Vorschnelle Verurteilungen – Schubladendenken hallo

Schubladendenken und vorschnelle Verurteilungen. Nein, das will ich nicht. Ich möchte offen den Menschen gegenüber stehen. Nie weiß man was diese erlebt haben oder was die Gründe für ihr handeln sind. Ja, so ist meine Grundeinstellung.

Aber vielleicht habe ich sie doch noch nicht ganz verinnerlicht. Leider.

Weil ich auch ein Mensch bin der Fehler macht. Wie ich darauf komme? Weil ich mich selbst dabei ertappt habe. Und danach habe ich mich furchtbar schlecht gefühlt.

  • Zeitsprung

Das Januarwunder und ich sind seit 4 Tagen in der Klinik. Tag und Nacht müssen wir alle 3 Stunden inhalieren. Dazwischen schlafe ich schlecht bis gar nicht, weil der Monitor piept, das Baby schlecht Luft bekommt oder schreit. Wir sind isoliert und ich bin mit meinen Nerven und Kräften ziemlich am Ende. An diesem Abend versuche ich früh, direkt nach der 19 Uhr Inhalation einzuschlafen, um meinen Akku wieder etwas aufzufüllen.

Um 21 Uhr kommt die Schwester ins Zimmer. Sie bringt ein Bett mit und meint, wir bekommen heute noch einen Zugang. Ein Kind mit dem selben Virus wie das Januarwunder. Eine halbe Stunde lang geschieht nichts. Dann wird ein größeres Kind in einem Erwachsenenbett herein geschoben. Das leere Bett kommt wieder hinaus. Auch dieses Kind benötigt Sauerstoff und eine Infusion läuft. Es wirkt ruhig auf mich. Die Mama kommt dazu und spricht mit der Schwester. Ich sage kurz „hallo“ bekomme aber keine Antwort. Ich kann die Aufregung und die Anspannung der Mama spüren. Sie spricht mit der Schwester, dass sie kurz heimfahren und Sachen holen muss. Auch das Abendessen für ihre Tochter. Niemand hätte damit gerechnet, dass sie hierbleiben müssen. Die Krankenschwester beruhigt die Mutter und versichert ihr sie kann gehen und die wichtigsten Dinge holen. Die Mutter fährt los, die diensthabende Schwester bleibt noch kurz bei dem Mädchen, dann haben sie Übergabe. Das Mädchen, war bis jetzt ganz ruhig, ich dachte sie würde schlafen. Dann beginnt sie zu schreien. Ich versuche mit ihr zu sprechen und sie zu beruhigen, aber das ganze bringt gar nichts. Ich klingle um Hilfe zu bekommen aber auch hier kann niemand die neue Patientin beruhigen. Verständlich – das Kind ist alleine im Krankenhaus und weiß wahrscheinlich gar nicht was hier geschieht. Nach einer endlosen halben Stunde kommt die Mama zurück. Sie beruhigt ihr Kind und stellt nun fest, dass sie etwas wichtiges zu Hause vergessen hat. Die Situation ist anstrengend und angespannt. Bei uns allen. Das Kind weint wieder und schreit. Das Januarwunder ist schon lange wach und weint mit. Das Mädchen wird wieder etwas ruhiger.

 

Die Mama zeiht ihre Jacke an und sagt zu mir:“Ich muss kurz nach unten eine Zigarette rauchen.“

Ich sitze mit offenem Mund im Bett und genau in diesem Moment habe ich die Mama verurteilt. Ich habe mich gefragt, wie eine Zigarette in dieser Situation wichtiger sein kann, als bei seinem Kind zu bleiben. So viele Gedanken gingen durch meinen Kopf. So viel Unverständnis. Und ich habe noch nicht einmal versucht, die Situation zu verstehen.

Das Mädchen begann wieder zu weinen. 10 Min später saß ihre Mama an ihrem Bett. Frisch geraucht. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Aber ich verstand meine Welt nicht. Ich habe mich nicht eingelassen in ihre Welt. Ich kannte ihre Welt zu diesem Zeitpunkt aber auch nicht. Das änderte sich. In den kommenden Tagen erzählte sie mir von ihrem Leben.

Das Mädchen kam nach einem Blasensprung 10 Wochen zu früh zur Welt. Bis zu diesem Zeitpunkt verlief die Schwangerschaft ohne irgendwelche Komplikationen oder Beschwerden. Die Geburt war turbelnet und gefährlich für Mutter und Kind. Danach zeigte sich auf der Intensivstation, dass das Mädchen eine infantile Zerebralparese hat .

Dazu hat sie seit dieser Zeit täglich Krampfanfälle. Sie ist blind, teilweise taub, kann nicht sprechen, nicht sitzen oder gehen.

Der Vater hat sich von der Mutter getrennt, weil er zwar Kinder möchte, aber nur gesunde. Seit dem ist die Mama Alleinerziehend. Arbeitet Teilzeit als Altenpflegehelferin. Ihre Tochter ist 4 Jahre alt, besucht für 5 Stunde täglich einen integrativen Kindergarten und den restlichen Tag kümmert sich die Mama um sie. Sie hat einen 25 Stunden Job.

Sie erzählt mir, dass sie vor der Schwangerschaft aufgehört hat zu rauchen. Und seit ihre Tochter ein Jahr alt ist, raucht sie so viel wie nie zu vor. Sie schämt sich dafür. Sie isst schlecht, weil sie zu wenig Zeit hat um richtig und gut zu kochen oder in Ruhe zu essen. Sie speist ihre Tochter und danach isst sie selbst schnell ein paar Happen. Sie raucht und trinkt Kaffee. Viel zu viel von beidem. Aber das sind ihre kleinen Auszeiten. Das ist ihre Stressbewältigung, Und Stress hat diese starke Frau mehr als genug.

Sie ging so liebevoll mit ihrer Tochter um. Es war so schön die beiden zusammen zu sehen. Und auch zu sehen,, wie das Mädchen gestrahlt hat, wenn sie spürte, ihre Mama ist da.

Diese Bindung ist so eng und voller Liebe.

Wir haben uns gegenseitig gesagt,  wie gut wir diesen Klinikaufenthalt meistern.Die Situation war für uns alle nicht einfach. Wenn wir aber Zusammenhalten und gegenseitig für uns einstehen, anstatt uns zu verurteilen, dann wird es leichter.

Und wenn es gerade ruhig war, sagte ich zu dieser Mama:

Ich bin da, gehe du deine Pause machen.

Und sie ging eine Zigarette rauchen.

 

 

Eure

wheelymum

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7 Kommentare

  1. P

    Klappt es denn gut wenn du mit dem januarwunder im kh bist? Sind die Zimmer groß genug für dich mit Rollstuhl? Kannst du dich si

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    1. wheelymum (Beitrag Autor)

      Dazu kommt noch ein Beitrag – denn das ist leider nicht in einem Kommentar zu beantworten. Aber die Frage ist so wichtig

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  2. vincent

    Habe Tränen in den Augen. Wichtig ist nicht, dass du Menschen nicht in Schubladen steckst. Wichtig ist, dass du sie da wieder rausholst, wenn du merkst, dass es nicht die richtig ist.

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  3. EsistJuli

    Das mit den Schubladen ist nicht schön, aber einfach menschlich. Würde ich sagen. Sonst kriegt man ja einen Overload, würde man sich immer Gedanken um Hintergründe machen. Und das Gehirn „sortiert“ eben gerne ein.

    Wichtig ist doch, dass man reflektiert und revidiert. Und das tust du doch 😉

    Ich wünsche euch gute Besserung und einen kurzen Klinikaufenthalt!

    Liebe Grüße,
    EsistJuli

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  4. Kerstin

    Du bist nicht allein damit, dich bei diesen Gedanken zu erwischen.
    https://chaoshoch2.com/2018/09/25/augenbraue-hoch-schublade-auf-urteil-gebildet/
    Fühl dich gedrückt.

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  5. Münstermama

    Ich hab Tränen in den Augen. Wie die Päckchen der Anderen aussehen, kann man so oft gar nicht erahnen. Ihr habt das beide toll gemeistert!

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  6. Biene

    Liebe wheelymum,
    Danke für diesen Beitrag. Ja, man urteilt oft zu schnell, aber was viel schlimmer ist, man interessiert sich oft gar nicht für das Päckchen der anderen! Ich musste kurz weinen, jede Mama hat ihre Auszeit verdient! Danke und diese starke Frau hat meinen Respekt verdient.

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