kinder merken alle, wie absurd das ist.

Im Unterricht sitzen sie in kleinen Klassenräumen ohne Maske nebeneinander – auf dem Schulhof, an der frischen Luft, müssen sie Maske tragen. Gleichzeitig sehen sie, wie wir beim Betreten des Supermarktes die Maske aufsetzen und sie beim Verlassen wird abnehmen – also genau umgekehrt. Wie soll ich solche Regeln nachvollziehbar erklären, wenn sie für mich selbst nicht nachvollziehbar sind?

Für uns gibt es auch jetzt im November keinen Lockdown – den gab und gibt es in Deutschland eh nicht -. Für uns läuft eigentlich auch jetzt alles normal weiter. Wir arbeiten, die Murmels gehen zur Schule.

Da eine vollständige Isolation nicht funktioniert, solange die Schulen im Normalbetrieb geöffnet sind, haben wir – wenn auch mit Bauchgrummeln – beschlossen, dass jede Murmel auch nach der Schule eine:n Freund:in treffen darf. Die Eltern der beiden anderen Kinder wissen um unsere Situation und unsere Sorgen.

Der größte Unterschied ist für mich zur Zeit das Gefühl von Kontrollverlust. Bis zum Ende der Sommerferien hatte ich das Gefühl, meine Familien schützen zu können. Ich hatte das Gefühl, dass wir für uns als Familie die Situation unter Kontrolle haben. Dieses Gefühl ist weg. Wir sind Frau Gebauer (Kultusministerin in NRW, FDP) und Herrn Laschet (Ministerpräsident von NRW, CDU) hilf- und hoffnungslos ausgeliefert. Schulöffnungen um jeden Preis. Keine Chance für Alternativen. Im Gegenteil, diese werden strikt untersagt – Stichwort: Solinger Weg.

Dieses Risiko tragen wir raus in die Arbeitswelt. Ich treffe jeden Tag mit Kolleg:innen zusammen, deren Kinder in anderen Städten zur Schule, in den Kindergarten, in die Betreuung gehen. Auch unter meinen Kolleg:innen sind Risikopersonen – wie oben geschrieben, sind viele meiner Kunden Risikopersonen.

Schule auf, damit die Menschen arbeiten gehen können, könnte einen verdammt hohen Preis haben… Zum Thema Schule hat Kerstin vom oben erwähnten Blog „Kerstin & das Chaos“ einen tollen Beitrag aus der Perspektive einer berufstätigen Mutter geschrieben.

Die Menschen, die uns gerne als „kleine Randgruppe“ eingeredet werden, sind mitten unter uns, sind unsere Familie, unsere Partner, unsere Freunde, unsere Kunden, sind wir. Schätzungen zufolge sind 40 % der Bevölkerung Risikopersonen.

Die Illusion, Risikopersonen seien alles alte oder sehr kranke Menschen, ist ein Hohn. Jeder kann Risikoperson sein. Der ein oder andere wird es vielleicht erst im Falle einer Infektion erfahren, dass er tatsächlich selbst ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf hat.

Darüber, wie geschmacklos es ist, eine Krankheit klein zu reden, weil sie mutmaßlich NUR für Alte und Kranke gefährlich ist, brauche ich hier wohl nicht zu vertiefen.

Wir können uns und unsere Lieben nicht alleine schützen. So stark können wir uns alle gar nicht isolieren. Auch wir müssen arbeiten und einkaufen. Wir sind auf den Schutz durch unsere Mitmenschen angewiesen. Angewiesen darauf, dass Menschen sich verantwortungsbewusst verhalten… und dann schalte ich die Nachrichten ein und sehe die Berichte der „Querdenker“-Demo in Leipzig und bin sprachlos.

Statt einer kleinen Geschichte, habe ich jetzt ganz viel Frust hier gelassen. Ich habe diesen Text mehrfach neu begonnen, weil ich immer wieder den Weg des Frusts genommen habe. Scheinbar gelingt mir gerade kein anderer Text.

Das für mich absurde daran ist, dass ich im Großen und Ganzen der Meinung bin, dass wir in diesen schweren Tagen dankbar sein können, eine Regierungschefin, eine Bundeskanzlerin, wie Frau Merkel zu haben – ich, die ich nie CDU gewählt habe und voraussichtlich niemals wählen werde. Ihre Besonnenheit, ihr wissenschaftlicher Sachverstand, hat uns vor vielem bewahrt. Aber leider sind viele Dinge, die unseren Alltag gerade bestimmen Ländersache – Föderalismus. Egal, ob Schule oder Infektionsschutz. Frau Merkel kann in vielen Punkten leider auch nur mahnen und an die Vernunft appellieren.

Auch ich bin nicht wild auf erneute Schulschließungen. Ich will, dass die Murmels zur Schule gehen können, Freunde treffen können. Auch ich würde gerne Urlaub machen, auf Konzerte gehen, Tanzen gehen, Freunde treffen – mir fehlen Umarmungen so wahnsinnig. Aber in erster Linie will ich Sicherheit. Ich will kein Risiko sein, für meine 77jährige Mutter, für meinen asthmakranken Bruder, meinen lungenteilamputierten Mann, für meine Kunden mit multiplen Vorerkankungen.

Ein für mich sehr wichtiger Punkt ist einfach auch die Frage, was macht das mit den Murmels, wenn sie irgendwann feststellen, dass sie eventuell einen Virus in die Familie gebracht haben, der für ihren Papa, ihre Oma, ihren Onkel gefährlich sein kann? Wie sollen wir unsere Kinder in so einer Situation auffangen?

Ich war Anfang September ziemlich stark erkältet. Meine Maus hat sich sofort Vorwürfe gemacht, weil sie einmal auf dem Schulhof ihre Maske vergessen hat. Sie hatte sofort Angst Schuld zu sein…

Was macht es mit mir, wenn ich das Virus von der Arbeit heim bringe oder von zu Hause bei meinen Kunden einschleppe?

Es geht hierbei einfach um Fragen über die körperliche Gesundheit hinaus. Wie sollen wir, wie sollen unsere Kinder mit dieser Verantwortung umgehen?

Die Zeit, dass wir wieder unsere sozialen Kontakte wieder intensiv leben können, dass wir reisen und feiern können, wird wieder kommen. Jetzt ist nun mal gerade die Zeit, wo ihr alle aufeinander aufpassen müssen. Eine Zeit, in der wie andere schützen müssen.

Die Gesundheit und das Leben sollten gerade jetzt unsere höchste Priorität haben.

Wenn ich einen Wunsch hier lassen darf, dann ist dieser: Lasst uns alle mithelfen, alle anderen zu schützen. Seid solidarisch.

Bleibt zuversichtlich

Eure Tanja

Hier noch kleines Postskriptum:

Durch meinen Beruf sehe ich die wirtschaftlichen Ängste und Nöte der Menschen. Ich sehe die häuslichen Konflikte und die immense psychische Belastung. Lasst uns auch hier aufeinander aufpassen.

 

 

Ich danke Dir, Tanja, für diese Eindrücke, ich habe die ganze Zeit mit dem Kopf genickt beim lesen.

Wie geht es euch denn damit?

Eure

wheelymum

Share This:

2 Kommentare

  1. Beate Böhm

    Danke liebe Wheelymum und liebe Tanja, für diesen Beitrag! Besser könnte man die derzeitige Situation kaum in Worte fassen. Mich schockiert die Egozentrik und Rücksichtslosigkeit vieler Menschen. Das was gerade passiert ist weit entfernt von einer inklusiven Gesellschaft.

    Antworten
  2. Lena

    Ich bin tief berührt von deinem Text. Uns geht’s ähnlich…
    Danke für deine Worte und alles Gute für euch!

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert