Barrierefreiheit und die Deutsche Bahn – Wie ich eine Reise nach Berlin absagen musste, weil man meinen Rollstuhl nicht aus dem Zug bekam

Eigentlich sollte dieser Text nicht erscheinen.

Denn eigentlich bin ich gerade auf dem Weg nach Berlin.

Eigentlich würde ich jetzt gerade im Zug sitzen und vor Vorfreude würde mein Bauch kribbeln.

Ok,  eigentlich wären wir schon in Berlin, wenn die Gesundheit uns mal nicht wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

Liest sich alles etwas verwirrend. Das kann ich gut verstehen, denn genau so, sieht es gerade in meinem Kopf aus. Ich bin traurig und wütend. Enttäuscht, sauer und traurig.

 

Ich versuche das ganze einmal etwas in eine chronologische Reihenfolge zu bringen:

Zum 5x findet an diesem Wochenende die Blogfamilia in Berlin statt. Die größte deutsche Elternbloggerkonferenz. Es fühlt sich an wie heimkommen und ist einfach nur wunderschön. Man trifft so viele liebe Menschen, steht für etwas ein, zeigt dass auch Elternblogger politisch sind und kann dabei in Workshops und Vorträgen so unheimlich viel lernen.

Das Datum ist schon lange im Kalender gebloggt – im Februar konnte man die Tickets kaufen und mit Glück, eins erhalten. Ich bekam eins.

Nach dem anstrengenden Jahr und Juniors großer Sehnsucht nach Berlin, überlegten wir bereits etwas früher anzureisen und noch ein wenig Zeit in Berlin zu verbringen.

 

 

Aus gesundheitlichen Gründen und einer fehlenden Assistenz, mussten wir diese Pläne kurzfristig verwerfen. Alles gestaltete sich neu, denn eins war klar: Wir wollen nach Berlin. Es war uns so wichtig. Und so wurde in dieser Woche, das Hotel umgebucht (das ist auch alles andere als einfach) und neue Zugtickets gekauft. Leider gestaltet sich auch dieses Unterfangen immer als sehr zeitaufwändig, doch wir haben alle Hürden gemeistert und einen Zug mit freiem Rollstuhlplatz für die Hin und Rückfahrt bekommen – zu ungünstigen Zeiten, aber hey, das war mittlerweile egal.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin….

Oder auch nicht. Denn ich bekam eine Mail und einen Anruf:

Im Zeitraum vom 16.05.2019 bis einschließlich 20.05.2019 ist das Personal auf dem Berliner Hauptbahnhof bereits verplant.

Unsere Reise kann nicht stattfinden – es gibt auch keine Alternativen. Ich habe recherchiert, Twitter voll gejammert und die Ohren heiß telefoniert. Stundenlang.

Es ist keine Kapazität am Bahnhof in Berlin, um mich aus dem Zug zu holen und sonntags den Rollstuhl wieder hinein zu befördern. Nach mehreren Gesprächen mit dem Mobilitätsservice der Deutschen Bahn und dem HBF Berlin, ein kleiner Hoffnungsschimmer. Vielleicht gäbe es eine Alternative – wir sollen mit der Bahnhofsmission in Kontakt treten.

Gesagt, getan. Sie helfen gerne, prüfen das und rufen uns zurück.

Gesagt, getan. Was mir nun, der sehr freundliche Mitarbeiter sagte, lies mich aus allen Wolken fallen:

Ja, sie haben Kapazitäten und würden das auch gerne über nehmen. Aber, es sei ihm jetzt sehr peinlich das zu sagen: es ist von der Deutschen Bahn aus nicht erlaubt, denn der Mitarbeiter hat keine Befugnis, den Knopf des Hebelwagens zu betätigen. Aus versicherungsrechtlichen Gründen, dürfen sie diesen nicht bedienen.

(oder zumindest die Mitarbeiter die Freitag und Sonntag vor Ort sind, das weiß ich nicht genau)

 

Ich musste meine Gedanken erst einmal sortieren und twitterte dann:

Ich explodiere hier gerade. Ich bin so traurig, wütend und enttäuscht.

Das ist ein Behinderns, wie es 2019 es nicht mehr geben dürfte. Barrierefreiheit – was ist das?

Es folgten weitere Telefonate und Mittlerweile die Infos, wir bekommen immerhin unsere Zugtickets erstattet, wenn wir vor! Abfahrt des Zuges, die Reise stornieren eigentlich ist das bei unseren Tickets nicht möglich.

So sind wir wieder zum Servicepunkt und Mitarbeiter an unserem Bahnhof – von dem aus ich übrigens auch noch nicht fahren kann.

Dort wurde der gesamte Fall wieder geschildert und es stellte sich heraus, dass man eigentlich die Tickets gar nicht mehr hätte ausstellen dürfen, da der Berliner Bahnhof überlastet sei. Ein Fehler der Deutschen Bahn.

Auch die Deutsche Bahn twitterte dazu

Bis heute Morgen habe ich weder eine Klärung, noch eine Lösung erhalten. Junior ist jetzt im Kindergarten. Es ist unfassbar.

Ich wünsche euch allen ganz ganz viel Spaß, Zuspruch, Unterstützung und Freude auf der Blogfamilia. Ich denke an Euch und 2020 sind wir wieder dabei – komme was wolle.

 

Eure

wheelymum

Share This:

12 Kommentare

  1. Karin Wehn

    Das tut mir sehr leid zu hören. Ich bin Berlinerin und bei mir hat das Verreisen mit der Bahn von und nach Berlin immer sehr gut geklappt. Wäre es evtl. eine Option, stattdessen nach Berlin Südkreuz, Gesundbrunnen oder Ostbahnhof oder sogar Potsdam zu fahren und dann mit den Öffis weiter? Aber zu entschuldigen ist das Verhalten der Bahn nicht (aber auch sehr berlintypisch, alles mit versicherungstechnischen Gründen NICHT möglich zu machen, leider).

    Antworten
  2. Tabea

    Das ist ja wirklich unfassbar! Ich bin geschockt und es tut mir so leid für eure Familie.
    Mitfühlende Grüsse
    Tabea

    Antworten
  3. Kristin

    Ist es endgültig, dass du nicht fahren kannst?
    Mein Mann hat erst erst gestern in Berlin am Hauptbahnhof einen behinderten Pärchen in den Zug geholfen und keiner der vielen drum herum stehenden Mitreisenden hat mitgeholfen, auch nicht das Bahnhofspersonal. Er war so sauer, das keiner mitgeholfen hat, aber dumm glotzen das geht.
    In Zeiten in denen an jeder Ecke über Inklusion geredet wird ist für mich sowas unverständlich.
    Bitte beschwere dich bei entsprechenden Stellen ( Inklusionsbeauftragter oder Ministerium für soziales)
    Ich Bin der leider was Berlin angeht nicht wissend, ich weiß es nur von meiner Stadt. Alles Liebe
    Kristin

    Antworten
  4. Kessie

    Ich bin gerade sehr traurig. Ich finde es unfassbar und unakzeptabel dass das in der heutigen Zeit noch ein Problem sein kann.
    Es ist so unendlich wichtig dass du dies öffentlich machst. Das darf doch einfach nicht sein.
    Ich schick dir unbekannterweise eine grosse Umarmung. Es tut mir so leid!

    Antworten
  5. Alu

    Liebe Ju, ich bin so wahnsinnig traurig! Ich wünsche mir so sehr eine Lösung. Ihr seid doch ein teil der Blogfamilia, wie soll das denn gehen! Ich hoffe sehr, dass sich einige aktivieren lassen und eine Lösung folgt. Ich finde das einfach unmöglich von der Bahn, euch so im Regen stehen zu lassen. Seufz. lg Alu

    Antworten
    1. Lydiaswelt

      Liebe Ju! Ich habe die Diskussion auf Twitter verfolgt und bin einfach nur entsetzt.

      Antworten
  6. Annio

    Ich bin zufällig über einen Facebook-Eintrag eines Freundes gelandet der den Fall hier verlinkt hat. Unfassbar. Mein spontaner Gedanke war, dass ich zum Bahnhof fahre um beim Aussteigen/Ausrollen zu helfen. Aber wenn schon niemand von der Bahnhofsmission den Hebel betätigen darf, darf ich als Privatmensch wahrscheinlich erst recht nicht.

    Sehr traurig das alles…

    Antworten
  7. Burkhard Tomm-Bub, M.A.

    Guten Tag.
    Haarsträubend! Übel!
    Mein erster Gedanke war, ich fahre auf eigene Kosten auch nach Berlin, drücke als Privatperson illegal den Knopf, lasse mich dann verhaften und erkennungsdienstlich behandeln und fahre dann später auf eigene Kosten wieder zurück.
    Aber ist ja schon morgen und alles wohl zu knapp.
    Trotz alledem alles Gute euch allen!
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub, M. A.
    (50% GdB)

    Antworten
  8. Steffi

    Ist zwar inzwischen zu spät, aber was ist mit dem Begleitservice der S-Bahn Berlin? https://sbahn.berlin/fahren/bahnhofsuebersicht/barrierefrei-unterwegs/vbb-begleitservice/
    Oder gehört das ebenfalls zum Mobilitätsservice der DB? Ich dachte eher nicht.

    Antworten
  9. Carmen

    Hallo liebe Wheelmom,

    Das ist ja wirklich schrecklich was Ihnen passiert ist. Ich sitze selber auch im Rollstuhl und bin auch schon mit dem Zug gereist.Bisher gab es aber keine Probleme.Aber jetzt reise ich das erste Mal nach Berlin und mit dem ICE Zug. Habe auf jedenfall ein Rollstuhlplatz reserviert und auch Hilfe beantragt und werde bei beiden Bahnhofsmissionen Köln nach Berlin vorher nochmal anrufen vor dem Antritt meiner Reise. Sind Sie nach dem Vorfall an die Presse gegangen oder wie haben Sie darauf Aufmerksam gemacht? Ich interessiere mich sehr für das Thema Reisen und mache jetzt einen Workshop. Ich denke den Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter. ev wird das auch sehr interessieren auch wenn es bei dem Workshop um Busreisen geht sowas darf nicht passieren! Aber ich weiß das dies kein Einzelfall ist. Liebe Grüße Carmen

    Antworten
  10. Dagmar Faber

    Da bekomme ich stellvertretend für WM auch den großen Zorn/ Frust😝😤!!! Ich glaube, ich hätte an deren Stelle keinen Mut/ Kampfgeist mehr!!! Ich bewundere DICH sehr, DU lässt nicht locker- beisst in die Waden!!! 🥇🏆dafür!!! Ich bete für Dich/Euch!! Ein herzliches Drückerle an euch beide👩‍❤️‍👩💖

    Antworten
  11. J. Duerr

    Schland, Deine Sesselpuper!!! Aber das macht nix. Deine Alternative ist der Untergang! Leider wehrt sich kein Deutscher gegen öffentliche Zumutungen!

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.